The Temperance Movement: Tiefer Einschnitt

The Temperance Movement können der amerikanischen Musik viel abgewinnen, doch im Kern sind und
bleiben sie trotzdem Briten. Wenn man sie beschreiben will, kommt man auch 2018 nicht ohne Nennung der Beatles, Stones, Faces und nicht ohne Led Zep und Free aus. Der Blues-Rock ist für sie ein unverrückbarer Grundpfeiler. Phil ist überzeugt, dass man mit diesen Namen
im Rücken nie etwas falsch macht. Die Zeiten können sich än­­dern, die Trends und technischen Entwicklungen auch, aber diese Band vertraut un­­vermindert auf den Rock’n’Roll.

Das ist wahrlich keine überragend neue Erkenntnis, aber Phil geht im Interview ausgiebig darauf ein, was ihn antreibt und was ihm nicht so gefällt. Dabei echauffiert er sich richtig. „Ich wurde 1975 geboren und bin in den 80ern und 90ern groß geworden. In dieser Zeit gab es viele Veränderungen. Lasst uns Synthesizer und Arpeggio-Tasten benutzen und das Schlagzeugspiel rasterartig aufziehen, sagten sich da viele. Der Drummer soll bloß keine Persönlichkeit zeigen und technisch perfekt und geradeaus spielen. So läuft auch alles im Hip-Hop ab, da liegt die Betonung voll auf dem Beat. Meinetwegen, aber diese Herangehensweise langweilt mich ehrlich gesagt zu Tode. Musiker sind zu Sklaven geworden. Sie müssen sich an dem orientieren, was ihnen vorgegeben wird. Spielfreude ist nicht mehr gefragt. Für uns gilt das alles nicht. Wir lieben den den Rock’n’Roll über alles, weil man bei ihm immer merkt, dass er von Menschen gemacht wird. Wir lieben Typen, die ihrem Gefühl vertrauen, keine Grenzen akzeptieren und Musik machen, zu der man tanzen kann. Leute, die zuerst ans schnelle Geld denken und sich eine Stunde lang im Schlafzimmer an den Laptop setzen, schaffen das nicht. Wenn Musik auf diese Weise gemacht wird, kann sie meiner Meinung nach nur echt scheiße sein.“

Paul lacht an dieser Stelle, stimmt ihm zu und stellt einen einen weiteren Punkt heraus, der wichtig ist. „Bei der Mehrzahl der Bands heute wird viel zu wenig auf die Qualität der Songs geachtet. Das ist für uns schwer nachvollziehbar. Wir finden Songschreiber genauso großartig wie Rock’n’Roll-Bands. Tolle Songschreiber gibt es noch eine ganze Menge, man denke nur an Ryan Adams, Israel Nash, Jonathan Wilson, Jason Isbell, Chris Stapleton oder Sturgill Simpson. Im Rock-Bereich gibt es nur wenige Kollegen, die ihr Niveau erreichen. Das ist schon seltsam, wenn man bedenkt, wie es früher war. Da gab es bei den Eagles zum Beispiel gleich fünf exzellente Songschreiber in einer einzigen Band. Dylan und Crosby, Stills & Nash haben musikalisch einiges abgedeckt, aber man hält sie trotzdem zuerst für gute Songschreiber. Uns soll es aber recht sein, wenn es heute so ist.So können wir uns leicht vom Rest absetzen.“

Genau das wird The Temperance Movement mit A DEEPER CUT fraglos gelingen, so viel ist schon vor Veröffentlichung klar. ›Caught In The Middle‹ hört sich stürmisch an, zugleich gefällt das schnittige Gitarrenriff von Paul. ›Built-In Forgetter‹ ist einerseits funky und temperamentvoll, aber es steckt auch ein echter me­­lodischer Break drin, der gefangen nimmt. Der Titelsong ist ruhiger und bei ›Children‹ darf man durchaus an Bruce Springsteen denken. Egal, welchen Song man herauspickt, alle von ihnen sind echte Meisterarbeiten und Vorbilder für andere.

Und da wäre noch etwas. Die Frage nach der Verarbeitung politischer Vorgänge muss auch dieser Band ge­­stellt werden. Allein schon deshalb, weil Paul Engländer und Phil Schotte ist. Natürlich hat der Sänger auch eine Meinung zum Drang nach schottischer Unabhängigkeit. „Das ist für mich echt ein schwieriges Thema. Es gibt viele Schotten, die frei sein und ihr eigenes Land haben wollen. Ich kann das verstehen, zwischen beiden Landesteilen hat es immer wieder Probleme gegeben. Aus diesem Grund gibt es viele schottische Musiker und Entertainer, die sich auf die Seite der Unabhängigkeit schlagen und die Flagge hissen. Ich da­­gegen bin jemand, der seit zwanzig Jahren in England lebt. Alles, was ich in dieser Zeit als Musiker erreicht habe, hat mit dem Leben in London und mit Paul und den an­­deren Jungs in der Band zu tun. Ich befürworte deshalb klar die Einheit. Wir müssen zusammen bleiben. Warum soll man etwas, das sehr lange funktioniert hat, jetzt plötzlich fundamental in Frage stellen?“ Veränderungen soll und darf es geben. Zu weit soll der Einschnitt aber nicht gehen. Man soll sich schon auf eine Sache verlassen können. The Temperance Movement leben das vor und sind deshalb bestens gerüstet. The boys are back in town.

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