Al Di Meola: Die blaue Mauritius für Akustikgitarren

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Al Di Meola: Die blaue Mauritius für Akustikgitarren

Mit FRIDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO schrieben die Gitarrengötter Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucia Musikgeschichte. Nach über 40 Jahren gibt es nun die Zugabe: SATURDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO. Al Di Meola klärte uns im Interview auf.

Musik hält jung, heißt es immer. Einen gültigen Beleg für diese These trafen wir Anfang Juli zum Interview: Gitarrist Al Di Meola, 68 Jahre alt. Optisch geht der eher klein gewachsene Virtuose als 50-Jähriger durch. Locker. Kein graues Haar, kaum Falten, drahtige Figur – und: an jugendlichem Elan mangelt es dem in New Jersey lebenden und mit einer Münchnerin verheirateten Super-Gitarrero auch nicht. Schon gar nicht an jenem Interviewtag. Schließlich gibt es frohe Kunde zu berichten: Gut 40 Jahre nach dem Erscheinen des millionenfach verkauften Konzertmitschnitts FRIDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO dürfen wir das aus Al Di Meola,
John McLaughlin und Paco de Lucia bestehende All-Star-Trio noch einmal live auf Tonträger erleben: SATURDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO. Die Bänder des Konzertes galten eigentlich als verschollen. Waren sie aber nicht. „Wir haben damals mindestens jede zweite Show aufgenommen“, berichtet Di Meola während er sich in seinem
Ledersessel im Night Club des Bayerischen Hofs räkelt, ein leichtes Grinsen um den Mund. „Nach der Tour hatten wir also eine Unmenge an Material. Wir haben uns gefragt, was wir damit machen wollen. Also sagte ich: ,Wenn ihr wollt, kann ich sie bei mir deponieren, in meinem Haus habe ich genügend Platz.‘“ Über vier Jahrzehnte habe er die Tondokumente des gefeierten Gitarristen-Trios aufbewahrt und sich immer wieder in die Materie vertieft. Schließlich sei in ihm der Plan gereift, 2020 die späte Zugabe zu veröffentlichen. Paco de Lucia war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Jahre tot. Und mit John McLaughlin war es so eine Sache. „Wir hatten über all die Jahre kein gutes Verhältnis zueinander“, gibt Di Meola zu, „doch die Covid-Pandemie hat John scheinbar richtig Angst gemacht, er zeigte sich von seiner menschlichen Seite und es wurde schließlich ein lockeres Gespräch.“ In dessen Verlauf er auf den Mitschnitt der Samstags-Show in San Francisco kam. „John konnte sich gar nicht mehr daran erinnern“, sagt Di Meola. „Als ich ihm aber erzählte, dass ich die Bänder gefunden und sie aufwändig akustisch restauriert habe, wurde er neugierig. Er wollte das Ergebnis unbedingt hören.“ Schon kurz darauf kam McLaughlins Antwort: „Er hat geschwärmt. Er sagte: ,Ich liebe es. Lass es so wie es ist, bearbeite nichts. Lass alles drin, auch die Fehler.‘“


Fehler? Für Otto-Normalmusikliebhaber-Ohren dürften sich etwaige Schnitzer der drei Über-Virtuosen im Nano-Bereich abspielen. Was aber selbst die größten Musikbanausen goutieren sollten, ist ein Feuerwerk aus Skalen, Akkorden, Chops und Soli – vorgetragen in Hyperspace-Geschwindigkeit. Die acht Titel, die sich übrigens nicht mit dem Songmaterial von FRIDAY NIGHT IN SAN FRANCISCO überschneiden, erinnern an einen Hochsprung-wettbewerb, bei dem jeder Athlet die Messlatte mit jedem Solo um einen Tick höher legt. „Ja, der Vergleich ist treffend“, schmunzelt Di Meola, „ich kann mich noch gut erinnern, wie das so war: Paco legte ein unglaubliches Solo vor. Dann John, der das Tempo noch steigern konnte. Ich dachte mir: Großer Himmel, wie soll ich das toppen?“ Diesen Wettstreit der schnellsten Gitarristenfinger fängt der Mitschnitt vom 6. Dezember unmittelbar ein. Man spürt die Energie, den Willen zur Höchstleistung, den gnadenlosen Fanatismus. Aber: „Es war auch ein tolles Zusammenspiel“, sagt Di Meola, „und wir waren auf dem Zenit unseres Könnens. John und ich sind uns einig: Das würden wir heute nicht mehr so hinbekommen.

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