Janis Joplin: Little Girl Lost

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Janis Joplin: Little Girl Lost

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Als der Vertrag mit Columbia unterschrieben war, wollte Davis sie sofort ins Studio schicken. Die Aufnahmen begannen am 16. Juni 1969 im Columbia-Studio in New York. Grossman wählte Gabriel Mekler als Produzenten aus. Bekannt für die Steppenwolf-Biker-Hits ›Born To Be Wild‹ und ›Magic Carpet Ride‹ und klassisch ausgebildet, war Mekler bekannt dafür, starke Meinungen und einen ebenso starken Willen zu haben. Und er hielt wenig von den Musikern, die Janis für ihre Band ausgesucht hatte. Sie stritten sich unablässig um Kompromisse, aber Mekler war durch die gesamten Sessions sauer und ignorierte die Vorschläge der Instrumentalisten, die nicht seine Wahl gewesen waren.


Davis’ Eile, das Solodebüt so schnell wie möglich auf den Markt zu bringen, um aus dem Erfolg von CHEAP THRILLS Kapital zu schlagen, bedeutete außerdem, dass die Band nicht genug Zeit hatte, um zu einer Einheit zusammenzuwachsen. Die lange Liste an Musikern spiegelte die Art wider, wie Platten damals z.B. bei Stax oder Motown entstanden, doch der Nachteil daran war, dass niemand in der Band jemals das Gefühl loswurde, mehr als ein Lohnsklave zu sein. Und erneut zeigten die Drogen und die Egos ihr hässliches Gesicht. 1969 war schließlich das Jahr des Heroins. Gitarrist Sam Andrew, der schon bei Big Brother gewesen war, sagte: „Viele der Musiker kauften Heroin, statt sich auf die Musik zu konzentrieren.“ Saxofonist Snooky Flowers fügte hinzu: „Wir waren Musiker und wussten, wie man spielt, kein Haufen Hippies, der gerade mal drei Akkorde beherrschte.“ Er glaubte, Janis sei eingeschüchtert gewesen, weil ihr klar wurde, dass die Band ihr „musikalisch überlegen“ war. In all diesem Chaos verlor sich Janis etwas, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Ihr Vater Seth sagte später: „Die Bläser passten nicht zu ihr. Ihre Stimme allein war doch schon ein ganzes Orchester.“


Doch ihr Talent war so überragend, dass es auch auf DEM OL’ KOZMIC BLUES grandiose Momente gab. Die besten sind nur spärlich arrangiert, sodass ihre Stimme im Vordergrund glänzen kann. Da wäre ›Maybe‹, eine kreative Neuinterpretation eines alten Girl-Group-Hits, außerdem ›One Good Man‹, wo sie sich ein Duell mit Michael Bloomfields schlanken, feurigen Gitarrenlicks liefert und den Song so wie eine Blaupause für die ersten beiden Alben von Led Zeppelin klingen ließ. Das Highlight ist jedoch eindeutig die Cover-Version von Rodgers & Harts ›Little Girl Blue‹ aus der Broadway-Show „Jumbo“ von 1935. Sie ändert Lorenz Harts Text darin zwar ab, zeigt aber trotzdem viel Gefühl für die Nummer. Hart war wie Joplin ein Außenseiter, der sich in seiner eigenen Haut nicht wohl fühlte, stets unsicher war und immer wieder in Depressionen und Saufgelage verfiel. Sie wusste das vielleicht gar nicht, aber sie hatte eine verwandte Seele aus einer anderen Generation gefunden, was sämtliche Farben in ihrer Stimme hervorbrachte. Keine andere Darbietung zeigt besser, wie außergewöhnlich offenherzig sie war, mitfühlend und fähig, für sich selbst

und gleichzeitig für uns als Zuhörer zu weinen. Das Album erschien schließlich im September 1969 und erzielte Goldstatus, doch keine der Singles erreichte die Top 10 und die Reaktionen seitens der Presse waren durchwachsen. Eine typische Kritik im „Rolling Stone“ lobte Janis’ Gesang in den Himmel, aber strafte die Begleitung als „schwerfälliger als eine Bierkeller-Akkordeontruppe“ ab. Mit denselben Musikern ging sie dann auf Tour, und die Konzerte waren ebenfalls von sehr variabler Qualität. „Sie trieben mich nicht an“, sagte sie. „Ich brauche diesen Schub. Ich muss das spüren, denn wenn er mich nicht erreicht, fühlt ihn das Publikum definitiv auch nicht.“


Im Sommer 1970 hatte sie eine neue Band angeheuert, The Full Tilt Boogie, und nannte sie „so heavy, dass man sich an ihnen anlehnen kann“. Doch bevor ihre kreative Evolution weitergehen konnte, war Janis von uns gegangen. Ein Jahr nach ihrem Tod mit 27 veröffentlichte Columbia PEARL, das letzte Stück des Puzzles, das auf ewig unvollendet bleiben wird.

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