Nathaniel Rateliff & The Night Sweats: Zukunft ungewiss

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Nathaniel Rateliff & The Night Sweats: Zukunft ungewiss

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Nach einem Soloausflug ist Soulrock-Songwriter Nathaniel Rateliff zurück bei den Night Sweats. Auf dem neuen Album THE FUTURE zeigt er speziell seine Heimat Amerika als eine zerrissene Gesellschaft. Auch der Klimawandel und religiöser Extremismus machen ihm Sorgen.

Nathaniel Rateliff hat sich ein Haus in Denver gebaut. Und als Erstes musste freilich das hauseigene Studio fertig sein. Dafür hat er die Pandemie über gern auch in der Garage geschlafen, Hauptsache er konnte aufnehmen. Und das diesmal auch wieder zusammen mit den Night Sweats. Die letzte Studioplatte des Soulrock-Songwriters war ein Soloalbum, sein viertes insgesamt: AND IT’S STILL ALRIGHT. Anfang 2020 ist es rausgekommen, kurz vor dem Lockdown, und es ging deutlich mehr in Richtung Folk als die ersten beiden Night-Sweats-LPs. Er hatte damals eine Trennung durchgemacht und sein guter Freund und Produzent Richard Swift war 2018 gestorben. Das habe er für sich selbst verarbeiten müssen, sagt Rateliff heute. Die Songs hätten einfach nicht zu seiner Band gepasst.


Die Stücke für das Night-Sweats-Comeback THE FUTURE sind jetzt während der Pandemie entstanden, und „über die Pandemie schreiben, heißt, über die Unsicherheit der Zukunft schreiben“, findet Rateliff.
Genau das hat er getan. „I’m afraid that the weight of the world is catching up to you/I’m afraid to admit that it’s catching up to me too/Does the weight continue to grow until it finally buries you?“ So geht die Single ›Survivor‹, ein elegantes, zurückgenommenes Stück Retro-Soulrock mit Funk-Vibe. Man kann die Zeilen als Ausdruck einer persönlichen Empfindung verstehen, gerade jetzt aber eben auch als eine Art kollektive Furcht. „Es passiert so viel in der Welt, politisch und was den Klimawandel betrifft. Es wirkt einfach sehr unsicher zurzeit, wie die Zukunft aussehen wird. Speziell was wir mit der Pandemie durchmachen, ist nicht die Erfahrung eines einzelnen, sondern etwas, das uns alle betrifft.“


Im tröstenden, emphatischen ›I’m On Your Side‹, in dem sich seine Stimme immer wieder überschlägt, singt Rateliff von einer „capsized culture“, also einer Kultur, die wie ein Schiff gekentert ist. Was ist
damit gemeint? Hier gehe es weniger um die Pandemie und mehr um das gesellschaftliche Klima allgemein, speziell in seiner Heimat Amerika, sagt er. „Mir kommt es vor, als wäre unsere Kultur auf den Kopf gestellt worden. Es zählt nicht mehr die Gemeinschaft, sondern bloß noch der Einzelne. Wir schauen auf uns selbst, aber nicht auf die Leute um uns herum.“ Dieser gesamtgesellschaftliche Egoismus, vondem hier die Rede ist, in dem sich jeder selbst der nächste ist, reicht gewiss weiter zurück, aber zumindest teilweise lässt er sich auf Trumps – wenn auch auf Staatenebene ausgegebenen – Slogan „America first“ zurückführen. Auch der Sturm auf das Kapitol durch fanatische Trump-Anhänger sei das Zeichen einer „capsized culture“, findet Rateliff.

Die Musik auf THE FUTURE ist angesichts der aus den Fugen geratenen Welt, die durch die Lyrics durchscheint, und der durchaus anklagenden Texte erstaunlich aufgeräumt und fast smart. Die Songs sind raffinierter und weniger rau als besonders auf dem Night-Sweats-Debüt von 2015. Van Morrison ist immer noch ein zentraler Einfluss, und in einzelnen Momenten denkt man tatsächlich an den fein ziselierten Pop von Burt Bacharach. Americana und Bläser-getriebenen Soulrock gibt es freilich auch.


„They’ll steal and divide all that’s good”, heißt es im Titelsong. Wer ist hier gemeint? Das könne der Kapitalismus genauso sein wie religiöse Extremisten. „Es geht einfach um die unsichtbaren Kräfte, die uns gegeneinander kämpfen lassen, während sie sich alles nehmen, was wertvoll ist, und es untereinander aufteilen.“ Die Zukunft sei „ungewiss“, findet Rateliff, aber die Hoffnung wolle er trotzdem nicht verlieren – „auch wenn sich uns gerade viele Dinge in den Weg stellen“. Das sei wahrscheinlich die zentrale Aussage von THE FUTURE.

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