Ginger Baker: Früchte des Zorns

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Ginger Baker: Früchte des Zorns

Ginger Baker 30Aber immerhin war es lustig. „Yeah, es war lustig, bis ich dann die Rechnungen erhielt: Ich musste mein Equipment von Berlin einfliegen lassen und den Transport der Polopferde nach Boston übernehmen. Mein Kontostand war alles andere als lustig.“ 15 Jahre später kann sich Baker über BBM noch immer echauffieren: „Es war eine beschissene Zeit, mit diesem ausgemachten Weichei zu spielen. Eine Show in Paris wurde abgesagt, weil er sich beim Öffnen einer verfluchten Dose in den Finger geschnitten hatte. Eric hätte ein Pflaster draufgeklebt und gespielt. Und Gary? Aber nicht doch. Und Jack wurde wieder einmal Doktor Jekyll und Mister Hyde. Er mochte das Hotelzimmer nicht, weil seiner Familie die Aussicht nicht passte. Er wollte den Mercedes nicht, sondern eine große Limousine. Für eine zehnminütige Fahrt zum Auftritt…. was soll man da noch sagen? Lächerlich. Und wieder war es so laut, dass ich um mein Schlagzeug herum Schallschutzwände installieren musste. Ich hasse Lautstärke. Warum muss Rockmusik zwangsläufig laut sein? Rock’n’ Roll war für mich damals erledigt.“

Auf Wunsch seines Verlegers widmete Baker ein kurzes Kapitel seines Buches Jimi Hendrix. Bei der Erwähnung dieses Namens entspannt er sich ein wenig. „Ein großartiger Gitarrist“, sagt Baker, „bei Jam-Sessions noch besser als vor Publikum. Als sein Manager Chas Chandler fragte, ob Jimi mit Cream jammen dürfe, war ich anfangs nicht sehr begeistert. Ich kannte ihn noch nicht, hielt ihn für irgend so einen Aufschneider, der auf den Knien spielt und mit den Zähnen.“ Doch am 1. Oktober 1966, als Cream im Londoner Polytechnicum auftraten, stieg Hendrix dann doch kurz ein – bei einer revolutionären Fassung von Howlin’ Wolfs ›Killing Floor‹. Er spielte hinter dem Kopf und mit all den großspurigen Gesten, die er von Buddy Guy abgeguckt hatte, der wiederum einer von Erics persönlichen Helden war. „Eric mochte Jimi, ich lernte ihn dann auch persönlich kennen, und wir wurden gute Freunde“, erzählt Baker. „1970, nach dem Ende von Blind Faith, wollten wir etwas Gemeinsames auf die Beine stellen, doch dazu kam’s nie. Er hatte einfach die falsche Freundin. Monika Dannemann war für seinen Tod verantwortlich. Sie lagen zusammen im Bett, er fühlte sich schlecht, und sie haute einfach ab. Eine Schande. Als sie ihn dann fanden, war er schon kalt, seit vier Stunden tot. Diese Nacht hatten wir überall nach ihm gesucht, wir wollten ihn zu einer Party einladen, denn wir hatten eine große Flasche voller Kokain. Wenn er was davon abgekriegt hätte, würde er noch leben, denn dann wäre er ganz gewiss nicht eingeschlafen.“

Ginger Baker lacht grimmig. „Ich hatte eine gute Zeit mit Jimi, er kam häufiger zum Essen in mein Haus nach Harrow. Er war gut darin, von der Bühne aus Mädels abzuschleppen. Ein paar davon haben wir uns geteilt.“
Diverse Musiker haben immer wieder behauptet, sie hätten Hendrix retten können. Singt Ginger Baker jetzt das gleiche Lied? „Ich hab’s doch schon erzählt. Wir wollten zusammen Musik machen! Keine Ahnung, was passiert wäre; das ist ja auch schon so lange her. Was für eine dumme Frage! Verdammte Scheiße, ich war total scharf darauf, mit ihm zu spielen, und es hätte ja auch fast geklappt. Aber eben nur fast.“

Als die „swinging sixties“ mit ihren imitierten Militäruniformen der Marke Sgt. Pepper zum Schlachtfeld wurden, auf dem – lebe schnell, stirb jung, hinterlass’ eine schöne Leiche – die Verluste beträchtlich stiegen, brach auch für Baker eine harte Zeit an: Er wurde an den Rand gedrängt, während weniger talentierte Musiker Rock’n’Roll in pures Gold verwandelten. So sieht er es jedenfalls. Er kannte sie alle, mochte fast niemanden von ihnen und ist noch immer der Überzeugung, dass seine ursprünglichen Schlagzeughelden wie Elvin Jones, Phil Seaman, Max Roach, Philly Joe Jones und Art Blakey wichtiger sind als all diese elitären Superstars.

„Keith Moon als Schlagzeuger? Na ja… er war gut mit The Who, und ich nehme mal an, dass er so spielen wollte wie ich. Ich mag Pete Townshend, sein Vater war ein alter Jazzer bei den Squadronnaires, Pete hatte also den richtigen Background. Er gehört auch zu denen, die ihre Ohren ruiniert haben, genau wie ich. Schuld daran waren nur diese dummen Marshall-Verstärker. Moonie war ein wundervoller Typ, Mitch Mitchell war eher der reisende Handwerksgeselle, ziemlich hoffnungslos. John Bonham, Ringo Starr, Charlie Watts…. da gab’s schon ein paar ganz Gute. Ich mag Charlie, er ist ein enger Freund seit alten Jazz-Tagen und passt perfekt zu den Stones. Er verschaffte mir einen Gig bei Alexis Korner, ich empfahl ihn dafür den Rolling Stones. Aber ich hasse die Stones, und ich hasste sie schon damals. Mick Jagger mag ja enorm geschäftstüchtig sein, aber in musikalischen Dingen ist er ein Schwachkopf. Die meisten Rockmusiker sind verdammte Idioten. Paul Mc-Cartney prahlt damit herum, dass er keine Noten lesen kann! Wie kann er sich dann als Musiker bezeichnen? John Lennon war mit Abstand der beste Musiker der Beatles, ein enorm talentierter Typ. Doch es war George Martin, der die Beatles wirklich ausmachte. Ohne ihn wären sie nicht sehr weit gekommen.“

Ein Standpunkt, über den man streiten kann, doch Baker legt nach: „Es ist die verdammte Wahrheit! Ich erinnere mich an eine Session mit George Harrison für Billy Preston, das Album hieß THAT’S THE WAY GOD PLANNED IT. Es ging nicht lange gut, denn Harrison war wie Jagger, er hatte keinen verfluchten Schimmer, worüber er da überhaupt sprach. Sein Versuch, eine Idee zu vermitteln, beschränkte sich auf wildes Herumfuchteln mit den Armen. Das ging dann so: ‚Nun, Ginger, spiel’s doch mal so‘, und dann fuchtelte er wild herum. Worüber zum Teufel sprichst du? Schreib es auf, damit ich sehe, was du meinst. Aber das konnte er nicht.“

Zu behaupten, dass Ginger Baker fast niemanden erträgt, ist eine Untertreibung. Seiner Meinung nach sind Rockmusiker nur dazu da, Ruhm und Geld anzuhäufen, existieren dafür aber in einer talentfreien Zone: „Verfluchte Idioten, zumindest die meisten von ihnen. Als Cream in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen wurden, musste ich beinahe kotzen. Wer war dieser Typ…. dieser Dick Morrison?“ Jim Morrison? „Genau. Seine Bandkollegen hielten diese beschissenen Reden, dankten ihren Eltern, ihren Onkeln, ihren Hunden… und zwar jeder von ihnen. Es dauerte acht Stunden, bis Cream auf die Bühne konnten, weshalb der Auftritt auch so mies war. Dieser ganze Mist. Ich saß an Erics Tisch, er war damals mit Naomi Campbell zusammen, eine klasse Frau, mit der ich gut auskam, und wir langweilten uns fast zu Tode. Nicht einmal Koks hätte uns wach halten können!“

Nach gut einer Stunde lamentiert Ginger Baker jetzt also darüber, wie banal und schrecklich Rock ’n’Roll ist, doch es gibt tatsächlich jemanden, den er mag: „Kelly“. Kelly Jones? „Wer? Kelly Rowland von Destiny’s Child. Sie ist meine Favoritin. Beyonce ist auch okay, ›When Love Takes Over‹ ist zwar ein schwacher Song, aber ihre Stimme… sie singt wie Whitney Houston. Und sie ist ein sehr schönes Mädchen, das ganz unglaublich tanzen kann. Ansonsten? Nichts. Moderner Pop ist Mist. Und das Musikbusiness kann ich ohnehin nicht leiden. Wie viele Jahre war ich mit Cream bei Atlantic Records? Und dennoch kriege ich Briefe von denen, die an ,Frau Ginger Baker‘ adressiert sind. Wie kriegen solche Leute überhaupt einen verfluchten Job?“

Text: Max Bell
Bearbeitung: Uwe Schleifenbaum

2 Kommentare

  1. Ein absolutes Original in allem was der Typ bisher gemacht hat und einer der besten Drummer die diesen Planten, das Musik-Business hervor gebracht haben. Happy Birthday Ginger auf weitere viele Jahre……..

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