Titelstory: The Who – Die erstaunliche Reise zur Erkenntniss (und TOMMY)

1968 standen The Who am Scheideweg: Ihre Karriere als glorreiche Singles Band geriet im anbrechenden Psychedelic-Zeitalter ins Stocken, einen Plan B gab es nicht. Erst als es Gitarrist und Songwriter Pete Townshend gelang, seine spirituelle Sinnsuche in einem Projekt mit damals beispiellosen Dimensionen zu kanalisieren, konnte das für seine wüsten Live-Auftritte berühmt-berüchtigte Quartett aus London den Hebel umlegen. Der Weg war frei für die erste wirklich erfolgreiche Rockoper: TOMMY!

Viele Jahre lang hat Pete Townshend den Mythos am Leben erhalten, er habe TOMMY aus reiner Verzweiflung in Angriff genommen. Richtiger ist wohl, dass er den Wandel der Musikwelt nach dem Summer of Love des Jahres 1967 perfekt antizipierte. Zuvor hatten The Who vor allem vor jungen Männern gespielt, die in erster Linie zu den Konzerten kamen, um die Band am Ende ihres Sets das Equipment in Stücke hacken zu sehen. Doch plötzlich schien das kein zukunftsträchtiger Plan mehr zu sein. Die Mod-Bewegung, aus deren Reihen sich ein Gutteil des frühen The-Who-Publikums rekrutiert hatte, verlor zusehends an Schwung, gleichzeitig wuchs auch das Interesse der Hörer am LP-Format.

Mit den Alben A QUICK ONE (1966) und THE WHO SELL OUT (1967) hatten The Who bereits ein Faible fürs Konzeptionelle und Experimentelle angedeutet, in den Augen der breiten Masse waren sie allerdings weiterhin vor allem eine Singles-Band. Doch der Strom brillanter Hits, der 1965 gleich mit der Debütsingle ›Can’t Explain‹ begonnen und nicht viel später mit ›My Generation‹ seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann, zu versiegen. ›I Can See For Miles‹ erreichte im Oktober 1967 zwar gerade noch die britischen Top 10, dennoch leitete die Single einen rasanten kommerziellen Abwärtstrend in der Heimat des Quartetts ein: Der inzwischen längst vergessene Nachfolger ›Dogs‹ und das erst Jahre später zu Kultehren gekommene ›Magic Bus‹ tummelten sich in der ersten Jahreshälfte 1968 lediglich in den Niederungen der Hitparade. Es war offensichtlich: The Who passten nicht wirklich ins neue Psychedelic-Zeitalter. „Dass ›I Can See For Miles‹ nicht die Charts stürmte, war ein Schock für mich“, schrieb Townshend in seiner letztes Jahr veröffentlichten Autobiograf ie „Who I Am“. „Ich war davon ausgegangen, dass mein Meisterwerk uns zu ewigem Ruhm verhelfen würde.“

Doch die Band befand sich nicht nur künstlerisch auf dünnem Eis. Lediglich Townshend war als praktisch alleiniger Songwriter der Band durch Tantiemeneinnahmen finanziell abgesichert. Für Sänger Roger Daltrey, Bassist John Entwistle und Drummer Keith Moon dagegen mussten in erster Linie die Konzertgagen als Auskommen reichen wenn sie nicht zuvor in dunklen Kanälen verschwanden oder durch die Zerstörungslust der Musiker gleich wieder verschlungen wurden. Trotz vier nach außen hin sehr erfolgreicher erster Jahre hatte die Band vor der TOMMY-Ära Schulden in geradezu astronomischer Höhe angehäuft. Abendgagen von maximal 300 Pfund sollen damals Verbindlichkeiten in Höhe von bis zu 60.000 Pfund gegenübergestanden haben. Konkrete langfristige Pläne, die Misere zu überwinden, gab es zunächst nicht. „Damals waren wir schon froh, wenn wir das Ende der Woche erreichten, ohne dass die Band auseinanderbrach“, erzählte Daltrey Jahre später dem The-Who-Biografen Matt Kent.