Making of: INXS – KICK (1987)


Dennoch entschied man sich, die Arbeitsweise ein bisschen zu ändern – mit äußerst erfreulichem Ergebnis. „Früher hatten wir immer alles in einem Aufwasch gemacht. Songs schreiben, ab ins Studio, das Ding einspielen und fertig. Diesmal beschlossen wir, nach einer Weile Pause zu machen, einfach, um mal ein bisschen durchzuatmen, einen Schritt zurück zu treten, etwas Abstand zu gewinnen und zu sehen, ob den Jungs in dieser Zeit vielleicht noch was Gutes einfallen würde. Also nahmen wir uns sechs Wochen frei, und als wir wieder ins Studio kamen, hatten Michael und Andrew [Farriss] ›Guns In The Sky‹ im Gepäck – und ›Need You Tonight‹.“

Das Stück, das noch heute Millionen von Menschen an den unverwechselbaren Gitarrenklängen in den ersten zehn Sekunden erkennen, wurde nicht nur zum größten Hit der Bandkarriere, es positionierte INXS auch in einem neuen Spannungsfeld zwischen deftigem Rock, HipHop-beeinflussten Beats, schamlosem Pop-Appeal und dem monumentalen Charisma ihres Frontmanns. Eine Mixtur, die vor allem in den USA explosionsartig zündete. Ein Resultat der ausgedehnten Amerika-Tourneen zu LISTEN LIKE THIEVES? „Nein, ich würde nicht sagen, dass wir davon musikalisch beeinflusst wurden. Klar, wir verbrachten unglaublich viel Zeit in den USA und Andrew hatte eine langjährige Beziehung mit einer Amerikanerin. Kann schon sein, dass dadurch unbewusst neue Klänge auf uns einwirkten. Aber für uns fühlte es sich alles einfach wie eine natürliche Entwicklung dessen an, was wir schon immer taten. Denn von Anfang an hatten wir versucht, das Pubrock-Ding, dass wir in Australien durchzogen, so aufzupeppen, dass die Leute auch dazu tanzen würden, einfach, indem wir ein bisschen mehr funky waren. Von daher wunderte es uns, dass Leute sagten, KICK klinge elektronischer, polierter, produzierter, denn Chris‘ Hauptabsicht war es eigentlich gewesen, unseren Live-Sound im Studio einzufangen. Unsererseits gab es da jedenfalls keinen Plan, in eine bestimmte Richtung zu gehen oder diese oder jene Elemente einzubauen. Chris wollte allerdings, dass wir uns in keiner Weise einschränken, alle Barrieren überwinden und einfach nur unsere Identität finden. Das ist uns offenbar gelungen.“

Der damalige Präsident von Atlantic Records war allerdings weniger begeistert. „Er verstand das Album überhaupt nicht und glaubte, es würde nie funktionieren. Er bot uns sogar eine Million Dollar an, damit wir nach Australien zurückkehren und es neu aufnehmen. Vielleicht hätten wir die Kohle einstreichen und ihm dann noch mal dasselbe Album vorlegen sollen! Stattdessen bestanden wir darauf, es genauso zu veröffentlichen und setzten uns durch. Der Typ war wohl nie so glücklich, sich geirrt zu haben.“ Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte. Allein in den USA ging KICK sechs Millionen mal über die Ladentheken, INXS gehörten fortan zu den größten Bands des Planeten. „Und das fühlte sich für uns damals absolut richtig an, denn genau dafür hatten wir gearbeitet. Ein bisschen beunruhigend war es allerdings auch, denn gerade in den USA tendieren die Fans dazu, sehr fanatisch zu sein, dich aber auch schnell wieder fallen zu lassen. Und wir kamen nicht klar mit dem Formatdenken der Amerikaner. In Australien gab es nicht drei Dutzend Radiosender für jedes Genre, man hörte halt das Radio. Dann kamen wir nach Amerika und wurden ständig gefragt, wie wir uns kategorisierten. Worauf wir nur antworteten, ‘äh, gar nicht‘.“

Was die Flatterhaftigkeit des US-Publikums betrifft, sollte sich die Vorahnung bewahrheiten, denn schon nach dem Nachfolgealbum X (erneut mit Chris Thomas aufgenommen) sank der Stern der Australier in Amerika, während Europa und Südamerika ihnen die Treue hielten. Heute bereitet man eine aufwendige Reissue des Albums vor, inklusive Outtakes, Rarities, Buch und Dokumentation, dazu startet in der Heimat eine Tour, bei der KICK in seiner Gesamtheit gespielt wird. Eine gebührende Würdigung eines Meilensteins, der nicht nur zum Höhepunkt der Karriere einer der erfolgreichsten Rockbands der letzten 30 Jahre wurde, sondern wie wenige andere Alben jener Zeit die Genre-Scheuklappen ablegte und damit den Weg ebnete in eine Zeit, in der das muntere Vermischen aller möglichen Stile zur Selbstverständlichkeit wurde. For those about to rock, groove, dance and chill: we salute you!

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