Rory Gallagher: Der Blues Brother

Uie Dynamik aufrecht zu erhalten, begannen Gallagher und seine Band sofort nach ihrer Rückkehr aus den USA mit der Arbeit am zweiten Album DEUCE. Die Sessions fanden in den Tangerine Studios in Dalston statt, einem heruntergekommenen Stadtteil im Osten von London. Aufgrund seines enormen Raumhalls wurde das Studio normalerweise von Reggae-Künstlern bevorzugt, doch es gab einen bedauerlichen klanglichen Nachteil: Es befand sich direkt neben einer Bingohalle, weswegen die Band immer außerhalb der Öffnungszeiten arbeiten musste, um die typischen „Two fat ladies!“-Rufe zu vermeiden, die durch die Wand drangen.

DEUCE erschien nur sechs Monate nach dem Debüt im November 1971 und versah den tighten Blues auch mit keltischen Einflüssen, vor allem auf ›I’m Not Awake Yet‹. ›Don’t Know Where I’m Going‹ wiederum war eine Hommage an einen von Gallaghers großen Helden, Bob Dylan. Da die Band vor, während und nach den Aufnahmen weiter auftrat, hatte sie nur wenig Zeit, um den respektablen UK-Charteinstieg auf Platz 39 zu feiern. Über die Jahre hat das Album Legionen berühmter Fans gewonnen, von Judas Priests Glen Tipton über Ace Frehley (Kiss) bis zum verstorbenen Comedy-Genie Bill Hicks, der behauptete, mehrere Exemplare verschlissen zu haben. Auch Johnny Marr gehört zu den Verehrern. „DEUCE war ein absoluter Wendepunkt für mich“, sagte der einstige Smiths-Gitarrist dem „Guitar“-Magazin 1997. Marr hat zugegeben, dass er als Teenager versuchte, den Look von Gallaghers zunehmend mitgenommener und abgewetzter Stratocaster mit seinem eigenen Instrument zu kopieren – unter Einsatz einer Lötlampe und eines Holzmeißels im Kunstunterricht.

Angesichts seiner Leidenschaft für Live-Auftritte war es nur logisch, dass Gallagher beschloss, als Nächstes ein Live-Album zu veröffentlichen. Das einzige Problem dabei war, dass Polydor davon nichts wissen wollte – Live-Alben verkauften sich nicht und er war immer noch ein relativ neuer Künstler. Weniger von sich überzeugte Musiker hätten vielleicht nachgegeben, doch nicht der sture Ire. Es war ein Willenskampf, bei dem es nur einen Gewinner geben konnte.

LIVE IN EUROPE, das dritte Album des Gitarristen innerhalb eines Jahres, erschien im Mai 1972 mit jener legendären Coveraufnahme von Rory mit seiner Stratocaster, die er sich mit 15 gewünscht hatte. Gewisse Bandmitglieder hatten es frech in LIVE IN LUTON – nach einem der weniger glamourösen Orte, an denen es entstanden war – umgetauft, doch die Platte fing die explosive Kraft von Gallaghers Live-Show definitiv ein. Der Opener, ein Cover von ›Messin’ With The Kid‹ des Chicagoer Bluesers Junior Wells, und die Schlussnummer ›Bullfrog Blues‹, die die Band in bester Form zeigte, sollten zu Synonymen für Gallaghers Live-Sets werden, während Bob Dylan erfolglos versuchte, den Gitarristen für eine Neuaufnahme des Traditionals ›I Could’ve Had Religion‹ anzuheuern, nachdem er seine Version davon auf diesem Album gehört hatte.

Auf beiden Seiten des Atlantiks wurde LIVE IN EUROPE zu Rorys bis dato erfolgreichstem Album, doch das gnadenlose Arbeitspensum der Band hinterließ bald seine Spuren bei Wilgar Campbell. Als einziges Mitglied mit Familie war ihm die Belastung des Tourens zu viel und er begann bald, Auftritte zu verpassen. Er brachte das Fass schließlich zum Überlaufen, als er ausgerechnet an dem Tag ausstieg, als die Band nach Irland fliegen sollte, um ein Konzert zu spielen, das für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Zum Glück war ein Ersatzmann in greifbarer Nähe. Rod de’Ath war einst Drummer bei der Bluesband Killing Floor gewesen; er war aber auch Gerry McAvoys Vermieter. Gallaghers Agent rief de’Ath an, um zu fragen, ob er kurzfristig nach Irland fliegen könne. „Rorys Mutter holte mich mit einem Taxi am Flughafen in Cork ab und wir rasten nach Limerick“, sagt de’Ath, ein Exzentriker mit Augenklappe, der gerüchteweise in den frühen 90ern gestorben ist (siehe Kasten). „Ich wusste nicht, dass die Show gefilmt werden würde, bis wir dort ankamen. Es war die erste Farbübertragung im irischen Fernsehen. Außer Taste hatte ich davor noch keines von Rorys Alben gehört.“

Mit de’Ath am Schlagzeug verwandelte die Band eine Niederlage in einen Triumph. Zurück in London, stieß Campbell wieder zur Gruppe, doch er schaffte nur ein paar Shows, bevor er einen kompletten Zusammenbruch erlitt (er starb 1989 an durch seine Alkoholsucht verursachten Leberproblemen). Rod de’Ath sprang wieder ein, auch wenn er nicht sicher war, ob er nun ein Vollzeit-Mitglied der Band war oder nicht. „Wir besiegelten es per Handschlag“, sagt de’Ath, der daraufhin bis 1976 mit Gallagher spielte. „Ich glaube, dass er das mit Gerry auch so gemacht hatte.“ „Ich war nie offiziell gefragt worden, ob ich der Band beitreten wollte“, bestätigt der Bassist. „Rory ließ sich eben nie in die Karten blicken. Er ließ nie etwas durchblicken.“

Als Gallagher im Dezember sein drittes Studioalbum BLUEPRINT aufnahm, hatte sich einiges verändert. Beflügelt von de’Aths energetischem Schlagzeugstil, hatte der Gitarrist sein Powertrio mit dem Keyboarder Lou Martin aus Belfast zum Quartett erweitert. Gallaghers persönliche Lebensumstände hatten sich ebenfalls verändert. Er war nach Gent in Belgien ins Steuerexil gegangen. Dort freundete er sich mit Roland Van Campenhout an, einem Bohémien und Musiker, der bei Blue Workshop Gitarre spielte. McAvoy deutet an, dass eine gewisse Chemie zwischen Gallagher und Van Camperhouts Freundin Christine existierte, einem Model, das offensichtlich vernarrt in den Gitarristen war. Daraus entwickelte sich allerdings nichts Bindendes, wie bei allen anderen potenziell ernsthaften Beziehungen in Gallaghers Leben. McAvoy ist der Meinung, dass der Gitarrist so besessen in seiner Leidenschaft für sein Handwerk war, dass er sich nicht von Frauen ablenken ließ: „Ich denke, der wahre Grund dafür, warum Rory nur ungern Menschen in sein Leben ließ, war, dass er einfach zu sehr auf seine Musik konzentriert war.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here