Deep Purple – Rückkehr nach Montreux

Die Elder Statesmen des Hard Rock sind wieder auf der Straße – und kehren an den Tatort zurück: Deep Purple gastieren am Genfer See, wo einst MACHINE HEAD entstand. Mit dabei ist ein großes Orchester. Dafür kann die Feuerwehr diesmal zuhause bleiben.

Deep Purple Live At Montreux (23)Montreux im Hochsommer. Deep Purple sind in der Stadt, um mit ihrem Auftritt das jährliche Jazzfestival zu beschließen. Sie sind also zum Tatort zurückgekehrt, zu jenem verschlafenen Schweizer Kurort am Genfer See, den sie 1972 mit ihrem legendären Al-bum MACHINE HEAD auf die Rock-Landkarte setzten. Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen, und wenn Deep Purple heute Abend die Strawinsky-Halle rocken, wird die Kamera mitlaufen – der Konzertmitschnitt ist bereits auf DVD erscheinen. CLASSIC ROCK ist exklusiv mit dabei, als die alten Hard Rock-Kämpfer ihr umfangreiches Hit-Repertoire zum Besten geben, begleitet vom Neuen Frankfurter Philharmonie Orchester. Deren Dirigent, Steve Bentley Klein, erweist sich dabei als geigespielender Metal-Head.
Am Nachmittag sind Deep Purple samt Gefolge mit ihrem Privatjet auf dem Genfer Flughafen gelandet. Mit Limousinen huschen Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und Steve Morse zum protzigsten Hotel am Platze – dem Fairmont Le Montreux Palace, einem güldenen Zuckerbäckerpalast für alten Geldadel und neureiche Emporkömmlinge.

Im Foyer angekommen, ist Ian Gillan ein wenig verstimmt. Seine Frage, warum er die Stunden vor dem Auftritt nicht schlafend in seiner Suite verbringen darf, wird geflissentlich überhört. Zwar ist die Band vorgewarnt, dass ihr abendlicher Auftritt mitgefilmt wird, doch die Erkenntnis, dass ihre Anwesenheit schon jetzt nötig ist, um so lästige DVD-Extras wie kleine Vorab-Interviews aufzuzeichnen, setzt sich erst langsam durch. Die Elder Statesmen des Hard Rock sind mehr oder minder genervt.

Kein Problem für das Team von CLASSIC ROCK. Wir werden in ein halbwegs feudales Zimmer geleitet, in dem gleich das erste Opfer seinen Kurzauftritt vor laufender Kamera absolvieren wird. Ian Paice betritt den Raum, das einzige Gründungsmitglied von Deep Purple, das noch immer dabei ist. Ein leutseliger Typ, wie immer mit blaugetönter Brille und buschigem Pferdeschwanz. Zudem trägt er Birkenstock-Sandalen – das bevorzugte Schuhwerk sämtlicher Deep-Purple-Musiker, wie sich später noch herausstellen wird. Paice sieht aus wie Elton Johns stämmigerer Bruder, er hat sich den trockenen Dialekt seiner Heimatstadt Nottingham ansatzweise bewahrt – wenn auch inzwischen leicht amerikanisch eingefärbt. Schlagzeuger Ian Paice ist der Archivar der Band, darüber hinaus ihr größter Motivator. Auch wenn die Band seit Jahrzehnten vordergründig demokratisch geführt wird, stabil war diese Demokratie eigentlich nie. Und Paice ist der Typ, der ganz genau weiß, wo die Leichen vergraben liegen – und wie man sie wieder ausgräbt.

„Mein Gott, ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir hier schon gespielt haben“, eröffnet er das Gespräch. „Als wir an MACHINE HEAD arbeiteten, war das Montreux-Festival noch ziemlich winzig; es dauerte damals nur ein paar Tage. Dank des Erfolges von ›Smoke On The Water‹ wurde die ganze Welt aufmerksam auf diesen kleinen Ort am Wasser, der Montreux heißt.“

Doch dieser aktuelle Besuch ist anders. Paice erklärt, warum Deep Purple diesmal mit einem 38-köpfigen Orchester anrücken: „Nach der nicht enden wollenden RAPTURE OF THE DEEP-Tournee mussten wir einfach etwas Neues ausprobieren. Wir haben schon oft mit Orchestern gespielt und da-durch unseren musikalischen Ansatz erweitert, man denke nur an Jon Lords Konzertstücke. Aber diesmal wollten wir eben nicht diese typische Klassik-trifft-Rock-Nummer abfeiern, sondern kompromisslos rocken, allerdings mit großer Besetzung. Es gibt von allem mehr: mehr Sound, mehr visuelle Aspekte, mehr Leute auf der Bühne. Unsere Fans lieben es, selbst ich kriege immer wieder Gänsehaut, obwohl ich das Material ja nun wirklich kenne.“

Unter dem Motto „The Songs That Built Rock“ werden Deep Purple plus Orchester bis Weihnachten auf Tour sein. „Dann sehen wir weiter, ob darüber hinaus noch Nachfrage besteht“, so Paice. „Es ist zwar nicht unsere Abschiedstournee, aber natürlich können wir nicht ewig weitermachen. Ich habe es immer genossen, bei Deep Purple zu spielen, zumindest meistens, und heute gehen unsere Tourneen glücklicherweise wesentlich komfortabler über die Bühne als in früheren Zeiten. Wir wohnen in netten Hotels, nicht mehr in Ho-liday Inns, wir haben einen Jet und müssen nicht mehr im Bus übernachten. Ich bestehe auf einer gepflegten Nachtruhe, und zwar in einem Bett, das nicht durch die Gegend rollt.“ Die Ansprüche sind gestiegen – und Paice schaltet bei diesem Thema auf stur: „Ich reise nicht mit dem Bus. Das mach ich nicht mehr. Ich hasste es schon in den Sechzigern und lasse es heute einfach bleiben.“

Sobald der kontinentaleuropäische Tour-Ableger beendet ist, werden Deep Purple für vier große Shows nach England zurückkehren: „Wir haben ein paar Überraschungen auf Lager, die niemand erwarten wird. Zwar können wir nicht allzu viel improvisieren, da das Orchester nach Noten spielt, aber ein bisschen was geht immer. Unsere Shows dauern etwa zwei Stunden, da kriegt man für sein Geld doch wirklich was geboten.“ Was wohl auch das Publikum so sieht: Die Nachfrage nach Purple-Konzerten ist in Großbritannien derzeit hoch; „würden wir allen Anfragen nachgehen“, so Paice, „könnten wir jede Woche woanders spielen. Natürlich könnten wir auch Extra-Shows in der Londoner O2-Arena dazwischenschieben, aber wenn man die nicht komplett ausverkauft, dann gilt man schnell als Versager. Mein Motto lautet daher: Man muss sich rar machen, darf die Leute nicht überfüttern.“

In der Lobby des „Fairmont“ hat sich gerade das gesamte Purple-Gefolge versammelt. Beileibe keine glamouröse Hipster-Gesellschaft, dafür wimmelt es nur so von Frauen, Kindern und Plattenfirmenmenschen. Gelinde Panik macht sich breit, denn Ian Gillan ist verschwunden und Roger Glover hat seine DVD-Extras gerade in satten zehn Sekunden abgehakt. „Stell mir doch einfach die üblichen Fragen“, schlägt er dem Regisseur trocken vor, „also, wie lange können Deep Purple noch weiter machen? Nervt es mich, immer wieder ›Smoke On The Water‹ zu spielen? Wann werde ich die Band verlassen?“ Der Regisseur macht gute Miene zu Glovers Spiel, tut brav, wie ihm geheißen, und sieht sich zur Belohung mit eher hysterischen Antworten konfrontiert.

Schließlich wird Ian Gillan ins Zimmer geleitet, begleitet von Sally, seiner blonden Assistentin. Er scheint darüber nicht sonderlich glücklich zu sein. Was los ist? In einer Hand hält er eine Kaffeetasse, in der anderen sein Gesicht, das er zu einer Grimasse verzieht. Nicht sehr vielversprechend. Er sagt erst einmal gar nichts. Sein Haar ist kurz und grau. Tuntige Haarfärbung? Nicht bei Gillan. Sein Gesicht ist ein wenig faltig, dafür aber naturgebräunt. Das Ergebnis eines nordamerikanischen Sommers und eines Ur-laubs in seiner Wahlheimat Portugal, wo Gillan heute mit Frau und Kind zu-hause ist. Sein Landhaus an der Küste von Dorset hat er schon längst verlassen – „das verdammte Klima, schrecklich!“. Er trägt ein indisches Bauernhemd aus Baumwolle, weite weiße Hosen und legere Sandalen, sieht irgendwie aus wie das Mitglied einer Sekte. „Ich war noch immer nicht im Bett“, murmelt er vor sich hin, „dafür im Krankenhaus. Gerade eben erst. Gestern war ich stocktaub, konnte nichts mehr hören. Als hätte ich meine Finger in den Ohren. Einfach gar nichts. Weder die Band noch das Orchester. Musste sie ausspülen lassen.“

Ob er Schmerzmittel nimmt? „Häh? Was? Nö, nehme ich nicht. Was hat das eigentlich mit dieser DVD auf sich? Niemand hat mir was gesagt. Ich weiß, dass sie die Shows hier und in Verona filmen (wo Deep Purple in ein paar Tagen im römischen Amphitheater spielen werden – Anm. der Red.). Mir war aber nicht klar, dass ich heute Nachmittag nicht ins Bett kommen würde.“

Nach ein paar sanften Worten richtet sich Gillan dann doch noch zu voller Größe auf und erweist sich als intelligenter Gesprächspartner mit schrägem Sinn für Humor – sofern ihn die Laune packt. „Ich mag das Orchester. Es war vor allem Ians Idee, ich war anfangs total dagegen. Ich befürchtete, es würde in symphonisches Brimborium ausarten, was es aber nicht tut. Es swingt wie bei Count Basie. Die Bläser sind großartig, und die Streicher sorgen für Farbe und Dynamik. So sieht’s aus. Mit den Arrangements hatte ich nichts zu tun, die stammen von Jon Lord, Don, Steve Morse und unserem Dirigenten Steve Bentley Klein … in dieser Band gibt’s eindeutig zu viele verdammte Steves.“

Gillan, wie Paice und Glover Mitte sechzig, erklärt seine Rolle: „Ich tue, was ich immer tue. Wenn mich was langweilt oder inspiriert, ändere ich was. Ich improvisiere gerne. Meine Interpretationen sind so locker wie immer. Was könnte ich sonst noch tun? Ich latsche auf der Bühne auf und ab, singe und lache. Eine Sache stört mich aber an dieser Tournee: die Konzertposter. Sie sind komplett falsch. Ich mag keinen Bullshit. Diese Dinger sehen aber aus, als würden wir eine Symphonie auf die Bühne bringen, dabei ist es eher so, als ob wir mit der Bläsersektion von Muscle Shoals oder Stax spielen. Da gibt’s überhaupt nichts Symphonisches, abgesehen von den Pauken. Und den Celli, Kontrabässen und Geigen.“

Mit einem Orchester arbeiteten Deep Purple erstmals Ende der sechziger Jahre zusammen, weshalb die aktuelle Kooperation Gillan nicht wirklich in Verlegenheit bringt. „Ich fühle mich davon nicht eingeschüchtert. An einem Konzerttag beginnt mein Lampenfieber gemeinhin während der Mittagspause. Die Bühne ist nun mal ein gefährlicher Ort. Da oben gibt’s keine Routine, auf die man sich verlassen kann. Pavarotti sagte mir mal: ‚Ich höre dich jeden Abend ›Smoke On The Water‹ singen, und jedes Mal ist es anders. Wenn ich das mit einer Opernarie anstellen würde, man würde mich kreuzigen.‘“

Deep Purple Live At Montreux (17)Dass Deep Purple heutzutage jenseits des Mainstreams operieren, ist offensichtlich. Weder genießen sie die Unterstützung einer großen Plattenfirma, noch beschäftigen sie regelmäßig einen Presseagenten. Andererseits sind ihre Konzerte meistens gut besucht, die britischen Shows ihrer aktuellen Tournee wa-ren in Windeseile ausverkauft.

„Aber manche Sachen machen wir heu-te einfach nicht mehr“, gibt Gillan zu, „ei-ne davon sollten DVDs sein. Ich mag sie nicht. Ich mag nicht ihre Entstehung und sehe sie mir später auch nicht mehr an. Warum sollte ich auch? Ich war schließlich dabei. Abgesehen vom ersten Mal, wenn sie gerade frisch aus der Presse kommen, höre ich mir auch unsere Platten nicht an. In die Songs habe ich mich schon vorher vertieft, schließlich muss ich sie den Rest meines Lebens singen. Häufig gefällt mir auch nicht, was ich da so höre, aber dann ist es zu spät. Aber jetzt sage ich dir, was ich wirklich hasse: das Internet! Ich kapier’s einfach nicht. YouTube? Was ist daran so toll? Warum sollte man sich irgendwas auf einem winzigen Bildschirm ansehen, noch dazu mit be-schissenem Sound?“

Gillans Ansichten über YouTube sind zweifellos von schlechten Erfahrungen ge-prägt: „Einer meiner besten Gigs aller Zeiten ging 2009 im Ferropolis über die Bühne, diesem Freiluftmuseum in Deutschland. Ich spielte mit großem Orchester, überall standen diese riesigen Bagger herum, eine Industriebrache, und es pisste wie aus Ei-mern. Ich hatte keinen Wohnwagen. Kleines Publikum. Kälte. Schlechte Laune. Eine miserable P.A., kein Licht. Absolut amateurhaft. Es war so schrecklich, dass wir eine Pause einlegten, Bier und Hot Dogs kauften. Sally entdeckte diesen Stand, der für 2,50 Euro Plastikponchos anbot. Ich war nass bis auf die Knochen, hatte keine Klamotten zum Wechseln, also zog ich mich aus und streifte den Poncho über. ‚Ich gehe jetzt halbnackt auf die Bühne‘, sagte ich, und Sally meinte nur: ‚Na los, das traust du dich eh nicht!‘ Ich ging wieder auf die Bühne, und die zweite Hälfte der Show war grandios, die Atmosphäre hatte sich total gewandelt. Blöd nur, dass irgendein Bastard alles mitfilmte. Mit seiner Telefonkamera, man sieht also nicht allzu viel und der Ton ist absolut beschissen, aber die ganze Welt kann es heute im Internet bewundern. Ich erzähle dir das, weil es eine lustige Geschichte ist. Und der Grund dafür, warum ich YouTube hasse.“

Das Klopfen an der Tür verrät, dass un-sere Zeit abgelaufen ist, doch Gillan po-siert noch schnell für unseren Fotografen. „Das indische Hemd? Hab ich vom Straßenmarkt an der U-Bahnstation Tooting Bec. Ich hab gleich sechs Stück davon ge-kauft, sie waren nicht sehr teuer. Ich glaube, dieses hier trug ich, als ich mit Ronnie James Dio und dem London Symphony Orchestra auftrat.“ Sally wirft ein, dass es nun Zeit für den Soundcheck wäre. Gillan grummelt: „Ich werde garantiert keinen Soundcheck machen.“ Und entfleucht schnell in sein Hotelzimmer.

In der Strawinsky-Halle belegen Deep Purple ein komplettes Stockwerk. Jedes Bandmitglied hat eine eigene Garderobe, dazu gibt es einen Gemeinschaftsraum zum Abhängen. Dass hier und heute wohl kein Rock’n’Roll-Exzess abgehen wird, verdeutlicht ein Blick aufs Buffet: Schokoriegel, langweilige Sandwiches, ein paar eis-gekühlte Getränke. Am Ende der Show wird alles unberührt sein, und auch die persönlichen Garderobenräume bleiben un-verwüstet. Nur Roger Glover, vermutlich das Deep-Purple-Mitglied mit der ausgeprägtesten Rocker-Mentalität, schaut mal kurz vorbei. Begleitet wird er von seiner jungen Schweizer Freundin Myriam mitsamt Baby auf dem Arm, sowie der zweijährigen Tochter Lucinda.

Glover wirkt ein wenig verwirrt: „Ist diese CLASSIC-ROCK-Geschichte für die DVD?“ Nein, dafür war vorhin der Typ mit der Kamera zuständig. „Okay, gut. Warum sagt mir keiner was? Also, dann mach mal weiter mit deiner Retrospektive. Denn das wird es ja wohl sein, wenn man erst einmal so alt ist wie wir, oder?“ Glover ist jenes Purple-Mitglied, dass am stärksten darauf drängt, ein neues Album zu produzieren, doch laut Gillan gibt es derzeit keine konkreten Pläne. „Das Problem ist einfach“, bringt es Glover auf den Punkt, „dass wir keinen Chef haben. Alles wird gemeinsam in der Band entschieden, und zwar seit 1969, als Paice und ich durchsetzten, dass ein Song mehr bedeutet als nur ein Autoren-Credit. Inzwischen leben wir in der ganzen Welt verstreut, in der Schweiz, Portugal, Amerika und England. Sich zu treffen, ist nicht immer leicht, ein neues Album aufzunehmen ist finan-ziell kaum zu stemmen, weshalb die Begeisterung deutlich nachlässt. Ich bin der Meinung, dass wir es dennoch versuchen sollten, immerhin waren wir stets eine Album-Band. Mir ist es auch vollkommen gleich, ob man uns als Retro-Band oder als altmodisch bezeichnet – ein Album repräsentiert einen gewissen Zeitabschnitt, und genau das ist es, was die Fans wollen. Wir haben dutzendweise Ideen, haben immer wieder zusammen gejagt.“

Kurz zuvor äußert sich Ian Gillan auch zu diesem Thema, allerdings hat er eine völlig andere Auffassung. Zwar erwähnt er eine „Songwriting-Session im Februar“, meint aber, ein Album zu veröffentlichen, sei „nicht dringend“. Es fehle „der Zusammenhalt, wir haben zudem keinen Produzenten, bräuchten aber jemanden, den wir alle respektieren. Mit mir zu arbeiten, ist wirklich nicht schwierig, aber ich will unbedingt den richtigen Mann. Quincy Jones wäre ideal. Er würde uns verstehen und das Beste aus uns herausholen. Unser letztes Album, RAPTURE OF THE DEEP (2005 – Anm.d. Red.), wurde in der falschen Umgebung produziert. Es war fürchterlich. Okay, nicht gerade fürchterlich, aber ich mochte es einfach nicht. Aber eigentlich wäre ich für ein neues Album schon zu haben. Man soll nämlich niemals nie sagen.“

Glover nickt bedächtig, als wir ihm die Ansichten seines Sängers unterbreiten. „Da habt ihr’s“, sagt er ruhig, „alles verändert sich, doch manche Dinge bleiben, wie sie sind. Wir verrenken uns nicht für den Erfolg! Ich weiß auch gar nicht mehr, welche Musik mir überhaupt noch gefällt. Meine Stief-kinder haben mein Interesse für den HipHop geweckt, ich mag Eminem. Grundsätzlich liebe ich klassisches Songwriting, und natürlich bin auch ein echter Nostalgiker – Queen, Jeff Lynne, Hendrix, Randy Newman. Hard Rock ist nicht mehr so mein Ding, ich weiß immer genau, wann das Solo anfängt, was mich grundsätzlich langweilt. Heute gibt es offenbar keinen Filter mehr. Wenn du Müll produzierst, kann das sogar richtig hilfreich sein. Ich will aber wirklich erstklassige Songs, denn sie sind der Treibstoff, mit dem das Auto fährt. Selbst Sportwagen sind nutzlos ohne Sprit.“

Um der alten Zeiten willen beantwortet Glover sogar eine Frage zu Ritchie Blackmore, wobei sich aber herausstellt, dass er mit Deep Purples Ur-Gitarristen schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hat. „Es gab Streit über einen Quadrophonie-Mix bei einem seiner Gitarrensoli auf ›Smoke On The Water‹ (für das Box-Set LISTEN, LEARN, READ ON von 2002 – Anm. d. Red.), und mir wurde mitgeteilt, dass er nie wieder mit mir sprechen würde. Und zwar, weil ich seine Gitarrenarbeit offensichtlich nicht zu würdigen wüsste. Mir ist das herzlich egal. Es würde mir nichts ausmachen, mit ihm zu reden, aber er hat sich wohl in seinen ganz persönlichen Wahnsinn zurückgezogen. Also: kein Kommentar. Schön, wenn’s ihm dabei gut geht.“ Um halb zehn Uhr abends bringen Deep Purple die Strawinsky-Halle zum Beben. Gillans Ohren und Stimmbänder sind okay. Zwar sind ›Speed King‹ und ›Child In Time‹ inzwischen keine Optionen mehr, doch ›Highway Star‹, ›Hush‹ und ›Black Night‹ bringen das Publikum zum Durchdrehen. Zu den Überraschungen gehören Steve Morses Instrumentalstück ›Contact Lost‹, die narkotisierende Ballade ›Rapture Of The Deep‹ und Lars Ulrichs Lieb-lingsstück ›No One Came‹ – womöglich der beste Purple-Song aller Zeiten.

Gillan und seine Kollegen verlassen die Bühne und werden von Claude Nobs heftig umarmt. Der Festivaldirektor dankt ihnen überschwänglich, dass sie aus einem kleinen Event ein Ereignis gemacht haben, das via DVD weltweite Aufmerksamkeit erregen wird. „Ich würde nicht sagen, dass das nur unser Verdienst ist“, beschwichtigt ein lächelnder Ian Paice, „aber durch uns dringt die Botschaft nach draußen. Montreux ist für uns eben ein magischer Ort.“

Deep Purple Live At Montreux (4)Die Aftershow-Party fällt aus, da sich die Band für die Abreise nach Verona fertig machen muss. Aber als Deep Purple zurück ins „Fairmont“ trotten, hämmert der Pianist in der Hotelbar die Akkorde von ›Smoke On The Water‹, und über dem See explodiert ein Feuerwerk. Roger Glover hält in der Hotellobby kurz inne und grinst breit. „Das war gut, nicht wahr? Siehst du jetzt, warum wir immer weiter machen? Wir waren immer eine Gang. Heute sind wir eben eine ältere Gang.“

MIT PAUKEN UND TROMPETEN

Dem Drang zum großen Orchester gaben Deep Purple schon zu Beginn ihrer Karriere nach: ein Überblick von 1968 bis heute.

England, Ende der sechziger Jahre: Procol Harum landen mit dem von Johann Sebastian Bach inspirierten ›A Whiter Shade Of Pale‹ 1967 einen Welthit, The Nice kontern ein Jahr später mit einer weiteren klassischen Adaption: Keith Emersons Band verwandelt Leonard Bernsteins ›America‹ aus der „Westside Story“ in eine rabiate Abrechnung mit dem großen Bruder jenseits des Atlantiks. Klassische Elemente sind also an-gekommen in der Rockmusik, und die frisch gegründeten Deep Purple schwimmen ebenso auf der „progressiven“ Welle, verwursten für ihr 68er-Debüt SHADES OF DEEP PURPLE Passagen von Rimsky-Korsakoff – mit Orgel, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Die Softrocker Moo-dy Blues sind da schon einen Schritt weiter, haben mit DAYS OF FUTURE PASSED bereits 1967 ein Pop-Album mit großem Orchester eingespielt, doch auf ihrem zweiten Werk THE BOOK OF TALIESYN machen auch Deep Purple erstmals ernst mit dem erweiterten Klangkörper – und zwar musikalisch wesentlich profunder als The Moody Blues. ›Anthem‹ heißt der Song, für den Organist Jon Lord, ein ausgewiesener Anhänger von Johann Sebastian Bach, ein barock anmutendes Zwischenspiel komponiert, stilecht dargeboten von einem Streichquartett. Hier wird nicht mehr eine klassische Vorlage zitiert, sondern im barocken Duktus komponiert, was Jon Lord dann schließlich auf dem dritten Album DEEP PURPLE (1969) noch weiter perfektioniert: Der grandiose, zwölfminütige Drei-Akter ›April‹ enthält einen instrumentalen Mittelteil aus Lords Feder, gespielt von einem zwölfköpfigen Kammerorchester.

Ebenfalls anno 1969 er-scheint Lords Rock/Klassik-Experiment CONCERTO FOR GROUP AND OR-CHESTRA, aufgezeichnet mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Londoner Albert Hall – der konzertante Höhepunkt von Deep Purples Flirt mit dem Symphonischen, aber auch sein vorläufiger Schlusspunkt. Wofür seinerzeit zwei Fakto-ren ausschlaggebend sind: War bislang Jon Lord der „musikalische Direktor“, dominiert jetzt zunehmend Ritchie Blackmore die Ausrichtung der Band. Und der bevorzugt eben kompromisslosen Hard Rock. Zudem macht Purples neuer Sänger Ian Gillan beim CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA zwar eine gute Figur, er ist als spektakulä-rer „Shouter“ dann aber doch deutlich wirkungsvoller denn als „Crooner“ – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Rod Evans.

Cover Shades Of Deep PurpleAuch rein praktische Er-wägungen spielen seinerzeit eine Rolle: Die Rock-meets-Klassik-Nummer ist um 1970 zwar künstlerisch durchaus noch ausbaufähig, kann aber auch in einer Sackgasse münden. Mit großem Orchester auf Tournee zu gehen, ist teuer und riskant, zudem liefert der durchschlagende Erfolg Led Zeppelins Blackmore die richtigen Argumente: Hard Rock ist in den frühen siebziger Jahren die Zukunft, seine klassischen Experimente darf Jon Lord fortan auf Soloalben veröffentlichen.

Etwa auf GEMINI SUITE, deren einzige Live-Aufführung aus dem Jahr 1970, bei der im Gegensatz zur Studioaufnahme die kompletten Deep Purple zu hören sind, seit 1993 auf CD zu haben ist. Doch GEMINI SUITE LIVE bleibt die Ausnahme, die Mark II-Be-setzung mit Ian Gillan und Roger Glover widmet sich in den frühen Siebzigern ganz dem kompakten Hard Rock, feiert mit IN ROCK, FIREBALL und vor allem MACHINE HEAD triumphale Erfolge. An dieser Ausrichtung ändert sich nichts, als 1973 David Coverdale und Glenn Hughes Gillan und Glover ablösen. Tommy Bolin, 1975 als Er-satz für Blackmore rekrutiert, verpasst der Band einen funky Anstrich, doch Orchesterwerke bleiben weiterhin tabu. Sein hörenswertes Barock-Experiment SARABANDE veröffentlicht Lord etwa zeitgleich als Solowerk, kurz darauf sind Purple nach Bolins Drogentod ohnehin erst einmal Geschichte.

Auch nach der Reunion der Mark II-Besetzung anno 1984 bleiben Deep Purple ausschließlich dem Hard Rock treu, erst 1999 rekonstruiert Jon Lord mit dem niederländischen Komponisten Marco De Groeij die verloren gegangene Partitur seines CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA. Ein Jahr später erscheint der Mitschnitt LIVE AT THE ROYAL ALBERT HALL mit Neuzugang Steve Morse an der Gitarre, begleitet vom London Symphony Orchestra. Eine weitere Einspielung mit dem New Japan Select Orchestra erscheint 2001 als Bestandteil der Live-CD-Box THE SOUNDBOARD SERIES. Auf LIVE AT THE ROTTERDAM AHOY tauchen ebenfalls 2001 noch Auszüge aus dem CONCERTO auf, diesmal begleitet vom Romanian Philharmonic Orchestra. Nach Lords Ausstieg 2002 ist die Zeit von Klassik-Experimenten bei Purple wohl endgültig abgelaufen. Doch – wie man sieht – schätzt die Band die Vorzüge der Orchesterbegleitung noch heute, wenn auch der musikalische Rahmen mittlerweile ein anderer ist.