Dion: Wanderer zwischen den Welten

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Dion: Wanderer zwischen den Welten

Seine Karriere begann 1957 mit Dion & The Belmonts, später folgten legendäre Hits wie ›Runaround Sue‹ oder ›The Wanderer‹. Heute ist der 82-Jährige einer der letzten Überlebenden der frühen Rock’n’Roll-Ära, aber im wahrsten Sinne des Wortes völlig frisch. Denn als CLASSIC ROCK ihn in New York erreicht, um mit ihm über sein neues Album STOMPING GROUND zu sprechen, kommt er gerade aus der Dusche.

Der Lockdown gab mir Zeit, mich zu fokussieren“, erzählt der italienischstämmige Dion Francis DiMucci
von der Arbeit an STOMPING GROUND. „In kreativer Hinsicht war die Pandemie trotz all des Horrors sogar gut für mich. Denn aus irgendeinem Grund flogen mir die Songs nur so zu, ich habe viel mehr Zeit mit meiner Gitar­re verbracht als jemals zuvor. Es war die perfek­te Gelegenheit, um kreativ zu sein, man konnte ja nirgendwo hingehen.“ Auf diese Weise ent­standen 14 Songs, die er wieder in dem Studio in New York aufgenommen hat, wo auch sein gefeiertes BLUES WITH FRIENDS (2020) pro­duziert wurde. „Dort habe ich mich mit ein paar Musikern getroffen, und wir haben die Songs in zwei Tagen einfach rausgehauen. Ich habe alles simpel belassen und der Band nur die Tonart, das Tempo und die Ausdrucks­
form vorgegeben.“ Das hat gewirkt: In der Tat versprüht die schnörkellose Musik auf STOMPING GROUND einen zeitlosen Americana­ Charme. Und wie bei früheren Alben, von YO FRANKIE (1989) bis zu BLUES WITH FRIENDS, standen die Dion­-Verehrer Schlan­ge, um etwas beizusteuern.

Doch der 1989 in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommene Sänger hatte eigene Vorstellungen, wer zu wel­chem Song passen würde. „Auf dem Heimweg vom Studio hörte ich mir die Songs im Auto an und musste dabei an die Gitarristen den­ken, die für die jeweiligen Stücke geeignet wären. Bei ›Hey Diddle Diddle‹ war mir sofort klar, den Song würde ich G.E. Smith schicken, weil ich mir seine Telecaster dort perfekt vor­ stellen konnte. Und bei ›Dancing Girl‹ waren sich meine Frau und ich einig, dass der Track
einfach perfekt für Mark Knopfler wäre, was er dann auch so empfand.“ Peter Frampton etwa, der wie Joe Bonamassa, Eric Clapton, Bruce Springsteen, Billy F. Gibbons, Boz Scaggs, Sonny Landreth oder Rickie Lee Jones zu den prominenten Gästen auf der Platte gehört, habe sich ›There Was A Time‹ erst eine Woche lang angehört, bevor er sein Solo dazu einspielte. „Meine Gast­Gitarristen scheinen auf jedes Wort, Stöhnen, Ächzen oder Gesum­me von mir reagiert zu haben, denn es gelingt ihnen fantastisch, bestimmte Gesangsstellen zu akzentuieren oder zu doppeln.“

Dion bezeichnet sich dabei als „Song­-Typen, Expressionisten und Rhythmus-­Sänger“, der will, dass man die Worte, den Ausdruck und die Geschichte der Songs versteht. Er liebe es, wenn eine richtige Band mit Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug spiele: „Mein Motto lau­tet: Kabel in den Verstärker und ab geht’s. Bei diesem Album, wollte ich jeden Song live auf der Bühne mit meiner Band singen kön­nen. Und ich freue mich riesig darauf, wieder Konzerte spielen zu können und vielleicht ein paar meiner Gäste mit auf die Bühne zu bringen.“ Der einzige nicht von Dion (mit)geschriebene Song auf dem Album ist ›Red House‹, sein Favorit von Jimi Hendrix. „Ich liebe diesen Blues und wie Hendrix ihn spielt. Ich habe mir mit Keb’ Mo überlegt, dass wir den Spaß der Jimi­-Version beibehalten, aber dem Track einen Dion­ und Keb’­Mo-­Dreh verpassen sollten.“ Dions Verbindung zu Jimi Hendrix, den er etwa beim Miami Pop Festival 1968 gesehen hat, reicht lange zurück: In dem Jahr hatte Dion auch ›Purple Haze‹ interpretiert.

„Da war ich gerade clean geworden und klim­perte in einem Hinterhof auf einer Nylon­-Strings­-Gitarre rum, bevor wir ›Purple Haze‹ dann in dieser Form aufgenommen haben – auch wenn ich mir heute wünschte, wir hätten es nie getan.“ Dion kann auch grandiose Geschichten von Buddy Holly, zu dem er an jenem 3. Februar 1959 beinahe ins Todes­-Flugzeug gestiegen wäre, Chuck Berry, Bo Diddley oder Jerry Lee Lewis erzählen. Bei den gemeinsamen Tour­neen sei er einfach in ihre Garderoben gegan­gen, „nur um mich mit ihnen zu unterhalten, denn das waren meine Helden. Little Richard war ein sehr geistreicher Mann, und ich kann­te sogar seine Mutter. Ich traf sie backstage, wo sie mir erzählte, dass sie meinen Song ›Ruby Baby‹ liebe. Sie sagte mir: ,Junge, du hast Soul!’“ Dennoch will Dion die alten Zei­ten nicht verherrlichen. Heute habe er seine eigene Band und kreative Freiheit, während damals „ein Typ von der Plattenfirma“ die Arrangements für die Big Band geschrieben habe, die ihn dann bei den üblichen Package­ Tourneen begleitete. „Das gefiel mir nicht, denn ich war schon immer ein Rock’n’Roll­
Typ und wollte eine eigene Band. Damals wusste ich nicht, wo ich hingehöre, heute weiß ich das.“

In seiner nun sieben Jahrzehnte umspan­nenden Karriere hat sich Dion stilistisch wie der ›Wanderer‹ aus seiner Hitsingle von 1961 zwischen den musikalischen Welten von DooWop über Rock’n’Roll, Folk, R’n’B, Gospel bis zu Blues bewegt. „In kreativer Hinsicht bin ich schizophren“, scherzt er. „Wenn ich zur Gitar­re greife und beispielsweise einen Gospel­, Folk­, Rock­ oder Blues­Song spiele, würde es sich immer nach Dion-­Musik anhören, die man schwer kategorisieren kann. Ich singe nicht schwarz oder weiß, ich singe Bronx. Es mag schwarze Musik sein, aber gefiltert durch das italienische Bronx-­Viertel, in dem ich auf­
gewachsen bin.“ Als Kind habe er Jimmy Reed und Hank Williams gehört, was ihn tief beein­druckt habe. „Ich kam aus diesem italieni­schen Viertel, mit dem ich mich aber nicht identifizierte. Ich dachte immer, ich sei am falschen Ort geboren, denn ich hätte direkt neben dem Haus von Jimmy Reed zur Welt kommen sollen.“

Diese Einflüsse hört man auch noch heute auf STOMPING GROUND, wobei die fesseln­de und sofort wiedererkennbare Stimme Dions, die ihn nie verlassen hat, sofort auffällt. Die Tatsache, dass er auch im hohen Alter noch annähernd singen kann wie jener ›Teen­ager In Love‹, über den er 1959 mit den Belmonts sang, ist auch ihm selbst bewusst, wobei der religiöse Künstler, der in seinem Leben wiedergeborener Christ, Katholik und Protestant war, sich eher auf höhere Mächte beruft als auf jahrzehntelange Stimmpraxis: „Bei meiner Stimme glaube ich eher an ein Geschenk Gottes. Auch bin ich nun clean und nüchtern. Seit 54 Jahren habe ich keinen Drink und keine Zigarette mehr angerührt. In meinen Zwanzigern war ich wirklich ver­rückt, aber wenn ich so weitergemacht hätte, wäre ich heute tot.“

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