Titelstory: Nirvana – Das letzte Jahr der Grunge-Legende

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Titelstory: Nirvana – Das letzte Jahr der Grunge-Legende

Unter dem Motto „wenn ich mich ohnehin schon jeden Morgen wie ein Junkie fühle, kann ich auch gleich einer werden“, bekämpft der Sänger den Schmerz gezielt mit Heroin. Bereits auf einer Europatour 1991 sind Cobains Magenschmerzen so stark, dass er sie nur mit Drogen ertragen kann. „Das ist das Einzige, was mich davon abhält, mir hier und jetzt den Kopf wegzuschießen“, sagt er damals. Das von Anton Corbijn inszenierte Musikvideo zum IN UTERO-Song ›Heart-Shaped Box‹, dessen Konzept Cobain persönlich minutiös ausgearbeitet hat, gilt als symbolschwangeres audiovisuelles Manifest seiner Drogenabhängigkeit. Es ist nach einem Geschenk benannt, das Courtney Love ihm am Anfang ihrer Beziehung überreicht hatte: eine herzförmige Box mit Fixer-Besteck als Inhalt.

Nach dem letzten Nirvana-Konzert, das am 1. März 1994 im Rahmen einer IN UTERO-Europatournee in München stattfindet, wird bei Cobain eine Bronchitis und Kehlkopfentzündung diagnostiziert, woraufhin er zur Behandlung nach Rom fliegt. Dort trifft er sich mit Courtney Love, die ihn am Morgen des 4. März – einer Kombination aus Alkohol und Schlaftabletten geschuldet – bewusstlos im Hotelzimmer vorfindet und den Notarzt verständigt. Zurück im heimatlichen Seattle wird Cobain dann nach einem vermeintlichen Selbstmordversuch im Rahmen einer von Love initiierten Intervention von einer Gruppe Freunde zu einer erneuten Entziehungskur überredet, die er am 30. März in Los Angeles antritt. Doch schon am nächsten Tag flüchtet er über die Anstaltsmauern und steigt in den Flieger nach Seattle (in dem er zufällig den damaligen Guns N’ Roses-Bassisten Duff McKagan trifft).

In den folgenden Tagen wird Cobain zwar in Seattle gesichtet, ist jedoch unauffindbar für Love, die einen Privatdetektiv anheuert. Erst am 8. April findet ein Elektriker die Leiche des 27-jährigen Grunge-Übervaters in den Räumen über der Garage seines Hauses am Lake Washington, das er erst kurz davor für mehr als eine Million Dollar erworben hat. Neben ihm ein Abschiedsbrief, auf seiner Brust eine Remington-Schrotflinte, in seinem Kopf eine tödliche Wunde und in seinem Blut eine immense Konzentration von Heroin. Laut Gerichtsmedizin starb Kurt Cobain am 5. April 1994 durch eine selbst zugefügte Schussverletzung im Kopf.

Natürlich umwehen auch das Ableben des Nirvana-Sängers etliche Verschwörungstheorien, die vor allem auch durch den von Courtney Love angestellten Detektiv Tom Grant befeuert werden, der zwar viele (nicht unbedingt abwegige) Vermutungen, aber letztlich keine stichhaltigen Beweise vorbringen kann.

Was genau sich in den letzten Tagen von Kurt Cobain zugetragen hat, wird die Welt wohl nie erfahren. So oder so hat der physisch und psychisch gepeinigte Musiker mit seinem Einzug in den sagenumwobenen „Club 27“, in dem er unter anderen die Gesellschaft von Jimi Hendrix und Jim Morrison genießt, sein persönliches Nirvana erreicht: „die Freiheit von Schmerz und Leid in der externen Welt“, wie er den Bandnamen einmal erklärte. Wenige Tage nach seinem Tod schnellt IN UTERO von Platz #72 auf #27 in den US-Charts – ein gutes Beispiel für das, was Cobain zu seinen Lebzeiten an der (Musik-)Welt so verabscheut hat.

Erst als acht Jahre später seine Tagebücher veröffentlicht werden, wird klar, wie sehr Cobain seines Lebens überdrüssig gewesen ist. Seit seiner Jugend schwebte permanent ein suizidales Damoklesschwert über ihm, während er zielstrebig darauf hinarbeitete, zum größten Rockstar seiner Generation zu werden. „Ich möchte reich und berühmt werden. Und bringe mich dann um wie Jimi Hendrix“, soll er schon als Teenager einmal zu einem Schulfreund gesagt haben. Und so sehr er auch versucht hat, seine Existenz durch künstlerischen Erfolg mit Sinn zu füllen – es ist ihm Zeit seines kurzen Lebens nicht gelungen. Sein Abschiedsbrief liest sich wie die Kapitulationserklärung eines Menschen, der verzweifelt versucht hat, in dieser Welt zu funktionieren, die Bürde seines Ruhms und seiner bloßen Existenz jedoch irgendwann nicht mehr ertragen konnte.

„Ich fühle schon seit Jahren beim Hören und Erschaffen von Musik oder beim Lesen und Schreiben keine Begeisterung mehr“, heißt es in seinen letzten Gedanken. „Ich fühle mich deswegen über alle Maße schuldig. (…) Ich kann euch nicht mehr täuschen. Das ist weder euch noch mir gegenüber fair. Das schlimmste Verbrechen, das ich mir vorstellen kann, ist, die Leute übers Ohr zu hauen, indem ich so tue, als hätte ich immer noch zu 100 Prozent Spaß. (…) Ich danke euch allen aus der Grube meines brennenden, ekelhaften Magens für eure Briefe und Anteilnahme in den letzten Jahren. Ich bin so ein unberechenbares, launisches Baby! Ich habe einfach keine Leidenschaft mehr, und darum merkt euch: Es ist besser zu verbrennen, als langsam dahinzuwelken. Friede, Liebe, Mitgefühl. Kurt Cobain.“

Das Ende eines tragischen Künstlers und einer der wegweisendsten Bands der Rockmusik, die ihr Territorium mit drei unsterblichen Alben markiert und deren Musik auch nach über zwanzig Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat. Nicht weil sich Kurt Cobain mit einer Schrotflinte den Schädel weggepustet hat. Sondern weil sie einzigartig und unerreicht ist.

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