Sixx: A.M.: Retrospektive eines Träumers

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Sixx: A.M.: Retrospektive eines Träumers

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Die Exzesse und das Grenzgängertum hat Nikki Sixx lange hinter sich gelassen. Der 62-Jährige ist seit Jahren trocken, glücklicher Familienvater, ernährt sich gesund, macht Sport und befindet sich laut eigenen Aussagen in einer der besten Phasen seines Lebens. Die Zeit, die ihm die Pandemie bescherte, hat der Mötley-Crüe-Gründer sinnvoll investiert: Nach einem Umzug aufs Land machte er sich an sein neues Buch „The First 21“, für dessen Erstellung er Ahnenkunde betrieb und die Ergebnisse in Form einer autobiografischen Coming-of-Age-Story mit vielen Tipps, Reflexionen und Einsichten in seinen speziellen Blick auf die Welt spickte. Begleitet wird der Band von einem neuen HITS-Album seiner Band Sixx:A.M. inklusive dem neuen Song ›The First 21‹. Im Interview mit CLASSIC ROCK wirkt der Rockstar sehr nahbar und plaudert gut gelaunt über Persönliches und die vielen Projekte in seinem Leben.

In deinem Buch „The First 21“ zeigst du dich von einer neuen Seite. Warum?

Was mir an diesem Projekt besonders gefällt ist, dass es um die Zeit der Unschuld geht. Ich sage jetzt nicht, dass ich die Presse hasse, aber ich kann Click bait einfach nicht ausstehen. Jede Schlagzeile über mich oder die Band ist negativ. Hier war das Feedback durchweg positiv, das hat ich sehr gefreut. Ein Rock’n’Roller wie du versteht vielleicht, wie die harten Passagen in Rockstar-Biografien zu bewerten sind, aber Außenstehende kapieren das oft nicht. In dem Fall ist es einfach so, dass sich sehr viele Menschen mit dem Buch identifizieren können.

Mötley Crüe haben ja aber auch kein Geheimnis aus den ganzen Eskapaden gemacht …
Ja, aber in Bezug auf mein Leben mit Mötley Crüe wollen die Leute nur über die Autounfälle und Drogenexzesse sprechen. Dabei wird vergessen, dass es auch 40 Jahre voller Musik und Songwriting und Touren gibt. In dem Buch geht es eben nicht um Mötley Crüe, sondern darum, seinen Traum zu finden und zu verfolgen. Ich bin jetzt in meinen 60ern und vergesse schon fast, wie ich als Teenager und junger Mann war. Für dieses Buch habe ich meine ganzen alten Erinnerungen wachgerüttelt, habe Familie und alte Freunde besucht. Da dachte ich mir: „Wow, ich war sogar damals schon irgendwie verrückt.“

Wann hast du während der Pandemie die Idee für dieses Buch entwickelt?
Es bricht mir das Herz, wenn Künstler ihr ganzes Leben lang auf einen Traum zuarbeiten, Geld verdienen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Nach wenigen Jahren sind sie dann weg vom Fenster, weil sie nicht richtig gehaushaltet haben. Das finde ich schrecklich, weshalb ich etwas schreiben wollte, das den Leuten klar macht, dass Geld ihnen dabei helfen kann, frei zu sein. Nicht nach dem Motto „Oh schau, wie toll und reich ich bin“, sondern einfach als Hilfestellung. Ich bin während der Pandemie nach Wyoming gezogen, mitten in die Natur. Ich saß auf einem Fels und schrieb ein paar kurze Verse auf: „To my friends: it’s not you that was lost, but once I started flying I forgot how to stop“. Dann wurde mir
schlagartig klar, dass ich zurück- gehen und meine Geschichte noch mal von den Menschen hören musste, die mir am nächsten standen. Meine Tante, mein Onkel, meine Cousins. Das war sehr kathartisch, weil ich so viel über mich selbst gelernt habe. Irgendwann als Teenager saß ich beispielsweise wohl mal mit meinem Cousin in einem Park und sagte zu ihm: „Ich werde mal ein Rockstar“. Da war mir noch nicht mal klar, was das bedeutet.

Warum genau war das Buch – neben der Retrospektive – kathartisch für dich?
Ich hatte immer ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater. Vor fünf Jahren besuchte ich
meine Tante und meinen Onkel. Wir sprachen über meine Vergangenheit, meine Mutter. Jeder in meiner Fami lie war immer sehr schweigsam. Von meiner Mutter habe ich mitbekommen, dass mein Vater ein drogenabhängiger Alkoholiker war, bevor er uns im Stich gelassen hat. Ein Scheißkerl, kurz gesagt. Das hatte ich also mein Leben lang mit mir herumgetragen. Doch dann meinte mein Onkel damals plötzlich: „Frank? Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals mit einem Drink in der Hand gesehen habe“. Das schlug bei mir ein wie eine Bombe. Es stellte sich heraus, dass alles, was mir erzählt worden war, nicht der Wahrheit entsprach. Dieses Gift hat mir natürlich auch geholfen, es hat mich Songs wie ›Shout At The Devil‹ erschaffen lassen, aber das neue Buch konnte ich mit viel mehr Empathie schreiben.

Es ist verrückt, dass diese Wut, die du dein Leben lang mit dir her umgetragen hast, unberechtigt war.
Das ist ein sehr seltsames Gefühl. Tatsächlich habe ich viele Charakterzüge von meinem Dad. Eine tolle Sache, wenn du bei Mötley Crüe spielst: Die Leute verklagen dich ständig wegen der lächerlichsten Dinge. „Oh, ich habe einen Autounfall nach dem Crüe-Konzert gebaut, ich verklage die Band.“ (lacht) Einer der Gegenanwälte meinte mal zu seinen Mandanten: „Das Problem mit Nikki Sixx: Er brennt lieber
sein ganzes Haus nieder, als dir eine Hälfte davon zu geben“. Das habe ich von meinem Vater. Es tut gut, so etwas endlich zu verstehen. Und meine Frau meinte letztens nur zu mir: „Ich kannte dich, den jungen Nikki Sixx, schon immer. Du bist ein Träumer“. Und irgendwie ist doch jeder in den ersten 21 Jahren seines Lebens ein Träumer. Du genauso wie ich.

Wärst du Nikki Sixx, wenn du in einer intakten Vorzeigefamilie aufgewachsen wärst?
Wahrscheinlich hätte ich eine Band wie ABBA gegründet. (lacht) Naja, das kann man schwer beantworten, aber wahrscheinlich nicht. Viele meiner Songs wurden von dieser Wut, diesem Gift getrieben. Bis heute kann ich diese Dämonen ausmachen. Die verschwinden nicht, die verstecken sich nur in einer Ecke. Auf dem letzten Sixx:A.M.-Album ist ein Song namens ›Wolf At Your Door‹, darin
geht es genau darum, um meinen Entzug, um James’ Depressionen. Schwere Themen müssen nicht immer aggressiv umgesetzt sein, aber manchmal geht es nicht anders. Einmal ging ich durch eine Trennung und hatte eine Songidee namens ›Ditch The Bitch‹. Wahrscheinlich canceln mich jetzt alle Frauen, weil ich vor lauter Wut mal so einen blöden Einfall hatte. (lacht)

Ach, solche Ged anken hatten wir alle schon.
Eben! Heute bin ich eher jemand, der alles dokumentiert. Ich brauche immer ein Notizbuch bei mir, weil die Ideen zu den unmöglichsten Zeiten kommen und ich sofort alles aufschreiben muss , sonst vergesse ich es. Gerade denke ich über ein neues Projekt nach. Vielleicht will ich als nächstes ein Buch herausbringen, bei denen ich meine Fotos mit Poesie oder Kurzgeschichten kombiniere.

Was ist die Quintessenz deines neuen Buches?
Dass man seiner Leidenschaft folgen sollte und die Bereitschaf t haben muss, wirklich alles zu geben. Das ist harte Arbeit. In einer Band zu sein, ein Künstler zu sein. Die Leute meinen gerne: „Ach, der steht spät auf, kann wie Jimi Hendrix spielen, hat eine Mansion und perfekte Haare“. Nein, das ist harte Arbeit.
In den Anfangstagen hatten wir gar nichts, wir duschten unter dem Gartenschlauch, hatten kein Geld für Essen. Als ich das Buch schrieb, habe ich meine ganzen Nebenjobs aufgelistet, die Diebstähle, das Blut, das ich verkauft habe. Kurz dachte ich mir: „Wow, ich wirke wie ein richtiger Krimineller“. (lacht) Aber der Grund dafür war ja, dass ich meine Miete zahlen musste, dass ich mir endlich einen Bass kaufen musste. Mal schauen, wie viele Anzeigen ich deswegen wieder mal sammle, wenn das Buch raus ist.

Wann ist der Song ›The First 21‹ entstanden?
Erst habe ich das Buch fertig geschrieben, danach kam mir die Idee zu dem Song. Das Coole ist, dass ich bei meinen Familienbesuchen alte Filme gefunden habe, die wir digitalisiert und mit einer tollen Regisseurin namens Lucy zu einem Video verarbeitet haben. Das ganze Paket – der Song, das Buch, das HITS -Album, das Video – ist ein sehr cooles Erlebnis, wie ich finde.

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