Rose Tattoo: Angry Management

Rose Tattoo Assault and BatteryAngry Anderson ist ein kleiner Mann mit einer großen Stimme und der letzte Überlebende des originalen Line-ups von Rose Tattoo. Nach einem Ausflug in die Politik fungiert er nun wieder als Frontmann der wiederbelebten Aussie-Rocker. Und ja, er ist immer noch „angry“!

Eineinhalb Stunden in der Ge­­sellschaft von Gary, besser bekannt als Angry Anderson sind nie langweilig. Mit 1,55 m ist der kein Blatt vor den Mund nehmende Sänger von Rose Tattoo ein kleiner Typ mit vielen Meinungen, und bei unserem Gespräch in London kommt von Leben, Tod, Politik, Gewalt und political correctness über Loyalität, Religion und Ehre bis hin zu Pädophilie alles zur Sprache.

Rose Tattoo teilten sich nicht nur das Produktionsteam Vanda und Young und das Label Albert Productions mit ihren Landsmännern von AC/DC, sondern waren ihnen auch sonst tief verbunden. Und das Quintett aus Sydney war mit seinem bluesgetränkten, dreckigen Rock’n’Roll die perfekte Verkörperung der brutalen, kompromisslosen Persönlichkeit des Frontmanns.

Anderson ist nach wie vor einer der faszinierendsten Charaktere in der Rockmusik, und der Auftritt von Rose Tattoo beim Reading Festival 1981 ist bis heute ein Teil des Mythos dieses Events. An jenem Tag schockierte Anderson das Publikum, indem er sich selbst mit dem Mikrofon ins Gesicht schlug, dann blutüberströmt den Mikroständer in die Luft hob, um ihn dann durch den Holzboden der Bühne zu rammen und einen Abgang zu machen.

Jahre später wurde der Einfluss von Rose Tattoo bestätigt, als Guns N’ Roses ihren Song ›Nice Boys‹ auf LIVE ?!*@ LIKE A SUICIDE coverten und sie später einluden, sich wieder zu vereinen, damit sie als Special Guests auf der Australien-Tour zu USE YOUR ILLUSION auftreten konnten.

Doch es gab noch eine andere Seite. 1987 landete Anderson einen völlig untypischen Solo-Pophit mit ›Suddenly‹, das die Produzenten der Daily-Soap „Neighbours“ als Soundtrack für die Hochzeit von Charlene Robinson (Kylie Minogue) und Scott Robinson (Jason Donovan) ausgesucht hatten. Dieser unerwartete Top-5-Erfolg brachte Angry dazu, sich wie „ein echter Songwriter“ zu fühlen. Beim Weihnachts-Special von „Top Of The Pops“ bekam er dann auch noch von Cliff Richard gesagt, dass er den Song liebte.

Doch an allererster Stelle sind Rose Tattoo als eine unberechenbare Gang von biersaufenden, prügelnden Straßenkötern bekannt. Die Zeit holt uns aber alle ein, weshalb der Kern der Band nach und nach das Zeitliche segnete. Schlagzeuger Dallas „Digger“ Royall starb 1991, gefolgt 2006 von Gründungsmitglied und Slide-Gitarrist Pete Wells und Bassist Ian Rilen. Lobby Loyde, ein weiterer Bassist, ging 2007 von uns, zwei Jahre darauf dann Gitarrist Mick Cocks. Kein Wunder also, dass Andersons unerwünschter Status als letztes überlebendes Mitglied der Urbesetzung ihm schwer auf den Schultern lastet. Ihm ist auch bewusst, mit welchem Argwohn jegliches Line-up ohne den Dreh- und Angelpunkt Pete Wells unweigerlich betrachtet wird.

In typisch roher und überdeutlicher Manier rechtfertigt er die Gründe für die jüngste Rose-Tattoo-Reunion: „Ich sah Pete in seinen letzten Wochen im Krankenhaus“, erzählt er traurig. „Wir saßen ein paar Stunden beisammen, während er immer wieder das Bewusstsein verlor. Ich hielt seine Hand und fragte: ‚Was soll ich [mit der Band] tun?‘ Pete konnte nur durch ein Augenrollen oder eine Fingerbewegung antworten. Ich suchte seinen Rat, denn Rose Tattoo waren immer seine Band gewesen – er war der Boss. Und er war gerade so wach genug, um zu sagen: ‚Fuck ’em.‘ Alle erwarteten von uns, dass wir einfach das Handtuch werfen und verschwinden, doch hier war Pete, der mir sagte, dass die Band weiterleben musste.“

Wells hatte vergeblich darum gekämpft, auf dem bislang letzten Album BLOOD BROTHERS spielen zu können, das dann 2007 ein Jahr nach seinem Tod erschien. „Wir versuchten mehrmals, ihn aus dem Krankenhaus zu kriegen, damit er einige Soli spielen konnte, selbst wenn er an Maschinen hing“, so Ander­son. „Ich weiß, dass das übermäßig dramatisch klingt, aber er wollte der Platte seinen Stempel aufdrücken. Leider kam es nicht mehr dazu.“

Es folgte der Tod von Mick Cocks, der es jedoch schaffte, trotz seiner schweren Krankheit an BLOOD BROTHERS mitzuwirken. „Wir wussten alle, dass er im Sterben lag. Uns war klar, dass die nächste Tour Micks letzte sein würde. So kam es dann auch. Neben mir war er das letzte verbliebene Mitglied des ur­­sprünglichen Line-ups und sein Tod nahm mir wirklich den Wind aus den Segeln. Ich kam nach Hause und fragte mich, was ich mit mir anfangen sollte.“

Nachdem er im Blockbuster „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ von 1985 die Figur Ironbar gespielt hatte, hätte er durchaus eine Schauspielkarriere in Erwägung ziehen können. Stattdessen trotzte er seiner Geschichte, die nicht minder bunt war als seine Tätowierungen, und wandte sich der Politik zu. Unter seinem Geburtsnamen Gary Anderson kandidierte er für die konservative National Party für den Senat. Als Enkel eines Gewerkschaftsfunktionärs der Post und Sprössling einer traditionell links wählenden Familie war das eine enorme Kehrtwende.

„Als ich diesen voreingenommenen Sichtweisen entkam und selbst in den Ar­­beitsmarkt eintrat, änderten sich die Dinge“, erklärt er. „Zwei Jahre lang machte ich eine Lehre als Schlosser und Dreher, und als alles den Bach runterging, tat die Gewerkschaft absolut nichts, um uns schützen. Je mehr ich las und je mehr Erfahrung ich im Leben sammelte, reifte meine Weltsicht.“ Und indem er sich hinter die Australian Liberty Alliance Party stellte, die sich auf die Fahnen schreibt, „die Islamisierung Australiens verhindern“ zu wollen, machte er sich für ein ganz neues Publikum zur kontroversen Figur.

2012 erschien er in einer Dokuserie namens „Go Back To Where You Came From“. Er reiste ins kriegsgebeutelte Afghanistan, um einige der Menschen kennenzulernen, die ihrer Heimat auf der Suche nach Sicherheit entkommen wollten. Vor der Reise bekräftigte er: „Ich akzeptiere die Bootsflüchtlinge überhaupt nicht. Erzählt mir nicht, was für eine schwere Zeit ihr gehabt habt. Das erste, was ihr mir zeigt, ist ein Mangel an Respekt. Ende der Geschichte. Gebt euch keine Mühe.“ Doch nachdem er sich in eine Position brachte, wo er ihre verzweifelte Lage verstehen konnte, milderte sich diese Sichtweise ab. „Ich wollte, dass die Leute die echte Geschichte durch die Augen eines Skeptikers sehen“, erklärt er heute.

„Nachdem ich in Afghanistan ge­­wesen war, wo ich mit diesen Leuten gelebt habe, an ihren Tischen gesessen bin, ihr Essen gegessen, ihre Kinder kennengelernt und mir ihre Geschichten angehört habe, verstehe ich es jetzt. Ich verstehe, warum Menschen, die von Extremisten verfolgt werden, diese Dinge tun. Ich wünschte nur, sie müssten das nicht tun. Meine Motivation, als ich in die Politik ging, war es, dabei zu helfen, eine Reihe von Dingen besser zu machen, darunter die schlechte Bezahlung von Lehrern und Krankenpflegern“, fährt er fort.

„Mir wurde bald klar, dass man diesen Leuten nicht das zahlen kann, was sie verdient hätten, denn diese Themen sind einfach ein Spielball. Also lässt man die Lehrer arm bleiben und die Krankenpfleger lange arbeiten. Was die Leute nicht begreifen, ist dass die Labour-Partei in der Regierung daran auch nichts ändern würde. Ich kandidierte für einen Sitz im Bund, dann für einen im Bundesstaat und schließlich für den Senat, und mir wurde schnell klar, dass beide Parteien so schlimm wie die jeweils andere sind. The Who brachten es perfekt auf den Punkt: ‚Meet the new boss, the same as the old boss‘ [aus ›Won’t Get Fooled Again‹]. Ich werde bis ans Ende meiner Tage ein Konservativer bleiben, aber ich stehe mit einem Fuß in beiden Lagern. Macht bedeutet vor allem, den Leuten gegenüber misstrauisch zu bleiben.“

2015 zog Anderson aus „persönlichen Gründen“ seine Kandidatur zurück. Ist seine Karriere als Politiker nun endgültig vorbei? „Oh, abso-fucking-lut“, antwortet er lapidar. „Ich sage bei den Gigs immer noch das eine oder andere, aber damit will ich die Leute nur zum Denken anregen.“

Nach seinem „Flirt“, wie er es nennt, mit der Staatslenkung war Anderson bereit, „ein Haus im Outback zu kaufen, Gemüse zu züchten, wilde Tiere abzuschießen und zum Einsiedler zu werden“. Doch dann, während Rose Tattoo scheinbar für immer auf Eis lagen, buchten die Veranstalter des Bang Your Head Festivals in Baden-Württemberg die Angry Anderson Band. „Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, die Musik komplett an den Nagel zu hängen, doch Bang Your Head gab mir den Tritt in den Arsch, den ich brauchte“, gibt er sich begeistert.

„Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich es noch mal versuchen musste. Und es gab mir einen Grund, wieder zu trainieren, auf meine Ernährung zu achten und zu versuchen, vielleicht doch etwas länger zu leben. Letztlich dreht sich aber alles nur um das eine: diese verdammte Besessenheit von der Musik. Auf der Bühne zu stehen und zu hören, wie das Publikum lauter singt als die Band, ist ein unglaubliches Gefühl. Auf dieser Tournee [mit Rose Tattoo] sind jüngere Leute gekommen – auch Mädels, was wir nie zu­­vor hatten. Jungs und Mädchen zusammen machen die Sache wesentlich interessanter. Ich habe die Rolle von Frauen immer anerkannt, auch wenn ich es nicht darauf abgesehen habe, politisch korrekt zu sein. Aber meine Mutter war eine Frau. Ebenso wie jede Freundin, die ich je hatte. Allerdings hatte ich eine Beziehung mit… nun, das ist eine andere Geschichte, die ich mir vielleicht besser für meine Memoiren aufhebe.“

1 KOMMENTAR

  1. Das sind einfach Typen die den Weg des realen Lebens ohne Kompromisse gehen, bis zum Schluss.
    Das ist für mich der wahre Rock & Roll der wahre Blues, kompromisslos und ohne Verklärung der realen Dinge. Gut dass es noch solche musikalischen Wegbegleiter gibt denn in Zeiten wie diese sind solche Typen absolut notwendig meiner Meinung nach. Rose Tattoo mit Angry Anderson und AC/DC sind für mich die ehrlichsten Typen im Rock-Business. Wenn man noch ein kleines Stück Ehrlichkeit schätzt dann findet man das meiner Meinung nach bei Typen wie Angry Anderson. Leider leben wir in Ass-Hole-Zeiten lassen es zu dass Arschlöcher auf diesem Planten das Sagen haben. Ich wünschte mir mehr Typen wie Angry Anderson die in den Macht-Zirkeln kräftig mit / Aufmischen würden. Die Welt wäre eine andere vielleicht bessere.

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