Guns N’ Roses: Die Zwillingsgeburt von USE YOUR ILLUSION

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Guns N’ Roses: Die Zwillingsgeburt von USE YOUR ILLUSION

Wege in die Diktatur

Doch alles, das mit USE YOUR ILLUSION I & II in Zusammenhang steht, ist irgendwie kompliziert. Obwohl: Das stimmt nicht ganz. Denn zwar ist im Album-Booklet nachzulesen, dass die Scheiben innerhalb von zwei Jahren und sieben Monaten in mehreren Studios entstanden sind – doch um das Song-Gerüst der einzelnen Stücke einzuspielen, braucht die Band jeweils nur wenige Stunden. „Es ist uns gelungen, 36 Tracks innerhalb von 36 Tagen einzurocken“, erinnert sich Slash. „Es ging superschnell voran, niemand verschwendete Zeit mit sinnlosem Rumgetue. Selbst Matt Sorum, der ja frisch in der Band war, hämmerte seine Parts ein und überlegte nicht lange herum. Nachdem die Basis im Kasten war, verbrachte ich insgesamt drei Wochen damit, die Gitarrenspuren zu perfektionieren und Soli einzuspielen. Wenn man bedenkt, dass ich das für insgesamt 30 Songs tun musste, ist das ziemlich flott. An manchen Tagen habe ich nicht nur eines, sondern sogar zwei Lieder komplett fertig eingezockt. Bis dahin lief alles rund. Doch dann ging es darum, die geplanten Synthesizer-Passagen in die Tracks zu integrieren. Ich wehre mich mit Händen und Füßen, hatte keine Lust darauf – selbst wenn ich insgesamt durchaus der Ansicht war, dass einige Parts absolut hervorragend zu den Songs passten. Doch die Band schlug damit einen neuen Weg ein, und das passte mir nicht. Zudem waren wir unsicher, wussten nicht genau, in welche Richtung wir gehen sollten. Manchmal ging alles ganz schnell, aber oft probierten wir tagelang herum, verwarfen eine Idee wieder, versuchten etwas Neues, nur um dann wieder auf die Ursprungsidee zurückzukommen. Es zog sich also in die Länge. Und meiner Ansicht nach hätte es viele Elemente auch gar nicht unbedingt gebraucht.“

Zudem spielt sich Axl in dieser Hinsicht als Diktator auf, gibt keine Ruhe, bis auch die letzte Kleinigkeit so ist, wie er sich das vorgestellt hat – insbesondere ›November Rain‹ wird zu einer Geduldsprobe für alle Beteiligten. Nur Izzy Stradlin hat Glück – er wartet das Ende der Aufnahmen gar nicht ab. Als seine Parts im Kasten sind und nur noch Detailarbeit ansteht, macht er sich aus dem Staub. Er fliegt heim nach Indiana, wo er aufgewachsen ist. Die anderen jedoch sind vor Ort oder stehen auf Abruf bereit, falls noch Änderungen zu machen sind. Zudem gibt es feste Zeiten, zu denen gearbeitet wird – zumindest in der ersten, heißen Studio-Phase. „Wir fingen anfangs bereits gegen Mittag mit den Recordings an“, berichtet Matt Sorum über seine ersten Erfahrungen mit Guns N’ Roses. „Obwohl jede Menge Alkohol herumstand, lief alles in geordneten Bahnen ab. Die Einstellung stimmte, keiner schlug über die Stränge, der Heroinkonsum hatte deutlich nachgelassen – sowohl bei Slash als auch bei Izzy. Von jeder Menge Koks und gelegentlichen Saufexzesse mal abgesehen, benahmen sich alle ziemlich gesittet. Aber es wäre ohnehin keine allzu gute Idee gewesen, sich vor Axls Augen krass die Birne zuzudröhnen. Er mochte das nicht besonders.“

Als sich die Sessions je immer mehr in die Länge ziehen, sinkt auch die Arbeitsmoral. Die Musiker beginnen nicht um 12 Uhr mit den Aufnahmen, sondern erst gegen Abend, vor 18 Uhr findet sich niemand im Studio ein. Was auch daran liegt, dass Axl die ganze Nacht durcharbeiten will, um seinen beiden Lieblingsstücke, nämlich ›November Rain‹ und ›Don’t Cry‹, zu perfektionieren. Während er an jeder einzelnen Note schraubt, beginnen sich seine Mitstreiter mehr und mehr zu langweilen. Aus der Band Guns N’ Roses, die als Kollektiv agiert und eine gemeinsame Vision verwirklichen will, wird nach und nach ein Projekt, bei dem eine Person die Züge fest in der Hand hält: Axl Rose.

Auf USE YOUR ILLUSION, und speziell eben bei ›November Rain‹ und ›Don’t Cry‹, aber auch bei ›Estranged‹, will Rose seinen Vorbildern nacheifern – und sie sogar übertreffen. „Als Jugendlicher spielte Axl Klavier, und ich gehe jede Wette ein, dass er Elton Johns ›Goodbye Yellow Brick Road‹ oder Songs wie ›Funeral For A Friend‹ geliebt hat. Nun, da er technisch so weit war, mit seinem Idol Schritt zu halten, wollte er unbedingt einen Song schreiben, der stilistisch in diese Richtung geht – so sogar noch darüber hinaus“, sinniert Alan Niven.

Einen Kontrast zu den epischen Werken bilden harte, vergleichsweise kurze Nummern wie ›Get In The Ring‹, ›Right Next Door To Hell‹ oder ›Back Off Bitch‹, die vor allem durch ihre dichte, kompakt auf den Punkt gebrachte Rage beeindrucken. „›Back Off Bitch‹ ist kein neuer Song, sondern bereits zehn Jahre alt“, erklärt Axl Rose kurz nach der USE YOUR ILLUSION-Veröffentlichung in einem Interview. „Ich musste feststellen, dass ich Frauen gegenüber ziemlich negativ eingestellt bin. Es hat sich eine ziemliche Aggression ihnen gegenüber in mir aufgestaut. Das liegt vor allem daran, dass ich von meiner Mutter nur Zurückweisung erfahren habe – und schon seitdem ich ein Baby war. Sie hat meinen Stiefvater stets über mich gestellt und dabei auch ignoriert, dass er mich gerne mal verprügelte. Die meiste Zeit konnte er tun und lassen, was er wollte. Nur wenn es mal ganz schlimm wurde, nahm sie mich danach in den Arm. Doch im Normalfall sah sie einfach darüber hinweg und ging zur Tagesordnung über. Meine Großmutter war auch nicht besser. Als Vierjährige belauschte ich sie bei einem Gespräch, in sie über Männer herzog. Noch Jahre später hatte ich deswegen Probleme mit meiner Männlichkeit. All diese Erlebnisse und Erfahrungen konnte ich nun in meinen Songs verarbeiten.“

Endloses Finale

USE YOUR ILLUSION I & II sind in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild ihrer Zeit. Aufschweifend und aufgeblasen, eben von Männern geschrieben, die das Wort „Nein“ noch nicht allzu oft gehört haben. Aber auch unerschrocken und zupackend, ausgestattet mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein. Zudem unterscheiden sich die Platten deutlich von APPETITE FOR DESTRUCTION, sind also weit mehr als bloße Kopien eines Erfolgsrezepts. „Wir wussten, dass wir etwas anderes machen mussten als auf unserem Debüt. Es war Zeit, die Anfänge hinter uns zu lassen“, betont Axl. „Denn es wäre schlicht nicht möglich gewesen, diese Songs zu übertreffen. Sie waren perfekt – zumindest für das, was sie sein sollten. Der einzig logische Schritt war daher, etwas zu machen, das darüber hingeht. Nur so konnten wir die APPETITE-Tracks toppen und damit auch unseren Status halten und sogar noch weiter ausbauen.

In meinen Augen sind USE YOUR ILLUSION I & II übrigens untrennbar miteinander verbunden, ein Gesamtpaket, das nicht separat betrachtet werden sollte. Die 30 Stücke gehören zusammen – und auch die Reihenfolge, in der sie auf den Platten angeordnet sind, ist mit Bedacht gewählt. Die Songs können ohne Probleme einfach nacheinander durchgehört werden.“

Was sich hier locker-flockig und völlig natürlich anhört, ist das Resultat eines langwierigen Auswahlprozesses. Und selbst als endlich alle Arrangements final stehen und die Abfolge festgelegt ist, gibt es noch Schwierigkeiten. Eigentlich soll Bob Clearmountain, der schon mit Bruce Springsteen und den Rolling Stones gearbeitet hat, die Platten mischen. Doch er bekommt keinen Zugang zu dem Material, was vielleicht auch daran liegt, dass Axl keine Sekunde von seiner Seite weicht und jede Zuckung argwöhnisch beäugt. Das Resultat klingt klinisch, jegliche Lebendigkeit fehlt.

Geffen-A&R Tom Zutaut schlägt daher vor, es stattdessen mit Bill Price zu versuchen, der auch schon für APPETITE FOR DESTRUCTION im Rennen war, aber ausschied, weil die Band nicht in London aufnehmen wollte. Price schickt einen Test-Mix von ›Right Next Door To Hell‹, der derart heftig, laut und energisch klingt, dass alle, die den Song danach zu hören bekommen, instinktiv glauben, jemand habe ihnen gerade einen direkten Faustschlag ins Gesicht verpasst. Er bekommt den Job.

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es wird anstrengend. „Es dauerte ewig, diese Platten fertigzustellen“, sagt auch Price und reiht sich damit ein in die lange Liste der Genervten. „Vor allem die letzten sechs, sieben Stücke waren eine echte Tortur. Denn da sich alles so verzögert hatte, war die Band bereits auf Tour, während wir parallel dazu an den finalen Details arbeiten mussten. Also verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit damit, mit einem Haufen DAT-Tapes in der Tasche quer durch die Staaten zu fliegen und darauf zu warten, der Band die neuen Song-Varianten vorzuspielen. Zwischendurch buchte ich mich in diversen Studio im ganzen Land ein, um weiterarbeiten zu können. An den Off-Days stießen dann auch die Musiker dazu, um einzelne Spuren neu einzuspielen.“ Ein psychischer, physischer und logischer Albtraum für alle Beteiligten, selbst für Axl, obwohl er die treibende Kraft hinter all dem ist.

Die anderen Bandmitglieder haben bereits resigniert. Sie lassen ihrem Frontmann seinen Willen und konzentrieren sich nur noch auf ihren Part, nicht mehr um das große Ganze. Slash ist das perfekte Beispiel dafür, wie Alan Niven berichtet: „Ich erinner mich noch gut an einem Abend während der ersten Aufnahme-Wochen von USE YOUR ILLUSION. Slash und ich saßen bei ihm zu Hause auf der Couch, und er klagte mir sein Leid, dass Axl die Band in eine Richtung lenken wollte, die ihm persönlich nicht behagte. ‚Mit einer Ballade könnte ich ja noch gut leben – aber müssen es denn gleich so viele sein?‘, fragte er mich. Ich antwortete: ‚Wenn es dir nicht passt, dann musst du das auch sagen. Rede mit Axl!‘ Doch Slash sah mich nur lange an und meinte dann: ‚Mein Vater hat unzählige Albumcover designt, und in seinem Regal stehen etliche Gold-Auszeichnung, die er dafür bekommen hat. Und weißt du was? Er ist so arm, dass er sich noch nicht einmal einen Pisspott kaufen kann!‘ Das war der Moment, in dem Axl Rose die Kontrolle über die Band übernahm, denn Slash knickte ein.“

Auch wenn der Gitarrist das nicht ganz so drastisch sieht, stimmt er Niven in dieser Hinsicht sogar zu. Und ärgert sich heute darüber, es zugelassen zu haben, dass sich aus dem Sänger Axl Rose ein diktatorisches Monster entwickeln konnte. „Es war noch nie leicht, mit Axl zusammenzuarbeiten. Aber es gab anfangs einige Leute, die dagegenhielten. Innerhalb der Band, aber eben auch Außenstehende wie Alan Niven oder Tom Zutaut. Als Steven Guns N’ Roses verlassen musste und dann auch noch Alan seinen Job verlor, liefen die Dinge aus dem Ruder. Wir hätten Axl nicht einfach machen lassen sollen. Das wäre zwar nicht besonders produktiv gewesen, dafür aber auf lange Sicht cleverer. Obwohl sich die Band früher oder später ohnehin aufgelöst hätte, wir waren zu unterschiedlich. Aber die Entscheidung, Doug Goldstein zum Manager zu machen, hätte ich definitiv boykottieren müssen. Ich wusste von der ersten Sekunde an, dass er ein Widerling ist.“

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