Shrapnel Records: Die schnellsten Gitarristen der Welt

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Shrapnel Records: Die schnellsten Gitarristen der Welt

Friedmans erste Band Vixen war auf U.S. METAL VOL. II zu hören und fand sich später im selben Jahr nach dem Namenswechsel zu Hawaii auch auf VOL. III wieder. Varneys wichtigste Entdeckung folgte aber, als er eine Kassette von einem jungen, ehrgeizigen Schweden namens Yngwie Malmsteen erhielt.

Mike Varney: Als ich Yngwie hörte, konnte ich es kaum fassen. Er spielte klassisch inspirierte Gitarrenparts in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Ich wusste sofort, dass er den allergrößten Einfluss auf amerikanische Musiker haben würde.

Yngwie Malmsteen: Ich dachte, fuck it, ich versuch’s einfach mal, und schickte mein Tape. Ich erwartete nichts, aber Mike Varney rief an und sagte: „Pack deinen Scheiß zusammen und komm rüber!“ Ich hatte eine Band, eine Freundin, eine Katze, ein Studio. Ich sagte: „Okay. Fuck it. Ich bin dabei.“ Wie ein Wikinger eben.

Mike Varney: [Der Sänger] Ron Keel wollte eine Band zusammenstellen mit einem außergewöhnlichen Leadgitarristen, also schlug ich Yngwie vor und er sagte: „Ja, der Typ ist super“. Daraus wurden Steeler.

Ron Keel (Sänger bei Steeler): Dieses Album [STEELER von 1983] ist einer der Eckpfeiler jener Ära. Aber Yngwie und ich waren beide zu stur, um Kompromisse einzugehen, und es wäre ohnehin egal gewesen – er wäre trotzdem ausgestiegen, um zu Alcatrazz zu gehen, als er den Anruf von [Ex-Rainbow-Frontmann] Graham Bonnet bekam, egal wie die Situation ausgesehen hätte.

Mike Varney: Ich wusste, dass Yngwie zu ehrgeizig war, um lange bei Shrapnel zu bleiben. Also ging er, und der Rest ist Geschichte. Innerhalb von wenigen Monaten hatte Malmsteen sowohl Steeler als auch Shrapnel hinter sich gelassen. Aber Varney hatte nun genug Glaubwürdigkeit, um seinen Status als „der Typ mit den Samplern“ hinter sich zu lassen, und wurde von den Demos aufstrebender Shredder geradezu überrollt. Als Labelboss hielt er es schnell und billig. Von einem Freund konnte er zu Sonderkonditionen Prairie Sun mieten, ein Studio im Sonoma County nahe bei L.A., wo er selbst produzierte. Mike Varney: Ich machte alles. Ich nahm die Bands unter Vertrag und war der Produzent. So war das Label von Anfang an profitabel. Wir verkauften keine Riesenmengen Platten, aber genug, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Marty Friedman: Das war alles ganz schön billig. Sieh dir nur die Albumcover an! Die Plattenhülle von Hawaiis ONE NATION UNDERGROUND war so eine Katastrophe, dass es schon wieder lustig war. Es gab überhaupt kein Geld für Artworks oder irgendetwas sonst. Das ganze Ding kostete 800 Dollar.

Mike Varney: Wir hatten die Idee der „100 Hour Shrapnel Challenge“, wo eine Band eine Platte in 100 Stunden aufnehmen und abmischen musste. Manche Leute sagen, dass allein das Mixen in 100 Stunden nicht möglich sei. Wir bewiesen ihnen das Gegenteil.

Marty Friedman: Man konnte ja sonst nirgends hin, da die Major-Labels sich überhaupt nicht mit Heavy-Musik abgaben. Selbst bei den Indies gab es so gut wie nichts.
Mike Varney: Ich bekam immer mehr Zeug. Tony MacAlpine wurde zu einem unserer wichtigsten Künstler. Am Anfang aber schickte er mir Demos, wo er mit einer Band spielte. Es ging mit einem Metal-Riff los, und dann war da dieser Sänger, der irgendwas plärrte und schrecklich den Ton verfehlte. Ich bekam dieses Tape immer wieder und dachte nur: „Oh nein, dieser Typ schon wieder.“ Aber irgendwann schickte er mir dann diese Instrumentals, und die hauten mich einfach nur um.

Tony MacAlpine (Sologitarrist/-Keyboarder): Als er anrief, dachte ich, dass ein Freund mir einen Streich spielte. Aber er wollte tatsächlich, dass ich an die Westküste ziehe. Darüber musste ich erst mal nachdenken. Ich war sehr beschäftigt als Student des Klaviers am College, und von Massachusetts nach San Francisco zu ziehen, war ein großer Schritt für mich.

Mit der Künstlerriege wuchs auch der Ruf von Shrapnel als Heimat junger Gitarren-Heißsporne, die virtuose Sechs-Saiten-Akrobatik in neue Sphären heben wollten. Varneys Kolumne bei „Guitar Player“ wurde zum Schaufenster für neue Talente – von denen viele bei Shrapnel gesignt werden sollten.

Paul Gilbert: Nicht lang nach Randy Rhoads’ Tod kontaktierte ich Mike. Ich war erst 14, aber ich konnte viele von Randys Songs spielen und war frühreif genug, um zu glauben, dass ich mal in Ozzy Osbournes Band einsteigen könnte. Ich schickte Mike ein Tape von mir und er sagte: „Ich glaube nicht, dass Ozzy einen 14-jährigen Gitarristen will. Aber weißt du was? Mir gefällt dein Stil, also schick mir doch ein paar eigene Stücke von dir und wir können vielleicht eine Platte machen.“

Vinnie Moore (Vicious Rumors/Sologitarrist): Mikes Kolumne war für mich der Schlüssel. Ich wurde in der Januarausgabe 1985 vorgestellt. So kam es dazu, dass ich auf diesem Pepsi-Werbespot spielte. Die Handlung ist, dass dieser Lieferjunge mit Pizza und Pepsiflaschen auftaucht, aber niemand einen Flaschenöffner hat. Also fange ich an, an der Gitarre durchzudrehen, und die Kronkorken fliegen rum. Das war improvisiertes Shredden.

Paul Gilbert: Als Mike die Demos hörte, an denen ich arbeitete, sagte er oft: „Da ist nicht genug Gitarre.“ Ich wollte mehr wie Van Halen sein, wo es mehr um die Songs geht. Mike erwiderte: „Du hast dein ganzes Leben, um das zu tun. Fülle jedes Loch mit Gitarre und mach es intensiv.“

Tony MacAlpine: Ich spielte auf zwei Alben von Vinnie Moore und produzierte eins von Joey Tafolla, auf dem auch Paul Gilbert war. Shrapnel wurde wie eine Kommune. Wir bauten diese Szene auf, indem wir all diese Platten veröffentlichten. Das passierte alles durch Mundpropaganda. Neben den Sologitarristen zog Varney auch eine Handvoll Bands heran. Cacophony brachte Marty Friedman und Jason Becker zusammen, währen Racer X den Talenten von Paul Gilbert eine Bühne bot.

Paul Gilbert: Als Racer X [1986] an STREET LETHAL arbeiteten, waren das unsere „Hungernde Künstler“-Tage. Unser Bassist verpackte in einer Fabrik Süßigkeiten. Wir lebten von kostenlosem Zuckerzeug. Machmal frage ich mich, ob das der Grund dafür war, dass wir so schnell spielten, weil wir ständig von dem Zucker so aufgedreht waren.

Marty Friedman: Das Debüt von Cacophony [SPEED METAL SYMPHONY von 1987] sollte ursprünglich mein Soloalbum werden. Es war schon zu 80 oder 90 Prozent geschrieben und ich wollte gerade ins Studio, um es aufzunehmen, als Varney mit diesem Tape von Jason zu mir kam und sagte: „Du musst dir diesen 16-jährigen Jungen anhören!“ Ich ließ Jason in meine Wohnung kommen, nur um Mike einen Gefallen zu tun, aber ich verliebte mich in diesen Burschen. Wenn ich ihm meine Sachen vorspielte, die das absolut perverseste Gitarrenzeug waren, das nie irgendjemand sonst draufhatte, konnte er es direkt nachspielen.

Mike Varney: Bei einigen der Bands war ich skeptisch wegen der Texte. Es gab eine Zeit, da konnte man einen Dämonen aufs Cover tun und es WRETCHED BEAST nennen, und das würde sich dann vielleicht 5000 mal verkaufen. Jüngere Leute kauften die Platten und ich wollte ihnen sowas nicht in die Hände geben. Ich wollte vielmehr mit dem reinen Talent und der Musik an sich überzeugen.

Marty Friedman: Die Leute waren total empört über Musik mit zu expliziten Texten. Mike wollte wohl nicht verklagt werden. Er hatte auch Angst vor dunkler, dissonanter, höllischer Musik, während ich dafür kämpfte, genau das bei Cacophony beizubehalten. Wir standen auf diese düsteren Sachen à la Stravinsky und Philip Glass und wollten die Grenzen dessen ausloten, was man mit Gitarren machen konnte. Wenn es zu dissonant war, wurde Mike ganz rot im Gesicht, rieb sich die Schläfen und sagte: „Ich weiß nicht, Mann, das klingt ziemlich böse.“ Und dann wussten wir, dass es gut war.

Mike Varney: Viele dieser Jungs tourten nicht viel allein. Interessierte Labels sagten, sie wollten die Bands live sehen, aber ich antwortete ihnen, dass mir das egal war. Ich sah mich nie als irgendetwas anderes als einen Produzenten. Mehr Produzent als Labelinhaber.

Marty Friedman: Es gab ja keine Social Media, also hattest du nur das, was die Plattenfirma tat. Im Fall von Shrapnel also nichts. Mike veröffentlichte die Platte und das war’s. Ich kann ihm das als Geschäftsmann nicht vorwerfen. Er tat das, was er liebte, und verdiente damit Geld. Aber man sah all die anderen Bands von den Major-Labels, für die Anzeigen in den Zeitschriften geschaltet wurden, die Videos drehten und auf Tour gingen. Wir hatten nichts davon.
>> Joe Satriani und Steve Vai, beide nicht bei Shrapnel unter Vertrag, waren die „respektablen“ Gesichter der Szene, doch die Shrapnel-Acts hatten die jugendliche En-ergie auf ihrer Seite. In den späten 80ern waren Flinkfinger wie Jason Becker, Greg Howe und ein Teenie-Wunderkind aus Philadelphia namens Richie Kotzen zu Gilbert, Friedman, MacAlpine und den anderen gestoßen.

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