Led Zeppelin: Vier gewinnt

led zeppelin IV

Kurios: Das Werk erscheint auch in der Sowjetunion, allerdings mit einem anderen Artwork – hier lehnt ein Mann mittleren Alters an seiner Hütte. Die „fortschrittsfeindliche“ Symbolik des Originals ist den nimmermüden Vorkämpfern des volkseigenen Plattenbaus offenbar ein Dorn im Auge.

Rätselhaft, aber immerhin im Einklang mit zeitgeistiger Hippie-Ästhetik, ist das Innencover ausgefallen: Barrington Colbys Zeichnung des „wandernden Eremiten“, laut Page ein Symbol der „Selbstbestimmung und Weisheit“. Letztere brauchen auch all jene Plattenkäufer, die sich auf die vier Symbole der Innenhülle einen Reim machen wollen. Die sind Pages Idee.

Jedes Bandmitglied soll durch ein eigenes Zeichen vertreten sein. Inspiration findet man in Rudolph Kochs „Book Of Signs“, zumindest John Bonham (drei Kreise) und John Paul Jones (drei Blütenblätter vor einem Kreis), die ihre Symbole einfach aus dem Buch übernehmen. Robert Plant (Feder im Kreis) und Jimmy Page („Zoso“) entwerfen ihre Logos natürlich selbst, wobei sich der Sänger an einem Signet der sagenumwobenen „Mu-Zivilisation“ orientiert, während Mastermind Page seiner Fantasie freien Lauf lässt – was die Spekulationen bis heute nicht abreißen lässt. Ist es nun das 1557 erstmals erwähnte Symbol für den Planeten Saturn? Stammt es aus dem „Le Triple Vocabulaire Infernal Manuel Du Demonomane“ von 1844? Oder ist es – rückwärts gelesen – doch eine Zeile aus der Textsammlung „Grand Grimoire“ von 1522?

Gegenüber dem britischen CLASSIC ROCK äußerte Jimmy Page 2001, sein Symbol hätte mit „Anrufung“ zu tun, mehr wollte er dazu nicht sagen. Dem Magazin „Mojo“ hatte er zuvor allerdings schon anvertraut, dass es keinesfalls als Wort „Zoso“ geplant, sondern frei assoziiert war, „um die Medien zu verwirren. Wir lachten uns damals dumm und dusselig darüber, als das Album in die Charts kam und sie statt eines Titels die vier Symbole drucken mussten.“

Dass „Zoso“ eben doch nicht „Zoso“ ist, hat sich aber auch nach 40 Jahren noch nicht überall herumgesprochen. Für manche Fans ist es bis heute der Titel von Led Zeppelins viertem Album, andere nennen es „Four Symbols“, pragmatische Naturen belassen es einfach bei LED ZEPPELIN IV.

Led Zeppelin Zoso

Geboren wird Led Zeppelins meistverkauftes Album in einer für die Band schwierigen Zeit. Ende 1970 kursieren gar Gerüchte, das Quartett wolle sich auflösen – was natürlich Unsinn ist. Doch Jimmy Page, John Bonham, Robert Plant sowie Bassist John Paul Jones brauchen in jedem Fall eine Auszeit. Page äußert sich dazu 1973: „Wir hatten genug. Nach zwei US-Tourneen pro Jahr waren wir völlig erschöpft.“ Bonham stößt im „Melody Maker“ ins gleiche Horn: „Wir hatten in so kurzer Zeit so viel erreicht und fühlten uns einfach ausgelaugt. Es gab weitere Konzertangebote, wir hätten überall in der Welt spielen können. Aber um welchen Preis? Wir liebten unsere Arbeit, liefen aber Gefahr, in Sachen Qualität deutlich nachzulassen. Deshalb machten wir eine Pause.“

Zwei Shows im Madison Square Garden stehen noch auf dem Programm, danach soll erst einmal Schluss sein. Es ist Sonntag, der 19. September 1970, und Led Zeppelin haben gerade erfahren, dass zu Hause in London Jimi Hendrix gestorben ist. Nach dem vierten Song, ›Bring It All Home‹, erweist Plant dem Gitarrenmagier die letzte Ehre. Die Band bringt beide Shows über die Bühne und will nur noch eines: heim.

Allerdings ist London für erschöpfte Rockstars gewiss kein idealer Ort zur Erholung. Page und Plant ziehen daher den richtigen Schluss: wenn schon Ruhe, dann richtig. Bron-Y-Aur in der walisischen Grafschaft Snowdonia ist das neue Ziel – ein verschlafenes Kaff, in dem Plant als Kind mit den Eltern Urlaub gemacht hat. Im Frühjahr 1970 ist die Band bereits dort gewesen, hat in der Abgeschiedenheit an LED ZEPPELIN III gearbeitet. Zudem ist der Rückzug aufs Land seit einiger Zeit en vogue: ›Going Up The Country‹ haben Canned Heat schon 1968 gesungen, Hippie-Kommunen in der Einöde schießen wie Pilze aus dem Boden, und auch Musiker entdecken die Stille für sich.

The Band aus Woodstock machen es vor, Traffic ziehen sich zeitweise ins ländliche Berkshire zurück, und mit etwas Verspätung folgt dann auch die deutsche Rock-Prominenz: Ton Steine Scherben übersiedeln von Berlin ins nordfriesische Fresenhagen über. Doch anders als Rio Reisers Band wollen Page und Plant in Bron-Y-Aur gewiss keine Landkommune gründen, sondern lediglich ein paar Wochen lang in aller Ruhe an neuen Songs basteln.

Mit dabei sind nur die Roadies Sandy MacGregor und Henry Smith. Letzterer erinnert sich: „Wir fuhren mit einem weißen Lieferwagen nach Bron-Y-Aur, wie bei einem Campingausflug. Es war ein guter Ort, um sich zurückzuziehen, denn niemand störte. Nur die Schafe kamen fast ins Haus, wenn Robert und Jimmy an neuen Songs arbeiteten.“ Robert Plant erinnert sich 2003 an die Zeit in den walisischen Bergen: „Uns beschäftigte damals vor allem die Frage, wie es weitergehen würde mit der Band. Sollten wir jetzt die Weltherrschaft anstreben? Aber mit Stars wie den Beatles und den Rolling Stones hatten wir nicht allzu viel gemein, wir saßen einfach dort in den Bergen und schrieben neue Songs. Auch wenn das heute etwas komisch klingen mag, aber damals gab es uns enorm viel Energie.“

Was sich auch gleich in der Produktivität des Duos niederschlägt: In Bron-Y-Aur entstehen die Grundgerüste zu Songs wie ›The Rover‹, ›Poor Tom‹, ›Down By The Seaside‹ und ›Over The Hills And Far Away‹ – allesamt Stücke, die später noch zu Ehren kommen werden. Zudem verfeinert Page eine Song-Skizze, an der er bereits seit Monaten in seinem Heimstudio gearbeitet hat: ›Stairway To Heaven‹.

Als Page und Plant im Dezember 1970 nach London zurückkehren, trifft sich die komplette Band in den Island Studios, nimmt eine Instrumentalversion von ›Stairway To Heaven‹ auf, arbeitet an ›When The Levee Breaks‹ und probiert ein wenig herum. Doch so richtig in Schwung kommt der Zeppelin diesmal nicht – die Atmosphäre stimmt nicht.

Zwar sind Studios zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz so karge Arbeitsräume wie noch in den Sechzigern, denn die Betreiber geben sich immer mehr Mühe, die Kundschaft mit „Entspannungsräumen“, Barbetrieb und Billardtischen zu ködern, doch wirklich freiem Arbeiten stehen etliche Dinge im Weg, insbesondere die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten. Das nervt schon Ende der sechziger Jahre die Rolling Stones derart, dass sie mit ihrem „Rolling Stones Mobile“ eine revolutionäre Alternative kreieren: Der Kontrollraum samt Mischpult, Aufnahmegerät und Abhöranlage ist in einem Möbelwagen der Marke BMC installiert, weshalb fortan quasi überall aufgenommen werden kann, wo es einen Stromanschluss gibt.

Led Zeppelin haben das mobile Einsatzkommando bereits bei ihrem dritten Album bemüht, und als die Londoner Sessions fruchtlos vor sich hindümpeln, fasst Page einen Entschluss: Wie schon bei LED ZEPPELIN III zieht sich die Band ins Landhaus Headley Grange in East Hampshire zurück. Das ziemlich heruntergekommene Ex-Armenhaus aus dem Jahr 1795 ist feucht und bietet kaum Komfort. Aber eben auch keinerlei Ablenkung, sodass es Arbeiten rund um die Uhr ermöglicht – noch dazu in „interessanter“ Atmosphäre. Denn in einem der Zimmer im ersten Stock spukt es angeblich. Dazu Tourmanager Richard Cole: „Keiner von uns betrat diesen Raum freiwillig, niemand fühlte sich dort wohl.“ Abgesehen von Jimmy Page, der zielsicher genau dort seine Zelte aufschlägt. Fasziniert von allem Okkulten, ist es für ihn offenbar der ideale Ort.

An luxuriöse Eigenheime und Fünf-Sterne-Hotels gewöhnt, zeigt sich der Rest der Band nur mittelmäßig begeistert. Noch dazu ist es Januar, also noch kälter als im Frühjahr 1970 während der LED ZEPPELIN III-Sessions. Hinzu kommt, dass die Zentralheizung defekt ist. Dazu John Paul Jones: „Es war fürchterlich. Als wir ankamen, stürmten wir wie die Verrückten ins Haus, um uns die trockensten Räume zu sichern.“

Nichtsdestotrotz hat die reizarme Umgebung ihre Vorteile. Die Band arbeitet konzentriert und kreiert wunderbare Songs wie ›The Battle Of Evermore‹ und ›Going To California‹. Welche Stücke noch in Headley Grange entstehen, ist heute nicht mehr komplett nachvollziehbar, von insgesamt 14 Songs ist die Rede, darunter auch jede Menge Material, das auf späteren Alben landet. Selbst Bootlegs dieser Probesessions geben keinen Aufschluss, da die Band damals auch Stücke spielt, die bereits zuvor entstanden, aber noch unveröffentlicht sind.

Gesichert ist immerhin, dass ›Black Dog‹, basierend auf einer Keyboard-Spielerei von John Paul Jones, im Spukhaus Gestalt annimmt. Jones hat den Song, basierend auf Muddy Waters’ ›Tom Cat‹, zuvor auf einer Zugfahrt zu Papier gebracht. Und bringt mit dem anfangs geplanten 3/16-Takt den sonst so standfesten John Bonham in ernsthafte Schwierigkeiten. Die ersten Versuche enden in Chaos und Gelächter, auch die finale Fassung mit ihrem Wechsel vom 4/4- zum 5/8-Takt klingt ein wenig schief – ist aber metrisch korrekt. ›Going To California‹, inspiriert von Neil Youngs Folk-Rock und als Hommage an Joni Mitchell gedacht, ist wesentlich simpler gestrickt: Klang-Eskapismus aus dem winterlichen England, der sehnsuchtsvoll das süße Leben im kalifornischen Laurel Canyon preist. Doch noch ein weiterer Song belegt, wie sehr Led Zeppelin anno 1971 Kinder ihrer Zeit sind: ›The Battle Of Evermore‹.

Heute, nach extrem erfolgreicher Verfilmung mit all dem dazugehörigen Hype, kann man sich das kaum noch vorstellen, doch tatsächlich ist Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie, Mitte der fünfziger Jahre veröffentlicht, zunächst kein allzu großer Erfolg. Und zwar so lange nicht, bis die Hippie-Kultur ein Jahrzehnt später ihren Sinn für Mystik und Mythologie entdeckt (sei es nun fernöstlich geprägt oder eben keltisch). Und plötzlich gibt es in London einen Club namens „The Middle Earth“, in dem Syd Barretts Pink Floyd zu avantgardistischen Klängen von Einhörnern und Zwergen berichten.

Auch Robert Plant ist von Tolkien, der Artus-Sage und dem mittelalterlichen Britannien nachhaltig fasziniert. „Man muss keine allzu große Fantasie besitzen oder eine riesige Bibliothek haben, sondern einfach nahe an der walisischen Grenze wohnen“, erzählt er ein paar Jahre später der „New York Times“: „Es ist einfach da. Wenn an einem trüben Oktoberabend die blasse Sonne über die Hügel und die Burgruine am Fluss streift, kann man sich dem nicht entziehen.“

Begleitet von Pages Mandoline, orientiert sich ›The Battle Of Evermore‹ jedenfalls unüberhörbar an Tolkiens Ringe-Saga, genauer an der „Schlacht auf dem Pelennor“ aus „Die Rückkehr des Königs“. Auch „Der kleine Hobbit“ kommt auf LED ZEPPELIN IV zu Ehren, konkret in ›Misty Mountain Hop‹, in dem Plant eine heute doch arg krude anmutende Verbindung zwischen Hobbits, Hippies und einer Drogenrazzia knüpft. Aber: Es ist wohlfeil, sich 40 Jahre später über einen Text lustig zu machen, der 1971 geschrieben worden ist, also in einer Zeit, in der Fantasy-Begeisterung und Drogen eben zum Alltag gehören. Der Riff ist einer Spontanzündung Jimmy Pages zu verdanken, der Refrain geht auf Jones’ Konto.