Udo Lindenberg – DAS VERMÄCHTNIS DER NACHTIGALL (1983-1998)

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Udo Lindenberg – DAS VERMÄCHTNIS DER NACHTIGALL (1983-1998)

Udo Lindenberg

Im Käfig aus Zeitgeist und Himbeergeist (und anderen Likörchen).

Lindis Zeit bei Polydor, das sind 15 Jahre, in denen der 37- bis 52-jährige Udo die zweiten eineinhalb Dekaden seiner Karriere mit allen erdenklichen Schattierungen erlebte und diese auf unglaublichen 17 (hier allesamt remasterten) Studioalben mit, ohne und wieder mit dem Panikorchester verarbeitete. Dabei rangierte El Panico zwischen den höchsten Höhen und doch recht tiefen Tiefen, die so ein Genie von angetüdeltem Ikarus auf einem 80er-Flug durch sauren Regen über Mauern (manchmal des guten Geschmacks) und ideologische Blöcke hinweg eben so erreichen kann. Für die neue Plattenfirma ging es 1983 gleich gut los. Der Vorgänger, die Teldec Schallplatten GmbH, und der („Punk“-)Rock von KEULE wurden abgelegt, die 80er wurden mit ODYSSEE und den Glenn-Millerschen Synthie-Bläser-Liebesgrüßen an Honey Honecker angeknipst: Der ›Sonderzug nach Pankow‹ brachte den bis dahin größten kommerziellen Erfolg und einen weiteren Geschichtsbucheintrag – einer dieser Momente in Lindenbergs Schaffen, in denen er nicht nur Zeitgeistversteher war, sondern sich selbst mitten ins Zeitgeschehen drängelte.

Udo hatte neben seinen wortverspielten Panik-Blödeleien mit Hörspielcharakter von Detektiven, Spionen, Boxern, Gespenstern, Außerirdischen und nautischer Shanty-Romantik sein Ost-West-Hauptthema gefunden und stilistisch konnte man die eingeschlagene Richtung in den nächsten Jahren erst mal immer weiter ausreizen (ohne damit zunächst aus der Zeit zu fallen). So geschehen auf GÖTTERHÄMMERUNG mit dem heute noch unheimlich aktuellen ›Sie brauchen keine Führer‹, SÜNDENKNALL, dem wirklich starken RADIO ERIWAHN inklusive sechs grandioser, historischer Live-Aufnahmen aus Moskau und dem für heutige Ohren doch schwierigen PHÖNIX. Doch ganz ohne geniale Momente, das macht diese Box immer wieder deutlich, geschah nichts bei Lindenberg. Und so gab es auch 1986 das süffisante ›Americans In Europe‹ (nach den ›Russen‹, die in 15 Minuten auf dem Kurfürstendamm sind, und den Sauerkraut eatenden Autobahn-›Germans‹ klar auch noch fällig gewesen) und natürlich den gigantischen Hit ›Horizont‹, der den stärksten Udo zeigt, den es gibt: Der ehrlich empfindende und verletzlich die Innenwelt nach außen kehrende Emotionalo, der seiner an einer Überdosis gestorbenen Freundin und Privatsekretärin Gabi Blitz nachsingt.

Nach FEUERLAND 1987 kommt der Abschied vom Panikorchester und mit HERMINE – seiner Mutter gewidmet – ein Ausrufezeichen der Karriere, das neben dem 1997 mit dem Filmorchester Babelsberg eingespielten BELCANTO am deutlichsten den Intellektuellen, Musikkenner, Chansonnier und geschickten Anachronisten Lindenberg zeigt. Mit der Bukowski-Anlehnung aus Octa-Drum-Reggae ›Dirty Old Man‹ und dem textlich entgleisten 80s-Barock ›Die Klavierlehrerin‹ auf CASANOVA mag er dagegen in den damaligen Post-Falco-Höhepunkt von 1988 vielleicht gerade noch gepasst haben, heute ist es dafür nur aus Gründen der Vollständigkeit schön, das Album in der Sammlung zu wissen. Danach gewinnt unsere Nachtigall mit den Wachsflügeln wieder etwas an Höhe und erkennt 1989, wieder einmal am Puls der Zeit, bereits vor der Wiedervereinigung das nächste große Problem und besingt den aufkochenden Fremdenhass in der ›BR-D-DR‹ auf BUNTE REPUBLIK DEUTSCHLAND. Anfang der 90er ist dann wirklich nicht Udos stärkste – eher eine halbstarke bis halb starke Phase. Und doch gibt es noch immer diese teils bis heute berühmten, teils neu zu entdeckenden Lichtblicke: Neben Schatten (dem Wichsvorlagen-90s-Dance von ›Renate von Stich‹) auf ICH WILL DICH HABEN gibt es beispielsweise ›Ein Herz kann man nicht reparieren‹ oder ›Unterm Säufermond‹ auf GUSTAV (dem intensiven, aber etwas durchwachseneren väterlichen Pendant zu HERMINE). ›Er wollte nach Deutschland‹ auf PANIK PANTHER zeigt die Wirkung der fleißigen Stimmölungen über Jahre ebenso deutlich wie Udos Blick für die Welt und den 15-jährigen Geflohenen, der nur wohin wollte, „wo nich’ überall geschossen wird“. Nach dem Konzeptalbum BENJAMIN dauerten die frühen Hippe-di-Hop-90er bei Lindenberg noch bis KOSMOS (1995), das dafür das wohl intensivste Stück dieser Ära, ›Dach der Welt‹, beinhaltet.

Mit UND EWIG RAUSCHT DIE LINDE kehrte 1996 das „echte“ Panikorchester und der Rogg’n’Roll von damals zurück – im neuen 2018er-Mix noch trockener und unmittelbarer als davor! Und dann passiert, was so oft unserem jodeltalentierten Singvogel geschah. ZEITMASCHINE ist ein Album wie die derbste Achterbahnfahrt. ABER: All das kann man jetzt in einer (kräftigen) Hand halten, limitiert und nummeriert, in einem geschmackvoll aufbereiteten Zeitdokument aus 20 CDs und einer DVD. 14 zusätzliche, mal verstörende, mal erhellende Raritäten-Versionen, die (fast erschreckend) wirklich gar nicht schlechten englischsprachigen Alben I DON’T KNOW WHO I SHOULD BELONG TO sowie das erstmals in dieser Form veröffentlichte CASANOVA und eine entzückende Musikvideo-Sammlung aus unschuldigen VHS-Unbeholfenheiten ferner technologischer Epochen werden von einer bei Lindenberg so sinnvollen Weltchronik jener Epoche, ausführlichen Liner-Notes und wunderbarem Fotomaterial plus Plakat des SÜNDENKNALL-Cover-Gemäldes begleitet. Udo hat schon recht in seinem Grußwort: „Ist ja echt alles super liebe- und ehrenvoll hier aufbereitet.“

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