Werkschau: AC/DC

AC/DC mit Bon ScottNachdem sie die Zauberformel für naturbelassenen Rock‘n‘Roll gefunden hatten, blieben sie ihr auch über 40 Jahre lang treu. Bis heute spielt ihn niemand besser als sie.

Die letzte Phase der langen, strahlenden Karriere dieser Band war schon eine ziemlich seltsame Reise. Der größte Schock war der plötzliche Ausstieg des Rhythmusgitarristen und De-facto-Anführers Malcolm Young nach seiner Demenzerkrankung, vor kurzem dann die traurige Nachricht seines Todes. Zuvor flog Schlagzeuger Phil Rudd raus, nachdem er wegen der Androhung von Mord und des Besitzes von Drogen vor Gericht gelandet war. Die surrealste Wendung folgte damals, als Frontmann Brian Johnson aufgrund der Gefahr permanenter Taubheit seinen Hut während der ROCK OR BUST-Tour nehmen musste und für die restlichen Shows durch Axl Rose ersetzt wurde.

Was nun nach alledem als Nächstes passiert bei AC/DC, darüber kann man nur spekulieren. Sollte Johnson sich erholen, kehrt er vielleicht zurück. Falls nicht, könnte die Band mit einem anderen Sänger weitermachen – vielleicht sogar Axl, falls die Guns-N‘-Roses-Reunion doch wieder in die Binsen gehen sollte. Es ist schon Eigenartigeres passiert, wenn auch nicht viel. So oder so, die Zukunft von AC/DC liegt in den Händen von Angus Young und niemandem sonst: dem einzigen verbliebenen Gründungsmit­glied, dem maskottchenhaften Leadgitarris­ten und, in Abwesenheit seines großen Bruders – dem Boss.

Angus und Malcolm hatten die Band nach dem Tod von Sänger Bon Scott 1980 zusammengehalten. Und heute, so viele Jahre später, sieht es nicht aus, als wolle Angus die Gruppe aufgeben, die die Gebrüder 1973 in Sydney gegründet haben, als er gerade einmal 18 Jahre alt war. Ihre Musik hat sich in dieser Zeit kaum verändert, eine Konzentra­tion aufs Wesentliche, die sich bestens be­­zahlt gemacht hat: 200 Millionen verkaufte Platten sprechen eine deutliche Sprache. Die Blaupause, die AC/DC auf ihren frühen Alben mit Bon Scott etablierten – harter, geradliniger, riffgetriebener Rock‘n‘Roll –, hat ihnen bis zu ihrem bislang letzten Werk ROCK OR BUST von 2014 gute Dienste erwiesen.

Ihre besten Alben entstanden mit Bon Scott, mit einer Ausnahme: BACK IN BLACK. Brian Johnsons Einstand erschien nur fünf Monate nach Scotts Tod und wurde zur meistverkauften Rockplatte aller Zeiten. Und auch wenn die Herren danach nie wieder ein solches Meisterwerk ablieferten, gab es auf den Nachfolgern doch eine lange Parade klassischer, lauter, stolzer, primitiv-genialer Rockhymnen: ›For Those About To Rock (We Salute You)‹, ›Thunderstruck‹, ›Stiff Upper Lip‹, ›Rock N Roll Train‹ …
Was auch immer die Zukunft für AC/DC bringen mag, sie werden für Millionen Fans für immer die größte Hardrockband von allen sein. Und hier ziehen wir vor ihr den Hut.

Unverzichtbar

POWERAGE
Atlantic Records, 1978

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Keith Richards versteht ein bisschen was von Rock‘n‘Roll. Joe Perry auch. Und beide be­­zeichnen POWERAGE als ihren Favoriten von AC/DC. Es ist schlicht und einfach ihr ungefiltertstes Rock‘n‘Roll-Werk. „Die ganze Band meint es ernst, und das hört man“, so Richards. Die rohe Gewalt von ›Riff Raff‹ und ›Kicked In The Teeth‹ ist eine Attacke auf alle Sinne. ›Rock‘N‘Roll Damnation‹ und ›Sin City‹ sind zwei Hymnen, in denen es nur um den Groove geht. Und auf zwei der weniger bekannten Tracks gewährte Scott Einblicke in ein hartes Leben: In ›Down Payment Blues‹ erinnert er sich daran, pleite zu sein, in ›Gone Shoo­tin‘‹ an seine Trauer über eine verstorbene Junkie-Freundin, die „nie an der Schlafzim­mer­türe vorbei kam“.

BACK IN BLACK
Atlantic Records, 1980

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Der Titel und das tiefschwarze Cover kamen nicht von un­­gefähr. Angus beschrieb BACK IN BLACK als „unsere Hommage an Bon“. Doch es wurde so viel mehr als das. Es wurde nicht nur zu ihrem ab­­soluten Bestseller (und dem zweitmeistverkauften Album weltweit nach Michael Jacksons THRILLER), es ist auch die Mutter aller Come­back-Werke und wahrscheinlich auch die großartigste Hardrockplatte aller Zeiten. Klassiker reiht sich hier an Klassiker: ›Hells Bells‹, ›Shoot To Thrill‹, ›You Shook Me All Night Long‹, ›Rock And Roll Ain‘t Noise Pollution‹ und natürlich das geniale Titel­stück. Brian John­son sang, als gehe es um sein Leben. So entstand aus der Tragödie AC/DCs größter Triumph.

Wunderbar

HIGHWAY TO HELL
Atlantic Records, 1979

AC/DC Highway To Hell
Ihr erster Millionenseller und leider das letzte Album, das Bon Scott je machen sollte. Der Erfolg war auch das Re­­sultat eines Produzentenwechsels. Statt des Duos Harry Vanda und George Young saß Robert „Mutt“ Lange an den Reglern, der für ›Rat Trap‹, die Nr. 1 der Boom­town Rats von 1978, verantwortlich gezeichnet hatte. Er ließ AC/DC besser klingen, ohne ihnen die Eier abzuschnei­den. Sie klangen noch immer geil, etwa auf ›Walk All Over You‹ und dem finsteren ›Night Prowler‹, doch es gab auch radiofreundliche Refrains auf ›Touch Too Much‹ und dem Titeltrack.

HIGH VOLTAGE
Atlantic Records, 1976


Das Album, das die Band der Welt außerhalb Australiens vorstellte, stieß nicht nur auf Gegenliebe. Der „Rolling Stone“ beschrieb es als „absoluten Tiefpunkt“ der Rockmusik. Da­­r­auf fanden sich die besten Songs der ersten beiden australischen Veröffentlichungen von 1975: dem Original von HIGH VOLTAGE sowie T.N.T. Zwei der Stücke sind seither Fixpunkte im Live-Set: ›T.N.T.‹ mit seinem räudigen Charme und der dreckige Blues ›The Jack‹. Auf ›Rock‘N‘Roll Singer‹ und ›It‘s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock‘­N‘Roll)‹ hört man einen brennenden Hunger in Scotts Stim­me.

LET THERE BE ROCK
Atlantic Records, 1977

AC/DC- Let there be rock
Malcolm Young sagte über die Musik seiner Band: „Es ist einfach lauter Rock‘n‘Roll – wham, bam, thank you man!“ Kein AC/DC-Album verkörpert das besser als LET THERE BE ROCK. Erschienen 1977, als der Punk im Zenit stand, hatte es einen rohen Klang, eine manische Intensität und einen Straßen-Habitus, der Punks und Headbanger gleichermaßen ansprach. Es wurde größtenteils live im Studio aufgenommen und enthielt zwei Songs, die zu Rockklassikern werden sollten: ›Whole Lotta Rosie‹, Bons Hommage an ein 120-kg-Groupie, und das frenetische, obszöne Titelstück.

IF YOU WANT BLOOD YOU’VE GOT IT
Atlantic Records, 1978

ACDC If You Want Blood
Der Titel des Live-Mitschnitts sagt schon alles. Das Cover auch: Angus, gepfählt auf seiner Gitarre, Bon neben ihm mit glasigem Blick. Ein passendes Bild von einer Band, die auf der Bühne alles gab. Die Auf­nahme entstand 1978 auf der POWERAGE-Tour, ein Großteil der finalen Version kam von einem Gig in Glasgow, dem Geburtsort der Youngs. „Das“, so Angus, „war die magische Show.“ Das lautstarke Pub­likum wurde zu einem Teil dieser Magie und grölte Angus‘ Namen während ›Whole Lotta Rosie‹. Eines der ganz großen Live-Alben.

Anhörbar

DIRTY DEEDS DONE DIRT CHEAP
Atlantic, 1976


Nachdem sie die zweite LP für Atlantic abgeliefert hatten, kam die böse Überraschung. DIRTY DEEDS war, wie der Ti­­tel andeutete, so unverdaulich für Mainstream-Hörer, dass sich das Label weigerte, es in den USA zu veröffentlichen (was sich erst in den 80ern änderte). Nachvollziehbar, denn ein Hit würde nie daraus werden. Doch der Titel­track entwickelte sich zum Live-Liebling. Unter all dem lasziven und primitiven Material – etwa ›Rocker‹, auf dem sich Scott selbst mythologisierte – gewährt das wehklagende ›Ride On‹ einen Blick auf den Mann hinter dem Mythos.

FOR THOSE ABOUT TO ROCK WE SALUTE YOU
Atlantic Records, 1981


Kommerziell haben AC/DC BACK IN BLACK nie übertroffen. Am nächsten kamen sie dem Ziel mit dem Nachfolger, ihrer ersten Nr. 1 in den USA. Der Titelsong erhebt es über jede AC/DC-Platte, die folgte. Angelehnt an das Motto rö­­mischer Gladiatoren, machten es das gigantische Riff, der heldenhafte Refrain und der ex­­plosive Höhepunkt zur größten und lautesten Hymne der Band. Letztmal fungierte Mutt Lange als Pro­duzent, das Er­­gebnis war keinesfalls perfekt. Schwergewichte wie ›Let‘s Get It Up‹, ›Evil Walks‹ und ›Spell­bound‹ lassen dennoch keine Langeweile aufkommen.

THE RAZOR’S EDGE
Atlantic Records, 1990

ACDC The Razors Edge
Auf jedem AC/DC-Werk der letzten 30 Jahre befand sich wenigstens ein Klassiker,von WHO MADE WHO (1986) bis zu ROCK OR BUST (2014). Und der beste allen – noch besser als ›Rock N Roll Train‹ von BLACK ICE – ist ›Thunderstruck‹, der wahnwitzig geniale Opener von THE RAZORS EDGE. Mit An­­gus‘ elektrisierendem Intro, dem unheilvollen „Thunder!“-Chor, Johnsons eiersprengendem Ge­­sang und einem Monster-Riff an der Dreiminuten-Marke ist es AC/DC hoch hundert. Auch wenn sich hier einiger Müll fand, etwa ›Mistress For Christmas‹, standen dem das eingängige ›Moneytalks‹ und der Reißer ›Fire Your Guns‹ gegenüber.

Sonderbar

FLY ON THE WALL
Atlantic Records. 1985

AC/DC - FLY ON THE WALL
Auf BACK IN BLACK machten sie alles richtig. Nur fünf Jahre später, auf FLY ON THE WALL, machten sie alles falsch – schrecklich falsch. 1983 hatten sie nach dem Weggang von Mutt Lange für FLICK OF THE SWITCH die Produktion selbst übernommen – was funktionierte. Mit dem reduzierten, knochentrockenen Klang und einigen saftigen Songs ist es ein unterschätztes Werk. Aber hier misslang alles: Angus und Mal­colm schafften es, wie ihre eigene Tribute-Band an einem schwachen Abend zu klingen, während ihnen mit ›Shake Your Foun­­dations‹ nur eine halbwegs brauchbare Nummer gelang. Kurzum: ein Desaster.

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