R.E.M.

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R.E.M.

REM_REM_Promo_Pic_2011_ @ Anton CorbijnEs ist schon ungewöhnlich, dass ein Künstler überhaupt ein Interview zur Auflösung seiner Band gibt. Noch ungewöhnlicher ist es allerdings, wenn er da-bei so gute Laune hat wie Michael Stipe. Der – da liegt die Ironie – nie ein besonders entspannter, geschweige denn witziger Interview-Partner war. Eher im Gegenteil: Der Verfasser dieser Zeilen hat schon oft geschworen, sich diesen missmutigen, wortkargen und einsilbigen Menschen nie wieder anzutun. Nur um jedes Mal rückfällig zu werden.

Doch heute, im plüschigen Connaught Hotel im Londoner Stadtteil Mayfair, präsentiert sich der 51-Jährige so, wie man sich ihn immer gewünscht hätte: charmant, spritzig und offen. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er mit der Best Of PART LIES, PART HEART, PART TRUTH, PART GARBAGE kein neues Album zu promoten hat. Und dass sich R.E.M. – nach 31 Jahren und 85 Millionen verkaufter Alben – am 21. September offiziell getrennt haben. „Es war an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen“, setzt das Männchen mit der Hornbrille, dem weißgrauen Bart und der frisch polierten Kopfhaut an. „Wir sind an den Punkt gekommen, da wir erkennen mussten, dass wir alles erreicht haben, dass es fortan nur noch bergab gehen kann und wir auch keine neuen Ideen mehr in uns haben. Da kam uns die Tatsache, dass unser Plattenvertrag auslief und wir mit COLLAPSE INTO NOW eines der besten Alben seit Jahren gemacht haben, sehr entgegen: Wir konnten auf einem Höhepunkt aufhören.“

Eine Entscheidung, die er schon drei Jahre mit sich rumträgt. Weshalb COLLAPSE INTO NOW vom März 2011 bereits etliche Indizien für die Trennung enthielt. „Es war so deutlich“, setzt Stipe mit einem breiten Grinsen an. „Ich meine, wir hatten zum ersten Mal ein Foto von uns auf dem Cover, auf dem ich auch noch eine winkende Bewegung mache. In dem Song ›All The Best‹ verabschiede ich mich von den Fans, und zum Finale singe ich ein Duett mit Patti Smith – noch offensichtlicher geht es kaum. Nur: Es scheint keiner kapiert zu haben. Ist das nicht traurig?“

Was eher eine rhetorische Frage ist. Denn traurig ist er selbst kein bisschen. Schließlich habe das Ganze ein solches Echo ausgelöst, wie er es sich nie hätte träumen lassen. Mit Kondolenzbekundungen und Danksagungen aus Politik und Showbiz – u.a. von befreundeten Künstlern wie Pearl Jam, Radiohead, Springsteen oder Coldplay. Zudem fühle er sich nun, da die Katze aus dem Sack ist, freier denn je und freue sich darauf, sein Leben, das über drei Dekaden von der Musik bestimmt war, in andere Bahnen zu lenken. „Es ist nicht so, als ob ich einen konkreten Plan hätte. Ich möchte erst einmal ein paar Monate durchschnaufen, mich treiben lassen und sehen, worauf ich Lust habe“, vergeht er sich an netter Unverbindlichkeit.

Dabei ist klar, wie die Zukunft der drei R.E.M.-Mitglieder aussehen dürfte: Gitarrist Peter Buck tourt gerade mit den Minus 5 bzw. Busenkumpel John Wesley Harding durch amerikanische Clubs und wird auch in Zukunft mit Künstlern aus der Portland/Seattle-Szene durch die Weltgeschichte tingeln. Bassist Mike Mills plant ein noch nicht näher spezifiziertes Solo-Album, während Stipe seine bisherigen Nebentätigkeiten zum Vollzeitjob machen dürfte: Fotografie, Videocollagen (siehe www.michaelstipe.com), Filmprojekte und Bronzestatuen von antiquierten technischen Gebrauchsgegenständen wie Polaroidkameras oder Anrufbeantworterkassetten.

„Das sind Sachen, die komplett überholt sind. Also durch die Entwicklung der Digitalfotografie und der Technik sind sie zu Gegenständen der Vergangenheit geworden. Trotzdem können wir sie nicht wegwerfen, sondern stellen sie ins Regal und betrachten sie. Und ich habe eines der frühesten Metalle genommen, die wir aus der Erde ge-wonnen haben. Denn die Idee ist: Okay, die Welt kommt irgendwann zum Ende. Alles Plastik wird zerstört, alle vergänglichen Dinge verschwinden, alle digitalen Dateien ebenfalls. Aber dieser Klumpen Bronze, der Objekte aus dem späten 20. Jahrhundert verkörpert, ist immer noch da. Das finde ich interessant.“ Wobei er seine Exponate jedoch nicht zum Kauf anbietet, weil er ja eh genug verdient habe und seine Rücklagen bis ans Ende aller Tage reichen. „Ich habe nicht vor, mich in fünf oder zehn Jahren hinzustellen und eine Reunion-Tour mit R.E.M. anzukündigen. Soweit wird es nie kommen.“ Ein Mann, ein Wort!

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