Reef: „Bon Scott war mein erster Held“

Reef Press18 Jahre – eine verdammt lange Zeit. Die meisten Bands haben nicht mal eine so lange Karriere. Okay, die meisten haben sie auch nicht verdient. Reef hingegen haben einfach mal eine Pause von 18 Jahren zwischen ihrem letzten Studioalbum GETAWAY und dem nun vorliegenden REVELATION eingeschoben. Sänger Gary Stringer steht Rede und Antwort.

„Was ich so lange getan habe? Nun, ich habe mir ein Haus auf dem Land ge­­kauft und meine Kinder zur Schule gebracht. Aber, ich bin immer noch nachts um zwei Uhr aufgewacht und meine Ge­­danken kreisten um Melodien und Texte. Ich dachte, vielleicht lässt mich die Musik ja in Ruhe, aber das tat sie nicht. Also habe ich Jack (Bessant, Bassist des Quartetts aus Glastonbury) angerufen und wir haben einige Garagen-Me­tal-Kracher unter dem Banner Them Is Me aufgenommen. Dann haben wir zwei sanftere Akustik-Werke als StringerBessant eingespielt. Das erste, YARD, kam über Xtra Mile (Frank Turner, Beans On Toast) raus und war bis auf ein wenig Hammond-Orgel und ein paar Cellos komplett akustisch. Das zweite, THE SB BAND, und auch THEM IS ME wurde auf unserem eigenen Label Garston Records veröffentlicht, es bewegt sich mehr in der Tradition von Neil Young mit Band.“ (Ganz tolles Album! Anm. d. Verfassers)

2000 kam das letzte Album (GETAWAY, ihr viertes), 2002 begannen Reef mit Produzent George Drakoulias die Arbeit am fünften. „Nach sieben Songs war Weihnachten und wir legten eine Pause ein und flogen nach Hause. Unser Drummer Dom Greensmith offenbarte uns am Flughafen, dass er genug hatte und aussteigen würde. Wir hatten jedoch eine UK- und Japan-Tour gebucht und haben mit einem Schlagzeuger namens Nathan Curran die Gigs absolviert. Aber Ende des Sommers 2003 war uns allen klar, dass wir eine dringende Pause brauchten, denn ich wollte nicht, dass sich die Band wie ein Job anfühlt.“

Das Werk wurde nie vollendet, vier Tracks landeten aber auf dem Greatest-Hits-Album TOGETHER, ein paar weitere auf der dazugehörigen Single ›Give Me Your Love‹. Den Rest kann man als Album mit dem Titel LUCKY NUMBER FIVE als Teil des opulenten Boxsets 93/03, bestehend aus einer LP, neun CDs, einer DVD und einer (Demo)-Kassette, finden.

2010 standen Reef dann plötzlich wieder gemeinsam auf der Bühne. „Live Nation offerierte uns sechs Shows, deren Tickets sich ra­­send schnell verkauften. Für einige Jahre haben wir dann in den jeweiligen Sommern Festivals gespielt und schließlich eine Stand-alone-UK-Tour gebucht. Ich wollte aber mehr, wollte kreativ sein und neue Musik schreiben, das ist sehr wichtig für mich. Verstehe mich nicht falsch, ich liebe unsere alten Songs und wir spielen sie wahnsinnig gern live, dennoch muss ich neue Musik machen. Jack und Dom waren sofort dafür, aber Kenwyn (House, der Gitarrist von Reef bis 2014) wollte sein eigenes musikalisches Ding durchziehen. Also schlug er vor, dass wir einen neuen Mann einarbeiten und bot sogar seine Mithilfe bei der Suche an.“ Den letzten Song, den Reef mit Kenwyn aufnahmen, war ›Barking At Trees‹ zu einem Film namens „Winter“. „Wir haben dann mit sechs oder acht Gitarristen geprobt, aber nur mit Jesse Wood schrieben wir auch einen Song während der Audition. Sein Sound und sein Stil veränderte die Dynamik der Band, alles fühlte sich frei und frisch an. Wir machten uns auf die Suche nach einem neuen Management (ihr ehemaliger Manager Martin Gilks, Ex-Drummer von The Wonderstuff, starb im April 2006 in London an den Folgen eines Motorradunfalls), aber das Wichtigste war, dass wir anfingen neue Tracks zu schreiben. Ständig und ununterbrochen. Auf zwei weiteren UK-Tourneen und diversen Festivals testeten wir die neuen Nummern auf Herz und Seele und schauten, was gut bei den Fans ankommt. Uns war bewusst, dass wir ein großartiges Album machen mussten.“

Jesse Wood ist seines Zeichens Sprössling von Rolling-Stones-Gitarrero Ron Wood aus seiner ersten Ehe mit Krissy Findley. Und in dessen Heimstudio in Dublin entstand unter anderem REVELATION. Bath, Los Angeles, Nashville und London standen ebenfalls noch auf der Landkarte. Produziert hat wieder George Drakoulias, der schon beim erfolgreichsten Longplayer GLOW mit dem Überhit ›Place Your Hands‹ am Mischpult gesessen hatte. Drakoulias begann als A&R-Mann von Rick Rubin und zählt die Beastie Boys zu seinen Signings. Als Rubin dann Def Jam verließ und nach Los Angeles ging, folgte ihm Drakoulias und wurde Produzent. Unter anderem für die Black Crowes, Jayhawks, Primal Scream, Screaming Trees und Tom Petty & The Heartbreakers zeichnet er verantwortlich. „Wir haben die Songs mehr Tests unterzogen als in der Vergangenheit. Und da man heutzutage mit deutlich weniger Geld im Musik-Business auskommen muss, was einen Gott sei Dank zwingt, sich smarter zu verhalten, was Entscheidungen in personeller und Studio-Hinsicht an­­geht, konnten wir froh sein, dass sich viele Leute für unser neues Projekt interessierten. Darunter auch George. Er war sofort Feuer und Flamme und bereits 2015 haben wir ›How I Got Over‹ mit ihm aufgenommen – der Song wurde dann ein Nummer-1-Airplay-Hit bei Radio 2 in England. Ende 2016 und fast das ganze Jahr 2017 haben wir dann in mehreren Sessions das Album eingespielt.“ Mit EarMusic, dem Hamburger Label für Classic Rock schlechthin, ist ein neuer Vertragspartner mit im Boot. „Wir hatten alle Freiheiten der Welt und freuen uns über das starke neue Label. Wir taten exakt was wir wollten mit Hilfe von Drakoulias und unserem neuen Management-Team. Wir sind total stolz und zufrieden mit den Aufnahmen und ich denke, dass man das den zwölf Songs auch anhört.“

Der Opener und Titelsong REVELATION klingt wie AC/DC. „Bon Scott war mein erster Held. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, also eine sehr passende Assoziation.“ ›My Sweet Love‹ ist als erste Single gedacht. „Wir hatten den Song schon fertig aufgenommen, als George eines Morgens meinte, dass er in dem Stück ein Duett hört. Deshalb schlug er Sheryl Crow vor. Sheryl nahm ihren Part in Nashville auf und wir haben über Skype zugeschaut. Big George D hatte wieder einmal recht, der Track verlangte nach einer zweiten weiblichen Stimme. Er war es auch, der die zwei Cover-Versionen, darunter ›Darling Be Home Soon‹ von The Lovin’ Spoonful, vorschlug.“
Auf einigen Songs von REVELATION, etwa ›How I Got Over‹, ›Don’t Go Changing Your Mind‹, ›Lone Rider‹, vor allem aber auf dem besten Albumtrack ›First Mistake‹, scheint sich Stringer einen etwas anderen Gesangsstil angeeignet zu haben. Weg von der Reibeisenstimme hin zur voll entwickelten melodischeren Stimmfarbe. „Das passierte ganz natürlich und nicht mit Ansage,“ erklärt der Shouter. Auch ein Verdienst Drakoulias’? „Ja, mit Sicherheit. Er war sehr wichtig für REVELATION. Als er einverstanden war erneut mit uns zu arbeiten, war uns sofort klar, dass wir eine reelle Chance hatten ein wirklich großes Al­­bum hinzubekommen. Ich liebe diesen Mann. Auf der professionellen Seite steht sein musikalisches Talent in Verbindung mit seiner atemberaubenden Aufnahmetechnik, aber was noch wichtiger ist – auf der persönlichen Ebene ist er ein ganz toller Mensch. Ich liebe es immer noch zu schwitzen und Leute zum tanzen und lachen zu bringen. Leute irgendwie dazu zu bringen, sich zu bewegen. Ich liebe es neue Musik zu schreiben und sie mit meinen Freunden in der Band aufzunehmen. Sicher hat sich das Business-Modell über die Jahre verändert, aber ich konzentriere mich lieber aufs Singen als auf sowas.“

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