Mehr

    Uriah Heep: Denn sie wussten nicht, was sie tun

    -

    Uriah Heep: Denn sie wussten nicht, was sie tun

    - Advertisment -

    Die Geschichte von Uriah Heep in den 70ern ist durchsetzt von Drogen, Alkohol, Zusammenbrüchen, Tragödien und Feindseligkeiten. Die Männer, die in diesem Trümmerhaufen lebten, erzählen vom Leben in einer Band im Krieg.

    Es ist der 14. August 1975, und Uriah Heep werden gleich auf die Bühne der Spectrum-Arena in Philadelphia gehen. Die Briten haben den Wind in den Segeln, nachdem ihr achtes Album RETURN TO FANTASY zum transatlantischen Erfolg wurde, und 25.000 Menschen drängen sich in die ausverkaufte Halle, um sie heute Abend zu sehen. In den letzten sechs Jahren haben Uriah Heep hart gearbeitet, um eine der größten Rockbands der Welt zu werden. Ihr bombastischer, vielschichtiger Mix aus Hardrock und Prog hat sie zu einer Band des Volkes gemacht: geliebt von Plattenkäufern und Konzertgängern, gehasst von Kritikern. Mit RETURN TO FANTASY, dem Vorgänger WONDERWORLD weit überlegen, haben sie es erstmals in die UK-Top 10 geschafft.

    Von außen betrachtet stehen Uriah Heep im Zenit ihres Schaffens. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus, denn das Quintett ist kaum noch funktionsfähig. Hinter den Kulissen zerreißen bösartigste persönliche Differenzen die Band – wobei Alkohol- und Drogenprobleme nicht hilfreich sind. Bassist Gary Thain war Anfang des Jahres wegen seiner außer Kontrolle geratenen Heroinsucht gefeuert worden. Wenige Monate später stirbt er an durch Drogen verursachtem Lungenversagen. Ersetzt wird er durch John Wetton, vorher bei Family und King Crimson tätig. Doch im Moment hat die Band ein noch weit größeres Problem: David Byron. Der charismatische Sänger ist schwer alkoholkrank, was sich sowohl auf seine Bühnenperformance als auch auf sein Leben abseits der Bühne auswirkt. Und hier in Philadelphia spitzt sich die Lage bedenklich zu.

    Byron hat schon den ganzen Nachmittag seinen Lieblingswhiskey Chivas Regal getrunken und ist vor dem Auftritt total am Ende. Er ist so betrunken, dass er an einem Punkt des Konzerts in einen Mikroständer stolpert und seine Lippe aufschneidet. Er begreift, dass er blutet, hält den Jubel in der Halle für Gelächter und reagiert gedemütigt und aggressiv mit einem „fuck off“ an das gesamte Publikum. Eine Ansage, die alle verblüfft, auf und vor der Bühne.

    Fast 40 Jahre später ist diese Erinnerung dem sonst so souveränen Gitarristen Mick Box immer noch peinlich: „Ich war gerade dabei, meine Gitarre zu stimmen, und brachte es einfach nicht fertig, mich umzudrehen und dem Publikum stellen“, seufzt er.

    „Ich habe mich für David und für uns alle geschämt“, sagt Keyboarder Ken Hensley. „Wenn dein Frontmann das gesamte Publikum beleidigt, was sollst du tun? Er zerstörte meine Karriere genauso wie seine eigene. Ein paar Konzerte später machte ich klar, was ich wirklich fühlte, und verließ die Tour. Rückblickend hätte ich wohl reifer sein sollen, statt einfach nur abzuhauen. Aber ich war wütend, und es war eine spontane Reaktion.“

    Der Bandmanager Gerry Bron musste die Scherben zusammenkehren. Er beendete vorzeitig seinen Urlaub in Barbados und flog zurück nach London, um Hensley zur Rückkehr zu bewegen. Für Byron allerdings gab es keine Hoffnung mehr. „Damit Ken in der Band bleibt, waren wir uns einig, musste David gehen“, sagt Bron heute.

    Byron war nicht bewusst, dass die Axt schon über seinem Kopf hing, doch das zunehmend distanzierte Verhalten seiner Bandkollegen nach dem Philadelphia-Debakel machte ihn nur noch paranoider und verschlossener. Innerhalb von zwölf Monaten wurde er gefeuert. Sein letztes Konzert mit Heep war am 25. Juni 1976 in Bilbao, Spanien, wo er erst mal die Glastür am Eingang der Halle eintrat. „Ich denke, selbst David hatte da schon begriffen, dass er rausfliegen würde“, sagte Box später. Aber da war es schon zu spät. Für Byron und Uriah Heep sollte nichts mehr so sein wie früher.

    In der Geschichte von Uriah Heep liegen Triumph und Tragödie nah beieinander. Von 1972 bis 1976 veröffentlichten sie sechs Alben, die sie als eine der Schlüsselbands ihrer Zeit etablierten und von denen min-destens zwei – DEMONS AND WIZARDS und THE MAGICIAN‘S BIRTHDAY – zu den Meilensteinen des 70s-Rock zählen. Doch hinter den Kulissen gab es Egoprobleme, Streitigkeiten mit ihrem Manager und Suchtprobleme, die zum vorzeitigen Tod zweier Bandmitglieder führten.

    Die Wurzeln von Heep lagen bei Mick Box und David Byron. Der bodenständige Gitarrist beschreibt den flamboyanten Sänger (bürgerlich David Garrick) als einen „stolzen Pfau von einem Mann“. Zusammen hatten sie bei The Stalkers und Spice gespielt – Letztere wurden bei einem Auf-tritt in High Wycombe von Gerry Bron entdeckt, der bald darauf ihr Manager, Produzent und – nach Gründung seiner Plattenfirma Bronze Re- cords 1971 – ihr Labelboss werden sollte.

    Bron ist eine Schlüsselfigur in der Geschichte von Uriah Heep – und kontrovers. Er war älter als seine Schützlinge und hatte schon mit Manfred Mann und Colosseum zusammengearbeitet. Der Erfolg von Uriah Heep sollte es ihm erlauben, das Bronze-Imperium zu erweitern und Bands wie Motörhead, The Damned und Girlschool unter Vertrag zu nehmen. „David Byron war definitiv der Anführer der Band“, erinnert sich Bron an die Anfangstage von Uriah Heep. „Er kam ins Büro und ließ bei allen seinen Charme spielen, auch den Sekretärinnen. Vier Jahre später war dieser nette Typ zu einem totalen Arschloch, einem Dämon geworden.“

    Während Spice die Aufnahmen ihres Debütalbums in Angriff nahmen, schlug Bron vor, dass sie sich in Uriah Heep umbenennen sollten – inspiriert nicht etwa von der Figur aus Charles Dickens’ Roman „David Copperfield“ von 1850, sondern einer Anzeige im „Melody Maker“ von einem potenziellen Angestellten, der diesen Namen angenommen hatte. „Sie war bei den Stellengesuchen: ‚Erfahrener Roadie sucht Arbeit, bitte Uriah Heep anrufen…‘“, erinnert sich Bron. „Ich dachte, verdammt, was für ein fantastischer Name.“

    3 Kommentare

    1. Traurig, Gary Thain war mein leuchtendes Vorbild, als ich Anfang der 70er (als fauler Gymnasiast, immer vom Hängenbleiben bedroht, der ohnehin Rockstar werden wollte und gar nicht drauf aus war, jemals Abitur zu machen) mit meinem lausigen Klira-Bass versuchte, irgendetwas auf die Reihe zu kriegen, nicht zuletzt auch, um bei den Mädels zu punkten und Byron kam wegen seiner Stimme sowieso gleich nach dem lieben Gott. Daß Thain schon seit 75 tot war, hatte ich lange gar nicht auf dem Schirm, und als ich Ende 86 noch immer kein Rockstar war und deshalb mit fast 30 ein Jurastudium anfing (seit April 94 Rechtsanwalt und nur noch Freizeitmucker), wußte ich auch nicht, daß sich Byron da schon ein Jahr vorher totgesoffen hatte. War vielleicht ganz gut, daß es bei mir nur zum Provinzmucker gereicht hatte, auch wenn ich Thains echt geile Bassläufe inzwischen aus dem ff. nachspielen konnte, – ich lebe wenigstens noch. Aber „Demons and Wizards“ ist für mich noch immer das Geilste, das die Band je zustandegebracht hat.

      • Niemand hat das geniale 1. Live Album “ Uriah Heep Live ´73″ erwähnt. Damals war ich der totale Heep-Fan und konnte nicht loslassen von diesem voller Power und Leidenschaft eingespieltem Livealbum. Besonders „Look at yourself“ und „Gypsy“ sind für mich heute noch absolute unvergessene Ohrwürmer. Nicht zuletzt das Rock`Roll Medley haut einfach nur vom Hocker. David Byron war mit seiner Stimme einfach für die Songs geboren. Kein anderer nach ihm konnte diesen extravaganten Stil umsetzen. Leider konnten nur wenige meiner Mitschüler sich wirklich mit der Band und Progressiv-Rock identifizieren. Was bleibt sind schöne Erinnerungen an die 70-er Alben(sie stehen alle noch als Original in meinem Plattenschrank) und ich höre sie immer noch gerne.

    Kommentieren Sie den Artikel

    Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
    Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

    Das Neueste

    Meat Loaf: Über Eigenheiten, Erfolg und Erfahrungen

    Von Urin als Wundermittel gegen Stimmverlust hält Meat Loaf ebenso wenig wie von Menschen, die Flaschen auf Musikerinnen werfen....

    Video der Woche: Robert Palmer mit ›Addicted To Love‹

    In Gedenken an Robert Palmer, der heute vor 17 Jahren in Paris verstorben ist, blicken wir zurück...

    Rückblende: Roxy Music – ›Virginia Plain‹

    Es brach alle geltenden Regeln, was eine Hitsingle ausmacht, doch dieses Lied über das Gemälde einer Zigarettenschachtel – einer...

    Album des Lebens: AC/DC – BALLBREAKER

    In der Rubrik "Album des Lebens" stellen unsere CLASSIC ROCK-Autoren die Platte vor, die ihr Leben für immer verändert...
    - Werbung -

    Rock-Jahrbuch: Das Achterbahnjahr 1980

    Für manche Rocker kommt das Jahr 1980 dem Einzug ins Paradies gleich – für andere ist es das furchtbarste...

    Led Zeppelin: John Bonham – Seine letzten Tage

    John Bonham hat nicht einfach nur getrommelt: Er konnnte Led Zeppelin Durchschlagskraft ver­leihen. Daher war nach seinem Tod rasch...

    Pflichtlektüre

    Richie Sambora: München, Kesselhaus

    Hut ab! Richie Sambora und sein Publikum mögen in die...

    Magnum – Kopf wieder frei

    In den Achtziger Jahren feierten Magnum große Erfolge, bevor...
    - Advertisement -

    Das könnte dir auch gefallenÄHNLICH
    Für dich empfohlen