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    Rush: Wellenreiter

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    Rush: Wellenreiter

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    Nach dem „deprimierend“ zermürbenden Entstehungsprozessvon HEMISPHERES schien sich beim nächsten Album alles zu fügen. Mit PERMANENT WAVES zeigten sich Rush auf dem Gipfel ihres Könnens und stießen in völlig neue Sphären vor.

    Wer die Wendeltreppe hinunter zu Geddy Lees Kellerstudio in seinem Haus in Toronto nimmt, betritt eine wahre Schatzkammer aus Gitarren und Bässen, die jeglichen verfügbaren Platz an den im Schottenkaro dekorierten Wänden einnehmen. Klassiker und kaum bekannte Modelle in jeder erdenklichen Farbe bilden einen lackierten Regenbogen aus Instrumenten in einem Raum, in dem mehr als einmal Musikgeschichte geschrieben wurde. In der hintersten Ecke hängt ein handgefertigter Bass, der fast so historisch ist wie dieses Heimstudio: ein blasser Fender Jazz mit dem „Le Studio“-Logo auf dem Hals. Geddy holt ihn von der Wand und fängt an, auf seinen Saiten herumzuzupfen. „Ein Typ namens Mike Bump und die Leute vom Fender Custom Shop haben ihn mir geschenkt“, sagt er. „Das Holz stammt von der Tür zum Aufnahmeraum bei Le Studio. Alex [Lifeson] bekam eine Telecaster und Neil [Peart] ein paar Schlagstöcke. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte wohl Fender kontaktiert und sie wissen lassen, dass dieses Holz existierte. Dann machte er sich die Mühe, es Mike zu schicken. Wir wussten nichts davon, es war also sehr emotional, als die Sachen ankamen, denn all die Erinnerungen an die Aufnahmen in dem Studio kamen wieder hoch.“

    Le Studio am Lake Perry im Hügelvorland der spektakulären Laurentinischen Berge („Es war wahrlich ein Teil der großartigen kanadischen Landschaft“, so Geddy) markierte als neues Studio nicht nur ein neues Jahrzehnt für Rush, sondern auch eine neue Ära, in der sie ihre Arbeitsweise änderten, ihren Songwriting-Prozess und – ganz ohne Übertreibung – ihren Platz in der Welt. Um zu verstehen, wie sich Rush 1980 weiterentwickelten, muss man erst ans Ende der 70er Jahre zurückkehren. Nach den verhältnismäßig einfachen Aufnahmen zu A FAREWELL TO KINGS fanden sich die Kanadier im Sommer 1978 wieder in den Rockfield Studios in Wales ein – und kamen nicht vom Fleck. Das Songwriting verlief schleppend, kreative Energie verflüchtigte sich, aus Tag wurde Nacht und ihre Arbeitsweise wurde auf den Kopf gestellt.

    „Während der Arbeit an HEMISPHERES waren wir wie diese Mönche. Irgendwann bei der Entstehung dieses Albums hörten wir auf, uns zu rasieren, und wurden zu grotesken Prog-Kreaturen, die in dieser Scheune an dieser Platte werkelten. Wir arbeiteten die ganze Nacht und schliefen den ganzen Tag. PERMANENT WAVES war das genaue Gegenteil davon. Man muss sich daran erinnern, dass HEMISPHERES die Platte war, die einfach nicht aufhören wollte. Alles an ihrer Entstehung war außergewöhnlich schwierig. Wir waren viel zu lange in Wales. Ich kann mich an nicht mehr als drei Momente in diesen über drei Monaten erinnern, in denen wir diesen Bauernhof mal verließen. Wir waren sehr zufrieden mit der Platte an sich, aber es fühlte sich an, als hätten wir ein Stück von uns selbst darin verloren. Außerdem wurde mir auch klar, dass wir formelhafter wurden – ohne es zu merken, waren diese lange, epischen Stücke, die eine ganze Plattenseite einnahmen, zur Routine geworden: die Ouvertüre, das Motiv hier, das Motiv da noch mal wiederholen … Das war an und für sich komplex, doch Fakt war, dass wir uns wiederholten, und das wollte ich nicht. Also versuchten wir bewusst, die Richtung zu ändern. Nach dem Motto: Können wir mit einem Limit von sieben Minuten arbeiten? Können wir uns diese Grenze setzen und sehen, ob wir das melodischer und interessanter machen können, aber immer noch komplex? Das war unser Ziel.“

    Als sie bereit waren, die Songs für ihr nächstes Album zu schreiben, das dann PERMANENT WAVES werden sollte, zogen sich Rush wie seit jeher in die stille Einsamkeit nördlich von Toronto zurück. Diesmal ließen sie sich in einem Wochenendhaus in einem Ort namens Windermere im Bezirk Muskoka nieder. Dort nahmen neue Ideen Gestalt an, beflügelt von der Absicht, ihre Songs kürzer zu machen. „Aber das ist das Ding bei der Musik von Rush“, sagt Lee mit einem Lachen, „fünf Minuten fühlen sich wie 20 an.“ Lifeson, Lee und Peart richteten sich ein und all das Equipment, das sie mitgebracht hatten, füllte den gesamten Keller aus. Den ganzen Tag lang saßen Lee und Lifeson an entgegengesetzten Enden des Sofas und spielten sich auf akustischen Gitarren Riffs und Ideen zu. „Wir schrieben den ganzen Tag“, erinnert sich Lifeson, „und nahmen unsere Skizzen mit einem Kassettenrekoder auf, während Neil in seinem Zimmer an den Texten arbeitete. Nach dem Abendessen kamen wir dann alle im Keller zusammen, wo Neils Schlagzeug den meisten Platz einnahm, und arbeiteten als Band die Arrangements aus. [Produzent] Terry Brown wohnte zwar nicht bei uns, aber als diese Arrangements erblühten, stieß er immer mal wieder zu uns.“ „In der Vorproduktion verbrachte ich ein paar Tage mit den Jungs in Windermere“, erzählt Terry Brown. „Das war gut investierte Zeit. Vielleicht sehen sie das anders, aber ich glaube nicht, dass wir im Studio noch irgendwelches Material geschrieben haben, so gut war das in dem Wochenendhaus gelaufen. Es gab immer noch Feinabstimmung und Änderungen, bis wir einen Take für das Album aufnahmen, aber der Großteil davon passierte im Le Studio.“

    „Wir hatten viel geprobt und waren gut vorbereitet. Die Songs waren da“, sagt Lee. „In der Abgeschiedenheit von diesem Haus hatten wir wirklich gute Songwriting-Sessions gehabt. Ich habe sehr deutliche Erinnerungen daran, wie wir dort ›Spirit Of Radio‹ und solche Stücke schrieben, wir beide, im Wohnzimmer auf unseren Akustischen rumklampftend, während Neil ab und zu mit seinen Textblättern auftauchte.“ „›Spirit …‹ ist auch für mich eines der besonderen Lieder“, fügt Lifeson hinzu. „Aber auch ›Freewill‹ und ›Jacob’s Ladder‹, und das ist nur die erste Seite. Ich denke, wir waren sehr zufrieden damit, dass unser Songwriting sich in verschiedene Richtungen entwickelte, aber wir alle als Musiker unseren ganz eigenen Klang beibehielten.“ „Die Stärke der Songs und der Beginn von Alex’ Faszination für ferngesteuer te Flugzeuge“, so Lee, „das sind meine nachhaltigsten Erinnerungen an das Haus. Sobald wir mal Pause machten, ging er nach draußen und versuchte, diese Flugzeuge zu fliegen. Und natürlich gingen sie irgendwann verloren und wir mussten Suchtrupps losschicken, um die Dinger zu finden! Diese fanatische Liebe für Modellflugzeuge nahm er dann auch ins Le Studio mit, und da verloren wir auch ein paar davon.“ Neil Peart besuchte 2014 das damals schon leer stehende Le Studio (ein Feuer zerstörte das Gebäude dann später) und stand in den Überresten, um sich an seine Zeit dort zu erinnern. „Es ist traurig, dass es nicht mehr existiert, und sehr traurig, dass keine Rockband mehr diesen Rückzugsort genießen wird“, reflektierte er. „Was es künstlerisch und persönlich bedeutet, den ganzen Tag zusammen im Studio zu arbeiten und dann abends Volleyball zu spielen. Diese Erfahrungen, künstlerisch und als zusammen arbeitende Einheit.“

    Welche Magie auch immer im Herbst 1979 vom kanadischen Himmel fiel, für Rush wurde sie zu einer kreativen Goldgrube. Jeden Tag kam ein neues Juwel zum Vorschein. Alle sechs Songs waren schon komplett ausgeformt, doch bei Rush gab es natürlich immer noch Detailarbeit und die Band schliff jedes der Stücke, bis es strahlte. „›Freewill‹ ist für mich das Highlight“, so Lifeson. „Für uns alle war es eine Herausforderung, das zu spielen, aber ich weiß noch, wie begeistert ich war an dem Tag, als wir es aufnahmen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich auf dem hohen Stuhl direkt hinter [Tontechniker] Paul Northfield saß, während Terry zu meiner Rechten an der Konsole Gitanes rauchte. Ich bin mir sicher, dass wir auch ›Spirit Of Radio‹ im Kontrollraum machten, denn so arbeiteten wir: auf einem Hocker, hinter Paul sitzend, während Terry immer wieder mal von hinten gegen Pauls Stuhl trat, wenn der mal wieder gedankenverloren wegdriftete!“ Wenn man sich heute die Fotos von diesen Sessions ansieht, erblickt man eine Band, die vor Energie strotzt, und jedes Mitglied lacht und fühlt sich wohl. Verglichen mit der kraftraubenden Herkulesaufgabe von HEMISPHERES, bei der die Band in der Dunkelheit arbeitete und den ganzen Tag schlief, war PERMANENT WAVES fast ein Kinderspiel. „Es waren die kleinen Dinge“, erinnert sich Lee mit Freude. „Wir waren mehr mit unseren Familien in Kontakt – sie waren nur ein paar Stunden entfernt, nicht einen ganzen Ozean –, und wir waren in dieser wunderschönen, natürlichen Umgebung. Das Haus, in dem wir wohnten, war ein paar Gehminuten vom Studio entfernt, jeden Tag durch den Wald. Die Atmosphäre war viel anregender, spontaner, und das Album spiegelt diese Energie wider.“ „HEMISPHERES war zeitweise deprimierend“, sagt Lifeson.

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