Little Richard: in Gedenken an den Architekten des Rock‘n‘Roll

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Little Richard: in Gedenken an den Architekten des Rock‘n‘Roll

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1957 war Little Richard ein Star. Er spielte im ganzen Land vor gemischtem Publikum in paillettenbesetzten Anzügen und funkelnden edelsteinbesetzten Umhängen, während wahre Gewitter aus Unterwäsche über ihm niedergingen. DJ Alan Freed erkannte das lukrative Potenzial dieses Charismas und besetzte ihn in den Roxploitation-Streifen „Don’t Knock The Rock“ und „Mr. Rock And Roll“. Hollywood nahm bald davon Notiz und in „The Girl Can’t Help It“ stahl Little Richard der Hauptdarstellerin Jayne Mansfield fast die Schau. Er war im Mainstream angekommen, und die Hits rissen nicht ab.

Im Oktober 1957, auf dem Zenit seines Ruhms, ging er gemeinsam mit Gene Vincent und Eddie Cochran in Australien auf Tour. Alles lief bestens, bis sie Sydney erreichten. Auf dem Inlandsflug von Melbourne sah Richard, wie die Triebwerke des Flugzeugs „rot glühten“. Er stellte sich vor, dass „Engel mit gelben Haar“ unter dem Flugzeug flogen und es hoch hielten. „Das war für mich wie ein Zeichen.“ Dann, während des Konzerts in Sydney, „flog ein großer Feuerball direkt über das Stadion … Das rüttelte mich auf. Ich stand von meinem Klavier auf und sagte: ‚Das war’s. Ich bin fertig. Ich steige aus dem Showbusiness aus und kehre zu Gott zurück‘.“ Dieser „große Feuerball“ war tatsächlich der sowjetische Satellit Sputnik, der soeben ins All geschossen worden war. Doch die Würfel waren gefallen. Richard warf seine Ringe im Hafen von Sydney ins Wasser, sagte die noch ausstehenden Termine ab – und verlor ein Vermögen. Und dann stürzte das Flugzeug, das ihn zurück in die USA hätte bringen sollen, über dem Pazifik ab. „Da spürte ich, dass Gott mich wirklich inspiriert hatte.“

Richard stand zu seinem Wort. Nach einem Abschiedskonzert im Apollo Theater in Harlem und einer letzten Aufnahmesession für Speciality schrieb er sich am Oakwood College in Alabama ein, um Theologie zu studieren. Er heiratete sogar. Dann unterschrieb er bei Mercury Records, um 1962 KING OF THE GOSPEL SINGERS zu veröffentlichen. In den Linernotes bekräftigte Mahalia Jackson, dass er „den Gospel so sang, wie er gesungen werden sollte“.

Und dann trat Don Arden auf den Plan. Der knallharte britische Veranstalter brachte ihn durch einen Trick zum Rock’n’Roll zurück. Nicht, dass es großer Überredungskünste bedurfte, um Gottes Gesandten auf der Erde erneut zu bekehren. Ein Publikum, das seine Gospelsongs ausbuhte und nach seinen Speciality-Hits schrie, reichte aus. Schon am nächsten Abend gab Richard im Mansfield Granada seinen Fans exakt das, was sie wollten, und das endete fast in Ausschreitungen.

Auch in der zweiten Hälfte der 60er begeisterte er sein Publikum mit seinen Konzerten, doch an seine Hits für Speciality von 1955 bis 1957 kam er nie wieder heran. Zweimal eröffnete er für die Beatles, in Liverpool und Hamburg. ›Long Tall Sally‹ war der erste Song, den Paul McCartney jemals in der Öffentlichkeit sang, und der geschmeichelte Richard brachte seinem welpenäugigen jungen Epigonen bei, wie man Esqueritas „Wooooooooo!“ einsetzt.

1963 kehrte Richard nach Großbritannien zurück, um die schlecht laufende gemeinsame Tour der Everly Brothers mit Bo Diddley und den Rolling Stones zu retten, doch die Zeiten änderten sich. Selbst mit Jimi Hendrix an seiner Seite konnte er seinen stetigen Abstieg als kreative Kraft nicht aufhalten. Der Rock’n’Roll war doch nicht unsterblich, oder zumindest sah es nicht danach aus.

Live jedoch kam niemand an Little Richard heran. Immer schillernder, immer androgyner, ließ er seine Kollegen bei Festivals alt aussehen. Janis Joplin in Atlanta, John Lennon in Toronto, sogar seinen Erzfeind Jerry Lee Lewis in Detroit. Richard blieb unbesiegbar. 1972 verdiente er mit Rock’n’Roll-Revival-Shows nach wie vor bestens, doch die lähmenden Nebenwirkungen seiner Kokainsucht ließen seinen Stern sinken.

Little Richard hatte seine beste Arbeit schon abgeliefert, als er seine Ringe wegwarf. Seine Verwandlung war ebenso richtungsweisend wie Elvis’ Einberufung zum Militär. Später glänzte er auf der Leinwand in „Zoff in Beverly Hills“ und lieferte zuverlässig seine „Wooooo!“s zum Klimpern der Juwelen in den Casinos von Las Vegas ab, doch man kann die Welt eben nur einmal wirklich verändern. Und dies ist ihm ohne jeden Zweifel gelungen.

Little Richard, der König des Rock’n’Roll. Die Königin des Rock’n’Roll. The Georgia Peach. Der Fürst des Blues. Der fleißigste Mann im Showbusiness. Schöpfer des Soul. Erschaffer. Emanzipator. Der Architekt des Rock’n’Roll. Lemmy sagte mir einmal: „Wenn es je eine Platte gab, die mich von dem einfältig lächelnden Schwachkopf, der ich war, in die Vollgas-Rockmaschine verwandelte, die du heute hier vor dir siehst, dann war es wohl ›Good Golly Miss Molly‹ von Little Richard, denn das ist einfach der Klang schierer Freude. Er war der beste Rock’n’Roll-Sänger aller Zeiten.“ Wir alle schulden Little Richard die größte Dankbarkeit. Denn er ist der Grund dafür, dass wir überhaupt hier sind.

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