Led Zeppelin: Vier gewinnt

Will man heute einem Nicht-Eingeweihten vermitteln, bei welcher Platte von Led Zeppelin es sich bei IV handelt, sagt man vorzugsweise: die mit ›Stairway To Heaven‹ drauf. Schon weicht die gerunzelte Stirn einem Ausdruck freudigen Wiedererkennens. Das Stück lässt Top-40-Hörer – zumindest vorübergehend – zum Hardrock konvertieren, ist für Heerscharen von Verliebten „unser Lied“ und wird schließlich jahrzehntelang in Instrumentenfachgeschäften immer dann angezupft, wenn eine akustische Gitarre ihren Besitzer wechseln soll. Wer eine Elektrische kaufen möchte, intoniert stattdessen ›Smoke On The Water‹.

Auch wenn ein gewisser Sättigungseffekt nach 40 Jahren nicht zu vermeiden ist: ›Stairway To Heaven‹ mit seinem zarten, akustischen Intro, mit dem erst spät einsetzenden Schlagzeug, dem furiosen Solo und noch furioseren Finale, ist ein Monument von einem Song und ein Paradebeispiel für angewandte Dynamik.

Seinen Anfang nimmt ›Stairway To Heaven‹ in Pages Haus in Pangbourne, wo der Gitarrist in seinem Achtspur-Studio sechs- und zwölfsaitige Gitarren übereinander legt – ganz offensichtlich inspiriert von Spirits 1968er-Song ›Taurus‹. In Headley Grange angekommen, werden die Lücken gefüllt. Plant und Bonham sind im benachbarten Pub, als Page und Jones eines Abends das Arrangement entwickeln. „Jimmy und ich erkannten“, so Jones später, „auf welche Weise sich der Song entfalten musste. Wir waren beide von klassischer Musik beeinflusst, kannten ihre Formalismen, wussten, wie man das nötige Drama erzeugt.“

Am nächsten Abend weilen Jones und Bonzo auf einer Party in London, während Page und Plant in Headley Grange am Kamin sitzen. Page klimpert ›Stairway To Heaven‹, ein schlecht gelaunter Plant hat Zettel und Stift bei der Hand, sammelt Worte, bastelt an Versen. Er ist unzufrieden, es scheint nicht zu funktionieren, doch auf einmal fliegt der Stift wie von selbst über den Notizblock, die Eröffnungszeilen sind immerhin schon fertig.

Am Tag darauf, die Band ist wieder komplett und spielt das neue Stück ein ums andere Mal, folgt dann Plants großer Kreativschub. Was Page später im Magazin „Trouser Press“ so kommentiert: „Das war wirklich erstaunlich, etwa 80 Prozent des Textes schrieb er völlig spontan. Mit anderen Worten: Er zog sich nicht zurück, dachte nicht großartig nach, grübelte nicht lange herum.“ Richard Cole erinnert sich: „Jones hatte wie immer eine ganze Ladung Instrumente mitgebracht, packte eine Mandoline aus, spielte ›Stairway To Heaven‹ auf der Blockflöte. Robert saß auf dem Heizkörper und schrieb wie ein Verrückter.“ Plant: „Es floss einfach.“

Ende Januar erscheint Andy Johns in Headley Grange, komplett mit dem „Rolling Stones Mobile“ und Stones-Pianist Ian Stewart im Schlepptau. Das Studio, kurz zuvor auf 16-Spur aufgerüstet, ist recht schnell betriebsbereit – die Mikrofonkabel laufen einfach durchs Fenster. Um unerwünschte Hall-Reflexionen zu vermeiden, werden ein paar Eierkartons an die Wände geklebt, und schon kann’s losgehen.

Und wie es losgeht: Bereits im Island-Studio hatten Led Zeppelin einen Take von ›When The Levee Breaks‹ eingespielt, im Original von Memphis Minnie aus dem Jahr 1929. Mit dem Ergebnis ist man später nicht zufrieden, Page bezeichnet die Aufnahme im Nachhinein als „flach“. Bonzo mäkelt wieder herum, dass sein Schlagzeug nie so klingt, wie er sich das vorstellt, doch Andy Johns hat einen Plan: Bonzo soll sein Ludwig-Set in der Eingangshalle aufbauen. Im Treppenhaus, rund 8,50 Meter hoch, werden zwei Mikrofone platziert, die von der Decke baumeln, auf ein Bassdrum-Mikro wird verzichtet. Es funktioniert, Johns lädt Bonzo zum Abhören ins „Mobile“, und der Schlagzeuger ist von den Socken: „Verfluchte Hölle, das hat Druck!“

Doch Bonzo ist ein launischen Wesen. Als er später den Groove von ›Four Sticks‹ nicht auf Anhieb hinbekommt, spielt er entnervt das Intro der alten Little-Richard-Nummer ›Keep A-Knockin’‹: Ein magischer Moment, denn Page greift das Ganze sofort auf, spielt ein knackiges Rockabilly-Riff, Plant improvisiert ein paar Zeilen, und Ian Stewart hämmert auf dem Piano. Nach 15 Minuten ist ›It’s Been A Long Time‹ – später umbenannt in ›Rock And Roll‹ – fertig. Dazu Plant im Jahr 1988: „Wir hielten den Zeitpunkt für gekommen, dem guten alten Rock’n’Roll die Ehre zu erweisen. Für intellektuelle Betrachtungen hatten wir keine Zeit, wir ließen es einfach krachen. Ziemlich animalisch, aber eben sehr kraftvoll.“

Trotz Zeppelins Hang zur Improvisation, trotz der Qualitäten aller Beteiligten, wird die Zeit langsam knapp. Das „Mobile“ steht nur sechs Tage zur Verfügung, eine Zeitspanne, die selbst für Led Zeppelin zu kurz ist. Weshalb man Headley Grange kurzerhand dem weiteren Verfall überlässt und sich ins Londoner Island Studio aufmacht. Dort wird zunächst ›Stairway To Heaven‹ aufgenommen, danach bastelt Page an ersten Overdubs.

Das Island hat seine Tücken, denn der Aufnahmeraum ist riesig, bietet Platz für ein 70-köpfiges Orchester – für Rock’n’Roll-Bands nicht eben die ideale Voraussetzung. Um den Sound druckvoll zu machen, setzt Andy Johns auf massive Kompression. Digby Smith, sein damaliger Assistent, erinnert sich: „Sobald er am Mischpult saß, wurde alles größer und lauter.“

Smith ist natürlich auch dabei, als ›Stairway To Heaven‹ Gestalt annimmt. Obwohl es ein komplexer Song ist, ist schon der erste Take fehlerfrei. „Andy bat die Band in den Kontrollraum“, so Smith, „und spielte ihnen den Take in barbarischer Lautstärke vor. Bonham, Jones und Plant waren sich sofort einig: Das war’s. Nur Page schwieg. Bonham fragte ihn, was los sei. Page zauderte, meinte, der Track sei ganz okay. Darauf Bonham, ziemlich angesäuert: ‚Ganz okay? Also sollen wir’s noch mal machen, oder was?‘ Page sagte nur: ‚Ich glaube, das kriegen wir noch besser hin.‘“ Ein zweiter Take soll aufgenommen werden, Bonzo stampft zum Schlagzeug zurück, lauert auf seinen Einsatz. Als er dran ist, schlägt er sein Schlagzeug fast in Stücke, die VU-Meter sind alle im roten Bereich. Der zweite, noch ein wenig druckvollere Take wird abgehört, und Bonzo hat ein Einsehen. Er wendet sich an Page und murmelt nur: „Du hattest recht…“