Midnight Oil: Australiens gutes Gewissen

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Midnight Oil: Australiens gutes Gewissen

Es ist eine Geschichte aus zupackendem Rock und ehrlichem Sozial- und Umweltaktivismus: Midnight Oil waren schon über ein Jahrzehnt lang australische Lokalhelden, als ihr 1987er Album DIESEL AND DUST zum Welterfolg wurde. Anfang des Jahrtausends legte Sänger Peter Garrett die Karriere der Band jedoch auf Eis, um den Songtexten Taten folgen zu lassen: Garrett ging in die Politik, erst als Chef der Umweltorganisation Australian Conservation Foundation, ab 2004 dann als Mitglied des Parlaments für die sozialdemokratische Labour Party. Zwischen 2007 und 2013 hatte er sogar zwei Ministerämter inne: Umwelt & Kultur (2007–2010) bzw. Bildung (2010–2013). Nach seinem Rückzug aus der Politik fand Garrett zurück zur Band, die nach dem letztjährigen Krebstod von Bassist „Bones“ Hillman nun jedoch wieder Geschichte sein wird.

Zuerst eine Frage zu Ihrer Zeit in der Politik: Hatten Sie manchmal das Gefühl, als Ex-Rockstar nicht ernst genommen zu werden?
Unter den Kollegen höchstens zu Beginn. Dafür war ich für die konservative Presse mit meinem Promi-Status neun Jahre lang eine wunderbare Zielscheibe. Andersherum gab es auch Leute, die Heldentaten erwarteten, als ob ich im Handumdrehen alles richten könnte. Da musste ich viele enttäuschen.

Hat Ihre Zeit in der Musik auf der politischen Bühne auch geholfen? Zum Beispiel: Eine Rede halten zu müssen ist ja sicher einfacher, wenn man schon oft vor Tausenden stand.
Letztlich sind es aber doch zwei komplett verschiedene Schauplätze. Das eine ist strahlendes Scheinwerferlicht und großer Lärm, das andere ist vor allem unspektakuläre Hintergrundarbeit.

Nach Ihrer politischen Karriere wiederum hätten Sie sicher viele Posten bekleiden können. Es wurde dann doch wieder die Musik. Offenbar geht von ihr eine ganz besondere Kraft aus?
Ich dachte auch, dass ich als Aktivist unterwegs sein würde, für eine wohltätige Organisation vielleicht. Ich schrieb dann erst mal ein Buch. So landete ich auch wieder beim Schreiben von Songs. Diese Liebe zur Musik
wiederzuentdecken, das hatte etwas sehr Instinktives, regelrecht Kindliches. Ich bin wirklich dankbar, dass ich das noch mal erleben durfte. Wir brachten dann die Band wieder zusammen und merkten, dass wir immer noch unsere ganz spezielle Energie hatten – und dass die Leute uns noch sehen wollten.

Nun sind Midnight Oil als Band noch gar nicht lange zurück, da spielen sie schon wieder die Abschiedstournee.
Na ja, es wurden dann ja doch fünf Jahre, seit wir erstmals wieder live spielten. Wir werden ja nicht jünger. Wir können auf der Bühne nicht mehr das geben, was wir mit Mitte 20 geben konnten. Jetzt haben wir ein neues Album im Kasten, da ist es ein guter Zeitpunkt, zu sagen: So, das Live-Kapitel schließen wir ab. Vielleicht nehmen wir weitere Musik auf, aber auf der Bühne soll’s das gewesen sein.

Dieses neue Album, RESIST, schließt nahtlos an das Werk vor der Trennung an. Natürlich auch thematisch. Schon in den 80ern war es so, dass der Rest der Welt manche australische Problematik erst durch Midnight-Oil-Songs kennenlernte: ›Beds Are Burning‹ brachte uns damals etwas über die Diskussion bei, Ureinwohnern Land zurückzugeben, ›Blue Sky Mine‹ berichtete über Asbest-Verschmutzung im westaustralischen Bergbau. Auf der neuen Platte gibt es Songs wie ›Tarkine‹ oder ›The Barka-Darling River‹. Tarkine ist eine von der Menschheit komplett unberührte Landschaft West-Tasmaniens. Wo gibt es so etwas überhaupt noch? Wir müssen alles tun, um dies so zu erhalten. Das Barka-Darling-Flusssystem ist die Lebensader für große Teile Australiens, aber in den letzten Jahren ist es mehrfach ausgetrocknet, weil von Landwirtschaft und Bergbau zu viel Wasser entnommen wird. Dazu kommt nun auch noch der Klimawandel. Als ich Umweltminister war, haben wir genau für dieses Thema Reformen eingeführt – doch die aktuelle Regierung hat sie zurückgenommen. Natürlich frustriert und ärgert mich die Situation enorm. Aber ich wollte diese Energie wenigstens positiv nutzen, ob auf der Bühne oder in anderer Funktion.

Man hört’s auf dem Album. Denn manche Bands kommen zurück und man kann die krampfhafte Diskussion „Was können wir machen, um zeitgemäß zu klingen?“ regelrecht zwischen den Rillen hören. Diese Frage stellt sich bei Midnight Oil nicht – vielleicht, weil die Aussage über allem steht?
Tja, jetzt stellt sich als echter Vorteil heraus, dass wir schon vor der Trennung nie im Trend waren. Also, ich finde, es ist eine echt starke Oils-Platte geworden. Sie zu schreiben ist uns leicht gefallen. Auch wenn die Thematik harter Stoff sein kann, wir sagen Dinge, die wir sagen wollen. Dadurch fühlt sich die Platte für uns sehr zeitgemäß an.

Die Direktheit der Texte ist heute sehr untypisch. Eher arbeitet man mit Ironie und Sarkasmus. Da muss dann auch ein gut gemeinter Film über den Klimawandel wie „Don’t Look Up“ zur Satire werden. Aber hilft es der Sache, wenn die Leute über die Situation resigniert lachen?
Okay, „Don’t Look Up“ habe ich noch nicht gesehen. Aber ich weiß, was Sie meinen. Kurz gesagt: Es hilft nicht wirklich. Wenn, dann nur minimal. Sagen wir’s so: Wenn man sich anschaut, was in der modernen Geschichte jemals zu Wandel geführt hat, dann waren das immer Massenbewegungen, gewaltlose direkte Aktion, ziviler Ungehorsam – und immer stand eine moralische Dimension dahinter sowie gute Menschen, die sagten: „Wenn ich nichts unternehme, kommen sie damit durch.“

Sehen Sie denn bei all den Entwicklungen wie dem Klimawandel oder dem weltweiten Rechtsruck Grund, optimistisch zu denken?
Auf jeden Fall. Erstens: Wenn man die Dinge mit etwas Abstand betrachtet, dann befindet sich die Menschheit auf einem stetigen Weg in Richtung Gerechtigkeit, Emanzipation und Menschenrechte. Ja, Rückschritte kommen vor, aber die generelle Richtung bleibt. Zweitens sehe ich all die Einzelbeispiele, in denen sich der Mensch von seiner besten Seite zeigt. Ob es Ärzte und Krankenschwestern sind, junge Aktivisten oder
vielleicht Künstler, die ein tolles Werk schaffen – was Menschen auf die Beine stellen können, bleibt unglaublich …

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