The Kinks: Wir gegen die

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The Kinks: Wir gegen die

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Worum es in ›Lola‹ (jedenfalls auch) geht – sein zu dürfen, wer man sein will – ist eine Facette der Freiheit, von der das Album LOLA VERSUS POWERMAN AND THE MONEYGOROUND handelt. Lola steht im Titel gewissermaßen für das Gute. Auf das feindliche Ziel feuert Davies in anderen Liedern der Platte ab. Zum Beispiel in ›Denmark Street‹, in dem er über den Zynismus der Musikbranche schreibt, mit dem es Newcomer zu tun kriegen: „You go to a publisher and play him your song/He says: ,I hate your music and your hair is too long/But I’ll sign you up because I’d hate to be wrong‘“. Der Song klingt nach Vaudeville und Music Hall. Alles ein großes Theater, ein Zirkus. Genauso ›The Moneygoround‹. „Robert owes half to Grenville/Who in turn gave half to Larry …/ He gave half to a foreign publisher“, ätzt Ray da. „Can somebody explain/Why things go on this way?/I thought they were my friends“. Hinter den Namen stecken natürlich die Bandmanager Grenville Collins, Robert Wace und Larry Page, die die Kohle für Songs einstecken, die sie selber nicht mal gehört, geschweige denn etwas dazu beigetragen haben. Also zumindest geht so der Text. Am Rand des Nervenzusammenbruchs kämpft der Ich-Erzähler von ›The Moneygoround‹ vor Gericht um sein Geld, aber falls er es je kriegt, wird er zu alt und grau sein, um was davon zu haben. Soviel steht fest. Es endet im Nihilismus: „Life goes on and on/And no one ever wins/And time goes quickly by/Just like the moneygoround/ I only hope that I’ll survive“.

Das Geldkarussell dreht sich, aber die Kinks dürfen nicht mitfahren. „Es hat mich emotional fertig gemacht“, erinnert sich Ray. „Fünf Jahre lang waren wir in einen Gerichtsstreit verwickelt und unsere Tantiemen wurden einbehalten.“ Er selbst ist es, der nahe am Nervenzusammenbruch ist. Er fühlt sich ausgebrannt. Doch was wäre die Alternative zum Musikbusiness gewesen? Sowohl Ray als auch Dave sind als große Fans von Marlon Brando aufgewachsen. Im Film „On The Waterfront“ spielt Brando einen tragischen Boxer, der sich als Dockarbeiter finanziell über Wasser hält. Jeden Tag aufs Neue steht er in der Bewerberschlange am Hafen und muss hoffen, dass er ausgewählt wird, dass an diesem Tag Arbeit für ihn da ist. Dieses Szenario haben die Kinks auf ihren Song ›Get Back In Line‹ übertragen. „The union man’s got such a hold over me/He’s the man who decides if I live or I die, if I starve or I eat“. Auch ein Erlebnis aus seiner Jugend – als er seinen eigenen Vater einmal in der Schlange vor dem Arbeitsamt hat stehen sehen – hat Ray zu dem Track inspiriert.

„Bis 1966 haben wir in Swinging London gelebt. Dann kam auch noch die WM ’66. (hüstel) Sorry dafür! Aber die Arbeitslosigkeit war währenddessen und Ende der 60er hoch. Es war immer noch die Zeit des Wiederaufbaus, Europa war dabei, eine neue Identität zu finden. ›Get Back In Line‹ ist dazu auch eine Erinnerung an die Zeit der Großen Depression.“ Kurz gesagt: Viele schauen damals in eine ungewisse Zukunft. Im Vergleich dazu ist es vielleicht gar nicht schlecht, in der TV-Show „Top Of The Pops“ auftreten zu dürfen.

Der gleichnamige Song startet mit Trommelwirbel, der Ansagerstimme „Yes, it’s number one, it’s Top of the Pops!“ und einem stumpfen Gitarrenriff. In der Mitte des Stücks macht sich Ray über den Interviewstil von Musikjournalisten lustig: „I’d like to ask you a bit about your influences in your career so far …“ Der Text ist witzig, die Grundaussage relativ vorhersehbar: Die Leute lieben dich, solange du oben bist, wenn der Erfolg vergeht, schauen sie dich nicht mal mehr an. Subtiler ist die wehmütige, beschwingte Folkballade ›This Time Tomorrow‹, die von der Entfremdung des Popstars erzählt, der die Welt nur noch durchs Flugzeugfenster wahrnimmt.

›A Long Way From Home‹ fängt als beschauliches Klavierstück an und springt zurück in die Kindheit der Davies-Brüder. „You’ve come a long way from the runny-nosed and scruffy kid I knew …/I can remember the little things that always made you smile“. Im Refrain setzt das Schlagzeug ein und es geht wieder in die damalige Jetztzeit: „Now you think you’re wiser because you’re older/And you think that money buys everything“. Ray hat den Song als „liebevolle Warnung“ an seinen Bruder Dave (und ein bisschen auch an sich selbst) geschrieben, nicht zu vergessen, wo man herkommt – wenn man sich auch Autos und maßgeschneiderte Mäntel leisten kann. „Als wir erfolgreich wurden, blieb ich vorstädtisch“, sagt Ray heute. „Dave dagegen hing mit Brian Jones, Keith Richards und Jimi Hendrix rum.“

Zwischen Konzert- und Demoaufnahmen gibt es im neuen LOLA-Box-Set eine Sektion, die „Ray’s Kitchen Sink“ heißt. Ganz einfach, weil es sich um aufgezeichnete Gespräche handelt, die die beiden Brüder kürzlich in Rays Küche geführt haben, bei einer Tasse Rosie Lea Tea. Besonders Dave spricht einen so harten Cockney-Dialekt, dass man ihn oft gar nicht versteht. Sie unterhalten sich über die einzelnen Lieder des Albums, und meist geht es so, dass Ray Dave fragt, ob er sich erinnert, worum es bei einem bestimmten Song gegangen ist. Dave sagt erst nein, nicht mehr so genau, und Ray fängt an, es zu erklären, worauf Dave das Ganze nach ein paar Worten doch wieder einfällt: „Yeeees, oh yeeeah, aaaaaw“.

Darauf angesprochen, dass er sich in den Gesprächen gut mit seinem Bruder zu verstehen scheint – bei all den Spannungen, die es zwischen ihnen so lange gegeben hat –, dass sie sich, mehr noch, sogar ziemlich herzlich anhören, entgegnet Ray zunächst: „Es war nur eine Tasse Tee“. Und sagt dann doch noch: „Ich meine, wir würden sonst ja keine Brüder sein. Wir lieben uns, aber es gibt auch Rivalität“. Das schwierige Verhältnis der beiden zueinander ist Dauerthema bei den Kinks. Es macht bis heute einen Teil des Reizes der Band aus (niemand hat as besser verstanden und sich mehr davon abgeschaut als ein anderes im Dauerclinch liegendes britisches Brüderpaar: die Gallaghers von Oasis).

Ray wird am 21. Juni 1944 geboren. Er ist da das jüngste von sieben Kindern und hat sechs ältere Schwestern, die Arbeiterklasse-Familie lebt in Muswell Hill im Norden von London. Ray ist so was wie ein kleiner Prinz, der einzige Junge, der jüngere Bruder. Er wird behütet, all die Aufmerksamkeit und Zuneigung der Mädchen im Haus fällt auf ihn. Doch das hält nicht lange: Knapp drei Jahre später kommt Dave zur Welt. Die beiden wachsen auf mit der britischen Music-Hall-Tradition der Generation ihrer Eltern, durch ihre Schwestern lernen sie den Rock’n’Roll kennen. Als Ray 13 ist, stirbt seine älteste Schwester Rene. Er entdeckt die Musik als etwas, mit dem man irgendwie mit seinen Gefühlen klarkommen kann. Als sie noch zur Schule gehen, fangen er und Dave an, zusammen zu spielen, sie studieren Lieder von Chuck Berry, Little Richard und Buddy Holly ein. Der Bassist Peter Quaife und der Schlagzeuger Mick Avory teilen ihre Begeisterung: Daraus entstehen die Kinks. Im Song ›The Contenders‹, mit dem das LOLA-Album eröffnet, geht es um die Anfangsphase der Gruppe. „Hush little mammy don’t you cry/Got to see what it’s like on the world outside …/Got to be free, we got to be free now“. So naiv wie idealistisch gehen sie in die Welt hinaus, oder was sie für die Welt halten.

„Meine Familie war großartig, ich fühlte mich geliebt und ermutigt, Musik zu machen. Aber die Dinge wurden psychotisch, als Ray und ich anfingen, Hit-Singles zu haben. Wir waren noch Jugendliche und wuchsen inmitten übler Leute in einem der dreckigsten Geschäfte der Welt auf“, sagt Dave später einmal über diese Anfangszeit. Das Verhältnis zwischen Brüdern ist oft ein komplexes Wechselspiel aus Nähe und Distanzierung. Besonders, wenn man altersmäßig so nahe beieinanderliegt wie Ray und Dave. Man hat mehr Zeit miteinander verbracht als mit irgendjemand anderem. Anders als zum Beispiel bei Freunden, die man erst später kennenlernt, meint man, dass einen der andere jederzeit durchschaut. Das macht jede Inszenierung, jede Neuerfindung des eigenen Selbst schwierig bis lächerlich. Bei aller Zuneigung und Intimität ist man dem anderen gegenüber auf gewisse Weise in sich selbst gefangen. Man erkennt sich nicht zuletzt auch in ihm wieder. All das kann dazu führen, dass man sich gegenseitig auf die Nerven geht, wenn man zu viel Zeit miteinander verbringt. Und Ray und Dave hängen andauernd zusammen rum.

Wo bei anderen Geschwistern meist irgendwann jeder für sich sein eigenes Ding macht, ein eigenes Umfeld hat, beide verschiedene Berufe ausüben, bleiben Ray und Dave unter sich. Sie messen sich auf demselben Gebiet, konkurrieren um die Vorherrschaft in der Band. Und je mehr Erfolg sie haben, desto größer werden die Eifersüchteleien zwischen ihnen. „I don’t want to be like a fascist dictator“, singt Ray in ›The Contenders‹, aber so ähnlich muss es Dave vorgekommen sein, wenn der Bruder der Sänger und Hauptsongschreiber in der gemeinsam Band ist. Ray wiederum findet es albern, wenn Dave auf einmal „funny clothes“ anhat und sich in der High Society rumtreibt.

Ein Schlüsseltrack des LOLA-Albums ist ›Strangers‹, eines von zwei Stücken der Platte, die Dave geschrieben hat (das andere ist ›Rats‹). Es ist eine Art Americana-Gospel, mit der Orgel und dem spirituellen Grundton klingt es ein bisschen so, als könnte es auch von MUSIC FROM BIG PINK stammen. „I will follow you wherever you go/If your offered hand is still open to me“, singt Dave darin. „We will share this road we walk/And mind our mouths and beware our talk/’Till peace we find I tell you what I’ll do/All the things that I own I will share with you“. Am Ende stehen die Zeilen: „Strangers on this road we are on/We are not two we are one“.

Dave und er hätten vor den Aufnahmen über das Thema des Albums gesprochen, erinnert sich Ray, damit die einzelnen Lieder zusammenpassen würden. Kurz darauf sei sein Bruder mit diesem großartigen Track dahergekommen. Er ist so was wie ein Friedensangebot. „›Strangers‹ ist aus den ganzen Schwierigkeiten zwischen Ray und mir hervorgegangen“, erzählt Dave. „Es geht um die Idee, dass wir erfolgreich sein können, wenn wir einander vertrauen und zusammenhalten. Es gab Phasen in der Karriere der Kinks, in denen wir mit dem Rücken zur Wand standen und kämpfen mussten.“

In so einer Phase sind die Kinks Anfang 1970. Der Prozess um ihren Plattenvertrag und die Rechte an ihren Liedern läuft damals immer noch. „He’s got my money and my publishing rights“, singt Ray in ›Powerman‹. Die Titelfigur steht für all die miesen Typen im Musikbusiness, die die Künstler abzocken, die gnadenlos jeden Fehler ausnutzen, die ihnen vorschreiben wollen, was sie zu tun haben, ihnen in ihre Songs reinreden und Hits, Hits, Hits fordern. So sieht Ray das. In ›Apeman‹ formuliert er eine Sehnsucht, die – wenn auch auf andere Weise – schon das Album THE VILLAGE GREEN PRESERVATION SOCIETY durchzogen hat: aussteigen, alles hinter sich lassen, den ganzen sogenannten Musikzirkus, das ganze moderne, hektische Leben, den ganzen Mist, der einen niederdrückt. Was dort die grünen Dorfstraßen waren, ist jetzt ein Dschungel voller Kokosnussbäume. Das ist lustig gemeint, klar, aber der Wunsch, frei zu sein, der dahintersteckt, ist es nicht.

Das letzte Stück, ›Got To Be Free‹, ist mit den Zeilen „hush little baby don’t you cry, soon the sun is going to shine“ ein Rückgriff auf ›The Contenders‹ vom Anfang der Platte. Die Helden haben Kämpfe überstanden. Wie es weitergeht, ist ungewiss, aber so leicht macht ihnen keiner mehr etwas vor. „I’ve got to be proud and stand up straight/And let people see I ain’t nobody’s slave/I’ve got to be free before it’s too late“. Die Aufnahmen zu LOLA VERSUS POWERMAN AND THE MONEYGOROUND, PART ONE dauern von April bis Oktober 1970, am 5. November gibt Ray die Mastertapes des Albums bei Warner-Reprise in Los Angeles ab. Die Platte erscheint am 25. November in den USA und zwei Tage später in Großbritannien. In den amerikanischen Albumcharts erreicht sie Platz 35, in der Heimat ist sie ein Flop. Dafür schafft der Song ›Lola‹ es in den UK-Singlecharts auf die Zwei, ›Apeman‹ immerhin auf Nummer fünf.

„Wir haben uns damals vertragen, weil wir einen gemeinsamen Feind hatten, das vereint“, sagt Ray heute über die LOLA-Zeit. „Mit ›You Really Got Me‹ ist der Erfolg gekommen, und der riss uns als Menschen auseinander. Aber ein Lied wie ›Strangers‹ hat uns wieder zusammengebracht. Die Beziehung zwischen Dave und mir hat die Band damals gerettet.“ 1971 läuft der Vertrag mit Pye Records aus, der fünf Jahre anhaltende Gerichtsstreit ist vorbei (er endet mit einer außergerichtlichen Einigung), der US-Bann sowieso. Die Kinks unterscheiben einen Millionen-Deal mit RCA Records und bauen sich ihr eigenes Studio. Sie haben ihren Kampf gegen das Business gewonnen. Sie können künstlerisch machen, was sie wollen, und spätestens jetzt haben sie finanziell ausgesorgt. Sie sind frei!

Zum eigentlich logischen LOLA VERSUS POWERMAN AND THE MONEYGOROUND, PART TWO kommt es nicht. In den folgenden Jahren verlegt sich die Band stattdessen auf theaterartige Konzeptwerke, echte Großtaten gelingt ihr zumindest bis heute nie wieder. 1973 ist die Ehe von Ray Davies am Ende und er schreit von der Bühne, dass die Kinks tot sind und er „verdammt nochmal krank von der ganzen Sache“ ist. Jetzt hat er einen Nervenzusammenbruch.

Es ist ein billiges Klischee: Aber gerade das Anrennen gegen Widerstände hat die Kinks in den späten 60ern zu ihren größten Werken getrieben. Die Wut auf das Musikbusiness und die Frustration, aus Amerika verbannt zu sein – die sich paradoxerweise in feinsinnigen Platten wie SOMETHING ELSE BY THE KINKS oder THE VILLAGE GREEN Bahn brachen. LOLA ist das Album, in dem dieses Anrennen gipfelte und mit dem es endete. Eine Art Bandbiografie auch bis zu diesem Punkt. Sie hatten einen gemeinsamen Feind, und für einen kurzen Moment waren die Kinks tatsächlich: eine Einheit. Ray Davies in ›The Contenders‹: „We’re not the greatest when we’re separated, but when we’re together I think we’re going to make it“.

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