Hipgnosis: 33 1/3 Meisterwerke

Hipgnosis InterviewAuch ihr habt mit ziemlicher Sicherheit Werke von Hipgnosis zu Hause. Vielleicht Pink Floyds Atom Heart Mother, vielleicht Led Zeppelins Presence? Das Londoner Designerstudio um Storm Thorgerson (1944–2013) und Aubrey Powell (*1946, auf dem Foto links) schuf von 1968 bis 1983 zahllose die Ära definierende Schallplattencover. Genesis, Peter Gabriel, Scorpions, Emerson Lake & Palmer und weitere musikalische Riesen ließen den zwei Kunststudenten freien Lauf und wurden mit Geniestreichen des LP-Designs belohnt.

Da lohnt sich ein Trip an die Waterkant: Das Wilhelmshavener Küstenmuseum zeigt ab dem 16. März Originale, Drucke, Skizzen und Fotografien aus dem Hipgnosis-Fundus. Wir sprachen mit Aubrey Powell.

Herr Powell, das Werk von Hipgnosis ist in den Galerien angekommen. Es war aber nicht immer so, dass der offizielle Kunstmarkt Ihre Arbeit respektierte, korrekt?
In der Tat! Lange Zeit blickte das Kunst-Establishment auf uns herab. „Ist das überhaupt Kunst? Ist das nicht nur Kommerz? Ist das nicht nur Verpackung aus Pappe, die man wegwerfen kann?“ Man ließ uns bestenfalls als Designer gelten.
50 Jahre später – so lange ist das jetzt her, unser erstes Cover A Saucerful Of Se­­crets, entstand 1968 – sieht es ganz anders aus. Zum Einen ist der Marktwert unserer Arbeiten phänomenal: Das Original-Artwork von THE Dark Side Of The Moon steht aktuell zum Verkauf – für drei Millionen Dollar! Zum anderen stürmen die Galerien, die unser Werk ausstellen wollen, nur so auf mich ein.
Ich glaube nicht, dass das nur aus Nostalgie passiert, oder weil Vinyl wieder gefragt ist. Ich glaube, den Leuten ist wirklich klar geworden, dass viele Albumcover aus den 70ern – und zwar nicht nur die von Hipgnosis – sehr wohl sehr durchdachte und eigenständige Kunstwerke waren.

Viele Alben, deren Sleeves von Hipgnosis gestaltet wurden, sind Millionenseller. Wenn man so will, wurden wahrscheinlich wenige zeitgenössische Kunstwerke von so vielen Augen gesehen wie Ihre.
Ob ich in Indien bin, Australien oder Südamerika – ich sehe eigentlich immer irgendetwas, das von uns gestaltet wurde. Zum Beispiel, wenn mir jemand im Led Zeppelin T-Shirt mit dem Icarus-Logo entgegen kommt, das haben wir ja auch entworfen. Unglaublich eigentlich – und ich habe mich so daran gewöhnt, dass es mir fast nicht mehr auffällt!
Aber mir ist klar: Wir hatten damals wirklich ganz traumhafte Möglichkeiten. Es gab noch großformatige Albumcover, oft zum Aufklappen. Das waren richtige Leinwände für uns. Wir hatten ein riesiges Glück, dass wir nicht mit kleinen CD-Covers oder winzigen Spotify-Pixelbildchen arbeiten mussten.

Wie würden Sie vorgehen, wenn man Sie heute für ein Albumcover für solche kleinen Formate beauftragen wollte?
Solche Anfragen gibt es, aber ich lehne sie ab. Noel Gallagher hat mich beispielsweise gebeten, sein letztes Album zu gestalten. Aber ein briefmarkengroßes Bild für Spotify? Das interessiert mich einfach nicht! Es mag arrogant klingen, aber ich muss schon selbst begeistert sein von meiner Arbeit. Wenn ich selbst es nicht mal bin, wie soll ich dann den begeistern, der das Ergebnis sieht?

Wochenlange Bastelarbeit: Led Zeppelins HOUSES OF THE HOLY

Dafür haben heutige Designer andere technische Möglichkeiten. Wie stehen Sie zu CGI? Ist es in Ihren Augen nicht „geschummelt“, wenn man mit Computergrafik trickst?
Hahaha, nein! Ich wünschte mir, CGI hätte es in den 70ern schon gegeben! Dann hätte ich nicht sechs Wochen mit Schere und Kleber an Houses of the Holy gesessen!
Ich arbeite in der Tat gerade an neuen Artworks für Pink Floyd. Es geht um ein Boxset, große Formate, keine Spotify-Bildchen. Sonst hätte ich das nicht angenommen. Eine hochkomplizierte Arbeit, bei der die Leute sich fragen werden: „Wie hat er das gemacht?“ Ganz einfach: Im Computer! Ich könnte die Aufnahme auch in echt stellen, aber das würde so teuer und kompliziert werden, dass ich bewusst entschieden habe: Wir nehmen CGI.
Natürlich weiß ich aber, dass der Ruf von Hipgnosis auch daher rührt, dass wir die Dinge damals „in echt“ gemacht haben. Dass wir fürs Cover von Wish You Were Here wirklich einen Menschen angezündet haben. Wir haben einem Stuntman einen Asbest-Anzug angezogen, ihn mit Napalm übergossen und angezündet! Völlig irre eigentlich!
Klar würde ich für so etwas heute Computer verwenden. Was dabei aber verloren geht, ist der emotionale Inhalt. Wish You Were Here hat eine innere Spannung, eben weil der Mann wirklich brennt. Man spürt das, wie angespannt er ist. Man sieht es auch in seinem Gegenüber: Wie distanziert und nervös er die Hand reicht! Wenn ich zwei Typen sage: „Okay, schüttelt eure Hände und hinterher kriegt einer von euch Flammen aufgemalt!“ – dann kriege ich doch diese Anspannung nicht!

Die Ausstellung umfasst nicht nur Ihre bekannten Albumcover, sondern auch Schwarzweiß-Fotografien und Entwürfe.
Ja, ich habe mich mal durchs Archiv gewühlt. Da gab es noch hunderte Negative. Viele Bilder wurden damals ja nur für Poster oder Flyer verwendet, oder sie blieben un­­genutzte Entwürfe. Manche dieser Bilder sieht man mit dem Abstand der Jahre und sagt: „Mann, eigentlich ist das toll – und ich hatte es beinahe vergessen!“ Neulich erst habe ich ein surrealistisches Beat­les-Porträt namens „Fishy Business“ wieder gefunden, das nie verwendet wurde! Wir zeigen auch Skizzen, z.B. für die Rolling Stones. Sie lehnten unseren Entwurf für das Cover von Goats Head Soup zwar ab, aber das erste Konzept, eine Collage aus Foto und Zeichnung, finde ich dennoch sehenswert, denn es steht beispielhaft für unsere Ar­­beitsweise.

Hipgnosis im Küstenmuseum Wilhelmshaven
16.03.–30.04.19
11:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Eröffnungsveranstaltung:
16.03., 18:30 Uhr mit Aubrey Powell
Moderator Peter Urban (NDR)

1 KOMMENTAR

  1. Hipgnosis ist Kult. Ich muss gestehen, dass ich Bands entdeckte, weil mich das Hipgnosis – Cover so ansprach. Auch tolle Hipgnosisbilder sind für das Allan Parsons Project entstanden….

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