Rock-Mythen: Ian Curtis – Tod im Reihenhaus

-

Rock-Mythen: Ian Curtis – Tod im Reihenhaus

Curtis stößt in der Free Trade Hall auch auf Sumner und Hook, bald sind sie eine der zahllosen neuen Bands in der Stadt. Sie nennen sich nach einem Bowie-Song Warsaw. Im Herbst 1977 kommt mit Stephen Morris endlich der passende Drummer, allmählich finden sie ihren Sound, und ab Januar 1978 treten sie unter dem neuen Namen Joy Division auf. Die Band erweitert ihren Radius. Erste Kontakte zur Branche, erste Presseberichte. Kult-DJ John Peel lädt sie zu seiner „Peel Session“ auf BBC 1 ein, zu Beginn des Jahres 1979 unterzeichnet die Band beim Manchester-Label Factory Records einen Plattenvertrag. Mit dem Produzenten Martin Hannett geht es im April ins Studio.

Das Ergebnis, UNKNOWN PLEASURES, veröffentlicht im Juni ’79, macht Joy Division aus dem Stand zu einer der wichtigsten und einflussreichsten UK-Bands überhaupt. Ihr düsterer, mit geisterhaften Soundeffekten versehener Punk ignoriert die Genregrenzen und erweist sich als passgenaues Vehikel für Curtis’ dunkle Bassbaritonstimme und seine Lyrics, die Throbbing-Gristle-Legende Ge­­nesis P-Orridge einmal als „postindustriellen Albtraum“ beschreiben wird.

Joy Division mit Sänger Ian Curtis
Joy Division mit Ian Curtis (Zweiter von links)

Die eindimensionale Perspektive des Punk, die sich in einem herzhaften „Fuck you!“ erschöpft, dreht Curtis um – er singt „I’m fucked!“ und schenkt seiner Generation damit Identifikation und Reflektion, die über bloßen Zorn hinausgehen. Joy Division werden so zur Protoband der New-Wave- und Post-Punkszene der 80er-Jahre, ihr Frontmann zur Gallionsfigur. Auf der Bühne lässt er die Arme wie entfesselt um den dürren Körper schlenkern, dazu stampfen die Beine unbeholfen auf der Stelle. Sein Tanz ist so beängstigend wie faszinierend. Niemand kann sich seiner Aura entziehen, und jeder sieht, dass dieser Junge bereits am Abgrund taumelt.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Auf der Heimfahrt von einem Konzert erleidet Curtis einen Anfall. Wenig später die Diagnose: Epilepsie. Der Arzt verschreibt einen Medikamentencocktail, die Folge: extreme Stimmungsschwankungen, Depressionen, euphorische Schübe. Dazu kommt ein privates Dilemma. Curtis, gerade erst Vater geworden, beginnt eine intensive Affäre mit der belgischen Journalistin und Szeneaktivistin Annik Honoré, einer herben Schönheit, so anders als die biedere Deborah. Als die Band im Winter 1980 durch Europa tourt, entdeckt die Ehefrau die Nebenbuhlerin und reicht die Scheidung ein. Curtis ist am Boden zerstört. Und er hat Angst, Angst vor der anstehenden US-Tournee, Angst vor dem Rampenlicht und einem Publikum, das ihn wegen seiner Anfälle, die ihn längst auch auf der Bühne ereilen, verspotten würde. Dazu kommt Flugangst. Starten soll die Tour am 19. Mai.

Am Morgen des Vortags betritt Deborah nach einer Nacht bei ihren Eltern das Haus in der Barton Street. Ian kniet in der Küche, seine Hände ruhen auf der Waschmaschine. Die Wäscheleine, die um seinen Hals liegt, sieht sie zunächst nicht. Aber dann. Gordon Sumner wird später berichten, dass Curtis in der Nacht zuvor Iggy Pops THE IDIOT gehört und Werner Herzogs „Stroszek“ gesehen haben soll.

Auf dem Grabstein des Friedhofs von Macclesfield finden sich neben Ian Curtis’ Namen und dem Todesdatum nur die Worte, die dem einzigen Hit von Joy Divison ihren Titel gaben: „Love will tear us apart“. In einem Interview bemerkte Sumner 2015: „Sonderbar, dass wir erst nach Ians Tod auf seine Texte gehört haben – erst da wurde uns seine innere Zerrissenheit klar.“ Und Stephen Morris ergänzte: „Wie konnten wir so verdammt blöd sein?“

1 Kommentar

  1. Joy Division hat mich eine Wegstrecke durch meine Jugend begleitet, eine oder zwei Vinyl-LPs stehen noch in meinem Regal. Ians Tod hat erschüttert. Nun ist mein Sohn in Ians Alter. … das ist verdammt jung…fast noch ein Kind. Das macht noch trauriger. Eine Anmerkung : ich glaube nicht, dass es Gordon Sumner war, der davon berichtete, dass Ian in der Nacht vor seinem Tod Iggy Pop hörte, ich frage mich aber, ob die beiden Sumners verwandt sind !? Vielen Dank für den Artikel.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Bai Kamara Jr. & The Voodoo Sniffers: Neue Single ›Good, Good Man‹

Am 3. März veröffentlicht Bai Kamara Jr., Sohn des ehemaligen Botschafters Sierra Leones in Brüssel, mit TRAVELING MEDICINE MAN...

Hong Faux: Neue Single ›Starkiller‹

Am 24. Februar erscheint DESOLATION YEARS, das lang erwartete neue Album von Hong Faux. Heute gibt es die Singleauskopplung...

Thundermother: Neues Line-Up

Das Line-Up-Karussell um Gründungsmitglied Filippa Nässil hat sich bei Thundermother wieder einmal komplett gedreht. Wie die Bandmitglieder der schwedischen...

Alberta Cross: Neue Single ›Between You And Me‹

Am 31. März erscheint ein neues Album namens SINKING SHIPS von Alberta Cross, eine neue Single mit dem Titel...

Rückblende: The Kinks – ›Dead End Street‹

Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich ungeschönte Gesellschaftskritik, wurde dieses Stück, das die Kinks noch mal „richtig“ machten, nachdem der Produzent...

Meilensteine: The Midnight Special geht los

02.02.1973: Die Musik-Show „The Midnight Special“ startet beim US-Sender NBC Recht reichhaltig gestaltete sich der Anteil an Popkultur im US-Fernsehen...

Pflichtlektüre

Blues-Boom: Willi Dixon

Der Produzent, Bassist und außerordentlich produktive Songwriter zeichnete verantwortlich...

Jet: Kommt die Reunion der Aussie-Rocker?

Mit ›Are You Gonna Be My Girl‹ stürmten Jet...

Das könnte dir auch gefallen
Für dich empfohlen