Bob Dylan: Literaturnobelpreis! Yeah … oder?

-

Bob Dylan: Literaturnobelpreis! Yeah … oder?

- Advertisment -

bob dylan
Alles klar also, mit Dylan und dem Nobelpreis? So einfach ist es leider nicht. Denn: Seine Texte sind Songlyrics, keine Gedichte. Und das ist gar kein so kleiner Unterschied. Gedichte werden – zumindest heutzutage – verfasst, um in schwarzen Lettern auf weißes Papier gedruckt zu werden, genau wie Romane. Sie sind damit vollendet und vollkommen, selbst wenn sie nachträglich in Autorenlesungen vorgetragen werden. Lyrics sind von Anfang an auf die Aufführung hin ausgelegt, auch und gerade bei Dylan.

Sie sind eine Facette seiner Kunst, neben Performance, Style, Musik und Gesang. Ein Song wie ›Like A Rolling Stone‹ würde – seiner lyrischen Brillanz zum Trotz – nie dieselbe Wucht haben ohne Dylans einzigartigen, explosiven Vortrag. Oder ohne die ex­­pressive Art, wie er einzelne Töne dehnt.

Wie flexibel und dynamisch Dylan mit seinen Texten umgeht, zeigen nicht zuletzt seine Konzerte. Nicht selten stellt er ganze Strophen um oder tauscht einzelne Worte aus. Regisseur und Schauspieler in einem, interpretiert er seine Stücke immer wieder neu.

Und so ergibt sich ein erstaunliches Paradox: Dylan mag der einflussreichste Texter der Rockhistorie sein, und doch ist seine Poesie so sehr an seine Performance gebunden wie bei kaum jemandem sonst. Eben deshalb ist es sehr wohl möglich, Spaß an seinen Liedern zu haben, auch ohne sich auf deren Texte zu konzentrieren.

Was nun Dylans Ehrung als Literat betrifft, so besteht die Gefahr, dass sie ihn kleiner macht, als er ist. Es wirkt, als könnte man sagen: Seine Musik, sein Auftreten, schön und gut, aber was wirklich zählt, sind seine Worte. Das ist oft genug geschehen, und dennoch falsch. Es könnte auch der Eindruck entstehen, als wollte eine altehrwürdige Disziplin, die Literatur, eine jüngere Disziplin, die Popmusik, nachträglich nobilitieren. Als hätte die das nötig, und als würde es sich nicht um zwei unterschiedliche Kunstformen handeln.

Begreift man Literatur im strengen Sinn als Kunst des geschriebenen Wortes, dann wird der Literaturnobelpreis Dylan nicht gerecht, und wohl auch anders herum. Es passt dann einfach nicht zusammen.

Ein anderer Ansatz wäre, die Auszeichnung als Öffnung der Literatur zur Popkultur hin und zugleich als Rückkehr zu ihren Wurzeln zu begreifen. Dylan würde für seine auf die Performance ausgerichtete Lyrik geehrt, der Auftritt mitgedacht. Er wäre dann ein Nachfahre des Epikers Homer und des Theatermanns Shakespeare. Und ein Genie der Bardentradition, wie Rushdie findet. Ja, so könnte es passen.

Leonard Cohen, ein anderer Grenzgänger zwischen Literatur und Musik, sagte vor Kurzem, Dylan den Preis zu geben, sei, als würde man ein Schild vor dem Mount Everest platzieren, auf dem steht: Höchster Berg der Welt. Demnach wäre die ganze Aufregung, und damit auch dieser Text, hinfällig, denn: Es ändert sich ja nichts. Dylans Werk leuchtet unabhängig von Ehrungen und Auszeichnungen – auch wenn sie eine schöne Sache sind, klar.

Und Cohen hat natürlich recht. Wir brauchen unsere Dylan-Platten nicht ins Bücherregal verfrachten. Wir können sie hören wie bisher, auf die Texte achten oder auch nicht. Es ist Popmusik. Und am Ende gilt vermutlich sowieso, was Bruce Springsteen letztens auf der Buchmesse prophezeite: „Man wird Bob Dylans Lieder auch dann noch hören, wenn wir alle längst tot sind.“

Bob Dylan samt Band live in Manchester 1966:

Text: David Numberger

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Das letzte Wort: Scott Weiland

Aus unserem Archiv, 2014: Der Velvet-Revolver-Sänger und Frontmann der Stone Temple Pilots mit einer Bilanz seines Lebens – dabei...

Tenacious D: ›Time Warp‹-Cover gegen Trump

Mit den Worten "It’s astounding… time is fleeting… and the 2020 election is here. Time to ROCK-Y...

AC/DC: Hier das neue Video zu ›Shot In The Dark‹ sehen

Ohne großes Herumgerede und Abschweifen: Hier ist der erste Videoclip, den AC/DC im Zuge ihres kommenden Albums...

CLASSIC ROCK präsentiert: Thundermother live

Thundermother trotzen der Corona-Pandemie so gut es geht und ziehen ihre Tour zum jüngsten Album HEATWAVE durch....
- Werbung -

Das letzte Wort: Bootsy Collins im Interview

Er spielte mit James Brown und lernte von Hendrix – Funkmeister Bootsy Collins über LSD, das Übernatürliche und „den...

Video der Woche: Weird Al Yancovic mit ›Bed Rock Anthem‹

Den Ausklang dieses sonnigen Sonntags begehen wir mit einem echten Comedy-Klassiker. Zum heutigen Geburtstag von Red-Hot-Chili-Peppers-Drummer Chad...

Pflichtlektüre

CLASSIC ROCK Adentskalender: Türchen 4

Hinter dem vierten Türchen unseres CLASSIC ROCK Adventskalenders verbirgt...

Suzi Quatro: Neues Video zu ›No Soul/No Control‹

Von Suzi Quatro gibt es jetzt ein neues Video...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallenÄHNLICH
Für dich empfohlen

Classic Rock auf deinem Startbildschirm installieren

Installieren
×