R.E.M.: OUT OF TIME → UP TO DATE

Ihr wart Teenies, als es mit R.E.M. losging, und seid als Mitglieder einer weltberühmten Band groß geworden. Vor fünf Jahren tratet ihr dann aus dieser Blase heraus. Wie verlief euer „reales Erwachsenwerden“ seit der Auflösung?
Michael: Ich erkannte, dass die Menge an Energie, die ich in R.E.M. gesteckt habe, andere Aspekte in meinem Leben ausgebremst hatte. Ein einfaches Beispiel wäre, endlich einmal einen Roman lesen zu können. Insgesamt muss ich sagen, dass mir der Übergang leichter fiel, als ich befürchtet hatte.

Und du kannst dir heute nicht mehr vorstellen, Sänger in einer Band zu sein?
Michael: In einer anderen Band als R.E.M.? Nein, das will ich auf keinen Fall überhaupt in Erwägung ziehen! Ich kann mich mir als Sänger von R.E.M. vorstellen, aber das ist schlicht und einfach vorbei.

Für euch zählte nur die Musik. Das einzige, was heute für euch von R.E.M. geblieben ist, sind Business-Meetings und Interviews, was auch nicht zu euren liebsten Beschäftigungen zählen soll. Stimmt euch das traurig?
Michael: Ich liebe Interviews! Ich weiß gar nicht, woher du das hast! Na gut, vielleicht habe ich einen gewissen Ruf. (alle lachen laut)

Mike: Ich wollte gerade sagen!

Michael: Ich unterhalte mich wirklich gerne mit Menschen. Ich hasse es nur, 6000 mal dieselben Fragen zu beantworten.

Dann muss ich diese jetzt besonders gerissen stellen: Als ihr 1991 mit ›Losing My Religion‹ bei den MTV Video Music Awards abräumtet, trugst du, Michael, mehrere Shirts mit unterschiedlichen Slogans wie „Handgun Control“, „Rainforest“, „Love Knows No Colors“. Das war kurz nach Ro­­nald Reagan und während der Amtszeit von George Bush. Würde diese Show nun morgen stattfinden, was könnten wir auf deinen T-Shirts lesen?
Michael: Oh mein Gott, sie würden mich herausschneiden, soviel steht absolut fest. Traurig ist, dass die 25 Jahre alten Sprüche von damals noch heute dringend angebracht wären. Das macht mich wirklich traurig. Ich dachte, unsere Generation würde es schaffen, erfolgreicher für unsere Anliegen zu kämpfen, als wir es am Ende taten. Natürlich wurde kulturell und politisch schon Großes erreicht, aber mir ging das alles nicht schnell genug.

Ist es nicht besonders deprimierend, dass es nach einigem erreichten Fortschritt jetzt weltweit Rückschläge setzt?
Michael: Ich hatte vor Jahren eine Unterhaltung mit Präsident Clinton über die amerikanische Politik, die immer zwischen Entwicklung und Rückgang schwankt. Die Entwicklung kann fortschreiten und fortschreiten und fortschreiten, doch immer werden irgendwann dem Fortschritt entgegenwirkende Rückschläge auftreten. Und hier befinden wir uns jetzt, eine Woche nach der „Mutter aller Rückschläge“. Und ja, das ist ein angsteinflößendes Szenario. Aber: Fortschritt wurde errungen und ich als öffentliche Person, als New Yorker, als Amerikaner, als Weltbürger, als Humanist werde sehr hart kämpfen und für die Dinge einstehen, an die ich glaube. Und ich werde mit jedem Schritt versuchen, eine Regierung davon abzuhalten, uns in irgendetwas zurückzuschleifen, das nicht progressiv ist.

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