Werkschau: Foo Fighters

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Werkschau: Foo Fighters

Dave Grohl machte sein Ein­-Mann­-Projekt zu einer der kommerziell erfolgreichsten Bands der Welt – ohne jemals Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Am 8. Januar 1995 spielte Eddie Vedder in seiner Radiosendung „Self Pollution Radio“ zwei Tracks. Einer
davon war eine Coverversion eines Songs der Angry Samoans von einem Demo einer neuen Rockband. Dies war das erste Mal, dass die Welt die Foo Fighters zu hören bekam, eine neue Formation, angeführt
vom einstigen Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl. Dabei gab es drei Monate zuvor, als diese Songs aufgenommen wurden, tatsächlich noch gar keine Band. Grohl hatte auf diesem Demo seines neuen Projekts jedes Riff gespielt, jeden Beat gedroschen und jede einzelne Note gesungen. Am 19. Februar 1995 machten die Foo Fighters – mit Ex-Germs-Gitarrist Pat Smear und der einstigen Rhy thmussektion von Sunny Day Real Estate, bestehend aus Bassist Nate Mendel und Schlagzeuger William Goldsmith –, ihre ersten zaghaften Schritte in der (mehr oder weniger) Öffentlichkeit, als sie auf einer Party für Freunde über einem Laden in der Mercer Street in Seattle auftraten. Es vergingen Wochen, bis Grohl sich einen Mitschnitt dieser ersten Show seiner neuen Band
anhörte.

„Es war mir so fucking peinlich“, sagte er 20 Jahre später im Rolling Stone. „Ich dachte, wir klangen super … dann hörte ich die Aufnahme. Mein nächster Gedanke war: Oh … das sind die Foo Fighters? Wir müssen üben!“ Die britische Presse hatte ihn einst als den „Grunge-Ringo“ verspottet, aber Grohl kann es sich leisten, darüber zu lachen. 2021 ist seine Band einer der erfolgreichsten Rockacts des Planeten. Ihr Weg an die Spitze war nicht frei von Turbulenzen. Der lockere und charmant-charismatische Mann aus Virginia scheute sich nie, mutige und bisweilen unbeliebte Chef-Entscheidungen zu treffen, um sich seinen Traum zu erfüllen, doch seine Truppe behielt ihre Glaubwürdigkeit auch mit explodierendem Erfolg. Nach dem abrupten Ende von Nirvana bekam Grohl das Angebot, als Schlagzeuger bei Tom Pettys Heartbreakers einzusteigen. Auf der Bühne mit den Foos strahlt er einen ähnlichen Jedermann-Charme aus wie Petty, was ihm einen Platz im Herzen des amerikanischen Mainstream-Rock-Publikums sicherte. Und die Reise ist noch längst nicht vorbei. „Ich weiß noch, dass es Leute gab, die mich wirklich dafür verachteten, dass ich es überhaupt gewagt habe, nach Nirvana noch Musik zu machen“, sagte Grohl
2009. „Das war so lächerlich. Ich war, mal überlegen, fucking 25? Ich war ein Kind. Klar, da sollte ich wohl zu einem brütenden Eremiten werden und das war ’s. Nirvana sind vorbei, für mich ist es gelaufen, das ist das Ende meines Lebens. Fuck that … Als Nirvana vorbei waren, war ich es nicht. Und das bin ich verdammt noch mal immer noch nicht.“

Unverzichtbar

THE COLOUR AND THE SHAPE (ROSWELL, 1997)

Als dieses Album fertiggestellt wurde, hatten sowohl Gitarrist Pat Smear als auch Schlagzeuger William Goldsmith schon ihre Kündigung eingereicht, während Grohl die Scheidungspapiere von seiner ersten Frau erhalten hatte. Ein Überlebensratgeber von einem Mann also, der seine Welt um sich herum einstürzen sah, und die Geschichte einer Seele in der Schwebe. „Mein Leben ging den Bach runter“, erinnerte er sich. Doch die Musik sollte sein Wegweiser aus der Dunkelheit hinaus werden. ›Everlong‹, ›Monkey Wrench‹ und ›My Hero‹ sind die Highlights hier, doch die ganze Platte ist ihr vollständigstes und kohärentestes künstlerisches Statement.

FOO FIGHTERS (ROSWELL, CAPITOL, 1996)

Nach Kurt Cobains Selbstmord gab es Zeiten, in denen Grohl dachte, er würde nie wieder Musik machen. Für den hyperaktiven Mann aus Virginia war sie immer Eskapismus gewesen, doch jetzt war sie beladen mit düsteren Erinnerungen. „Und dann wurde mir klar, dass Musik das einzige war, was mir aus dieser Dunkelheit heraushelfen würde“, sagte er. Er nahm 15 Songs auf, auf denen er jede Note und jeden Beat selbst einspielte (abgesehen von ein bisschen Fuzz-Gitarre von Greg Dulli). Das Ergebnis war das elektrisierendste und euphorisierendste Album 1995, auf dem ›I’ll Stick Around‹, ›Big Me‹, ›Alone + Easy Target‹ und ›This Is A Call‹ vor Energie und Lebensfreude fast platzten. Ein neuer Tag hatte begonnen.

Wunderbar

THERE IS NOTHING LEFT TO LOSE (ROSWELL, RCA, 1999)

Nachdem Grohl Gitarrist Franz Stahl gefeuert hatte, arbeiteten die Foos für Album Nr. 3 als Trio.
Knackiger Riffrock fand sich hier zwar auch, doch der größte Einfluss war der Softrock der 70er, etwa in Songs wie dem Country­angehauchten ›Ain’t It The Life‹ und dem wehklagen­ den ›Aurora‹, das an Lagerfeuer­sessions erinnerte. „Das war die entspannteste, einfachste und perfekteste Aufnahmesession,
die ich bis dato erlebt hatte“, sagte Grohl später. „Ich kann ehrlich sagen, dass das meine Lieblingsplatte der Foo Fighters ist. Sie ist so relaxed, ehrlich, organisch und authentisch.

WASTING LIGHT (ROSWELL, RCA, 2011)

Aufgenommen von Butch Vig und mit einem Gastauftritt von Krist Novoselic, waren hier drei der vier Männer wiedervereint, die NEVERMIND gemacht hat­ten. WASTING LIGHT ist nicht NEVERMIND und war auch nie dazu bestimmt, doch es zeigt die­selbe Liebe für Lautstärke, Lärm und Melodie und kann als Grohls Dankesschreiben an die Künstler verstanden werden, die seine Jugend begleiteten, von Motörhead bis Hüsker Dü (Bob Mould gastiert auf dem leidenschaftli­chen ›Dear Rosemary‹). „Im Wesentlich versuchen wir hier, alles zu verstehen, was die Foo Fighters in den letzten 15 Jahren
gemacht haben“, sagte Grohl.

ECHOES, SILENCE, PATIENCE & GRACE (ROSWELL, RCA, 2007)

Man muss ihnen zugute halten, dass die Foos sich selbst her­ausforderten und wieder THE­
COLOUR ­AND ­THE ­SHAPE­ Produzent Gil Norton engagier­ten, der sie fortlaufend einbrem­sen sollte bei dem Versuch, das dynamische Spektrum von IN YOUR HONOR auf eine einzige Disc zu packen. Nach dem Adre­nalinschub des Openers ›The Pretender‹, dem aufregendsten Foos ­Erstschlag seit ›This Is A
Call‹, zündet der Rest der Platte nicht mehr so wie erhofft. Den­ noch gab es einen Grammy für das beste Rockalbum, was zeigt, wie hoch sie die Messlatte gelegt hatten.

ONE BY ONE (ROSWELL, RCA, 2002)

Die ersten Sessions für das vierte Foos­Album liefen so schlecht, dass Grohl mit der Auflösung der Band drohte. ONE BY ONE wurde erst gerettet, als er die „Millionen­ Dollar­ Demos“ verwarf, die sie in den edlen Conway Studios in L.A. eingespielt hatten und zu Hause in Virginia noch mal von vorn anfing. Grohl hat seither gesagt, auf ONE BY ONE seien nur vier gute Songs (vermutlich die Singles ›All My Life‹, ›Times Like These‹, ›Low‹ und ›Have It All‹), doch die Platte ist gut gealtert und wurde zu einem ihrer größten
kommerziellen Erfolge.

Anhörbar

MEDICINE AT MIDNIGHT (ROSWELL, COLUMBIA, 2021)

Foo Fighters Medicine at midnight

Grohl, bekannt für knackige Zitate, verglich diese Platte mit Bowies LET’S DANCE, doch die
weichen Funkrock­Grooves des Titelstücks haben wesent­lich mehr Power Station zu ver­danken, während ›Cloudspotter‹ eher an Foghat als an ›China Girl‹ erinnert. Die Singles ›Shame Shame‹ (launisch), ›No Son Of Mine‹ (bissig) und ›Waiting On A War‹ (nachdenklich) bilden das Spektrum des Albums gut ab, doch den größten Eindruck hinterlässt das verträumte ›Chasing Birds‹, einer der schönsten Songs, die Grohl je geschrieben hat. Insgesamt eher eine Konsolidierung als eine Revolution.

IN YOUR HONOUR (ROSWELL, RCA, 2005)

Nach einem Jahrzehnt war es für Grohl Zeit für „etwas Besonderes“. Aufgenommen in seinem eigenen Studio­ 606 Komplex und mit Gast­ auftritten von John Paul Jones, Josh Homme und überraschenderweise Norah Jones, teilte sich dieses Werk in don­nernden Hardrock und intime Akustiktracks auf. Ein großer
Plan, der unvermeidlicherwei­se etwas durchhing, aber mit ›Best Of You‹, ›The Last Song‹ und dem Titelstück als Stadionkiller sowie den zarten ›Cold Day In The Sun‹ und ›Friend Of A Friend‹ mit ihrer
verletzlichen Seite dennoch zu einem Triumph geriet, künstle­risch wie kommerziell.

CONCRETE AND GOLD (ROSWELL, COLUMBIA, 2017)

„Lasst sie uns lang, laut und selt­sam machen“, sagte Grohl sei­nen Bandkollegen. Später bezeichnete er das Ergebnis als „Motörheads Version von SGT. PEPPER“ und „Slayer, die PET SOUNDS machen“. CONCRETE AND GOLD ist nichts davon, aber unbestreitbar ambitioniert in seinem Format und reich an
Einfällen, von den mehrstimmi­gen Refrains mit Echos von Queen bis zur lieblichen Psychedelik von ›Sunday Rain‹, Breitwand-­Hymnen wie ›Run‹ und ›The Sky Is A Neighbor­hood‹. Jegliche Kritik, die Foo
Fighters scheuten Risiken und seien selbstgefällig, wurde hier nachdrücklich entwertet.

Sonderbar

SONIC HIGHWAYS (ROSWELL, RCA, 2014)

„Sonderbar“ ist vielleicht etwas harsch für diese Platte, aber SONIC HIGHWAYS ist eben leichter zu bewundern als zu lie­ben. Als Begleitwerk zur gleich­namigen HBO­-Serie war Grohls „Liebesbrief an die Geschichte der amerikanischen Musik“ von dem Konzept kompromittiert, dass jeder der acht Tracks in einer anderen US­Stadt geschrie­ben und aufgenommen wurde, inspiriert von der jeweiligen His­torie und dem musikalischen Ver­mächtnis. Eine geniale Idee für eine Dokumentation, die perfekt umgesetzt wurde. Die ehrfürch­tige Atmosphäre der Songs kommt auch auf Platte hörbar von Herzen, nur leider ist das alles ein bisschen zu ernsthaft.

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