Judas Priest: Feuerzauber ohne Ende

Judas Priest - Wacken 2018

Und wie sieht es heute backstage aus bei Priest? Gibt es sowas wie ein Ritual vor Konzerten? „Klar, gibt es“, grinst Rob, „ich bin ein typischer Brite, also trinke ich vor der Show immer eine schöne Tasse Tee. Bei Priest haben wir übrigens keine separaten Garderoben wie manch andere Band, sondern ziehen uns alle im gleichen Raum um, das ist viel besser fürs Zu­­sammengehörigkeitsgefühl. Ich spiele dann gern DJ und drehe zur Einstimmung volle Kanne Metal-Sound von Slayer, Dio, Metallica, Maiden, Sabbath oder Immortal auf. Das bringt uns in Fahrt.“

„WIR KÖNNEN UNS ZUSAMMEN GRÖSSER ALS DAS LEBEN FÜHLEN.“

Auf der Bühne gibt Rob Abend für Abend den „Metal God“, wirkt larger-than-life, aggressiv, dominant. Wie aber muss man ihn sich eigentlich privat vorstellen – genau so? „Nein, nein“, winkt er ab und lacht, „eher als das ge­­naue Gegenteil. Ich bin ein ganz ruhiger, relaxter Zeitgenosse, der einfach seinen Frieden und das Leben genießen will. Wenn ich mit Priest auf Tour bin, ist das für mich wie zur Arbeit zu gehen. Es ist ein Job. Ein Traumjob! Und dafür gebe ich 100 Prozent. Es gibt nichts Besseres als Heavy Metal. Mit unseren Konzerten bieten wir eine Fantasiewelt, in die man abtauchen kann, ein Wahnsinnserlebnis: Zwei Stunden lang können wir alles rauslassen, uns zusammen mit den Fans überlebensgroß fühlen. Heavy Metal ist laut, es ist groß, es gibt riesige Verstärkertürme, Laser, Feuer, Rauch und na­­türlich meine Harley. Wenn ich vor der Show mein Bühnenoutfit anlege, verspüre ich eine wahnsinnige Energie in mir. Ich bekomme dann diesen Tunnelblick und verwandle mich, physisch und auch mental in einen komplett an­­deren Menschen. Nur so schaffe ich es, jeden Abend gegen diesen imaginären Heavy-Metal-Drachen auf der Bühne zu kämpfen und ihn zu besiegen“, lacht der „Metal God“.

Das Kämpfen hat Robert John Arthur Halford von kleinauf gelernt. In seiner Kindheit musste er sich oft gegen Größere, Stärkere durchsetzen. Aufgewachsen ist er in der Stahlstadt Birmingham. Wie erlebte er seine Jugend dort? „Im Arbeiterviertel Walsall sind meine Wurzeln, ich bin dankbar, dass ich dort groß werden durfte. Das Le­­ben war sicher nicht immer leicht, aber es hat mich viel gelehrt. Ich bin in einer finanziell schwachen, aber intakten Familie großgeworden, die sehr einfache Bedürfnisse hatte – Dach überm Kopf, Essen auf dem Tisch, das war’s! Ich habe zu Hause viel Zuneigung er­­fahren, Respekt vor anderen und Ehrlichkeit spielten bei uns eine große Rolle, das sind doch die essentiellen Dinge, auf die es im Leben ankommt. Von meinen Eltern, die beide hart arbeiten mussten, habe ich auch die Bo­­denständigkeit. Mein Vater schuftete sein Leben lang in einem Stahlwerk, mir war aber früh klar, dass mir eine etwas andere Art von Schwermetall vorschwebte (lacht).“

Vor einigen Jahren verließ der „Metal God“ dann seine britische Heimat, es zog ihn weg vom britischen Nieselregen in die Sonne, nach Phoenix, Arizona. „Ich habe das große Glück, dass ich es mir heute leisten kann, zu leben, wo ich möchte“, sagt er. „Phoenix ist ganz anders als Birmingham. Hier ist immer gutes Wetter und es geht sehr entspannt zu. Ich mache dort mit meiner Harley ausgedehnte Touren ins Umland oder besuche meinen alten Freund Alice Cooper, der direkt bei mir um die Ecke wohnt. Aber den Kontakt zu meiner Heimat habe ich nie abgebrochen. Ich liebe Birmingham und komme regelmäßig in die Gegend, um meine Schwester Sue und meinen Bruder Nigel zu besuchen. Sie sind die einzigen, die ich noch habe. Meine Mutter Joan verstarb leider vor einem Jahr, und Barrie, mein Dad, drei Jahre zuvor.“

Schwester Sue hat Rob seine Musikkarriere zu verdanken. Sie war Anfang der 70er-Jahre mit dem Bassisten Ian Hill liiert, der Judas Priest einst mit K.K. Downing gegründet hatte. Als Original-Sänger Alan Atkins um 1972/73 ausstieg, schlug Sue ihren Bruder Robert als neuen Frontmann vor. Nach einem Vorsingen bekam er den Job. Damals waren Judas Priest noch stark vom Blues be­­einflusst, doch dann erfolgte der Wechsel zum härteren Rock-Sound mit Alben wie SAD WINGS OF DESTINY, STAINED CLASS und KILLING MACHINE, die heute allesamt als frühe Klassiker des HM gelten. Wie kam es zum Stilwechsel? „Das war eine ganz natürliche Entwicklung, die sich im Proberaum beim Jammen ergab“, erklärt Halford. „Sowas kann man nicht planen nach dem Motto: Jungs, ab heute spielen wir Heavy Metal! Die Riffs von K.K. und Glenn wurden mit der Zeit einfach schneller und härter und ich glich meinen Gesangsstil an. Wir hatten unseren Sound gefunden.“

Das war zu der Zeit, als in London die Punk-Welle losbrach mit aufregenden neuen Bands wie den Sex Pistols, The Clash und The Damned. „Mir ge­­fiel die Intensität und der rebellische Gedanke des Punk, der ja auch im Metal zu finden ist“, sinniert Rob, „aber ein Punkrocker wollte ich nie sein. Trotzdem fand ich gut, dass dieser Sound keine Regeln hatte und sich frech über alle Barrieren hinwegsetzte. Aber Punk war nie dazu ge­­dacht, lange zu überleben, es war einfach eine Zeiterscheinung, ein Aufbegehren gegen das Establishment. Ich dagegen wollte immer Musik machen, die Bestand hat. Und das habe ich mit Judas Priest letztendlich erreicht.“

THE PRIEST IS BACK! In diesem Sommer rocken sie auf ihrer ­FIREPOWER-Worldtour auch wieder in Deutschland und im kommenden Jahr feiert die Band, die sich nach dem Bob-Dy­lan-Titel ›The Ballad Of Frankie Lee And Judas Priest‹ benannte, ihr 50. Jubiläum. Eine sagenhafte Leistung, auch wenn vom Original-Line-up nur noch Basser Ian Hill übrig ist. Was die Herren Halford, Tipton, Hill, Travis und Faulkner heute musikalisch auf der Bühne ab­­feuern, ist noch immer die ultimative Metal-Vollbedienung – und ganz sicher alles andere als „altes Eisen“. Der „Metal God“, stellt klar: „Der Feuerzauber geht weiter…“

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