Iggy Pop – Der Steher

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Die ganze Geschichte Der Grössten Rockband Aller Zeiten!

Iggy Pop – Der Steher

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Mittlerweile ist Ron verstorben und durch James Williamson ersetzt. Sorgt das für eine andere Chemie?
Und wie! So sehr ich Ron vermisse: James ist technisch viel versierter und abwechslungsreicher, was sein Spiel betrifft. Dabei hat er fast 30 Jahre lang gar keine Musik gemacht, sondern war als Manager unterwegs. Er war so ein Vollarsch in Schlips und Kragen, der Unterhaltungselektronik vermarktet hat. Also einer dieser Typen, die dir die Hand schütteln und gleichzeitig ein Messer in die Rippen rammen. Aber: Er passt halt wunderbar zu den Stooges. Er ist ein mieser, alter Sack – genau wie wir. (lacht) Wobei ich lange Überzeugungsarbeit leisten musste, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Denn eigentlich war er schon in Rente. (lacht) Er war bereit, in seinem kleinen Eigenheim vor sich hin zu vegetieren, bis sie ihn in der Holzkiste abholen. Und davor habe ich ihn bewahrt. Jetzt ist er mit uns auf Tour und kann einen glorreichen Rock’n’Roll-Tod sterben. Wenn er denn will…

Welchen Einfluss hat er auf die neuen Songs?
Sie klingen besser – weil er ein ziemlicher Perfektionist ist. Und ein Kontrollfreak. Die Stücke, die von ihm stammen, musste ich genau so singen, wie er das wollte. Das war seine Bedingung. Eben, dass da keiner mehr reinpfuscht, wie das vor 30 Jahren der Fall war, als Bowie & Co. noch wahnsinnig viel an RAW POWER rumgedoktort haben. Darauf hatte er keine Lust mehr.

Ist das der Grund, warum ihr READY TO DIE selbst produziert habt – obwohl ursprünglich Rick Rubin wie auch Jack White im Gespräch waren?
Nun, Rick hat schon vor Jahren verkündet, dass er unbedingt die Stooges produzieren wolle. Und als sich die Band wieder zusammengefunden hat, habe ich als erstes ein bisschen kreative Spannung evoziert, damit es keine typische Reunion wird. Es sollte nicht wie bei den Eagles oder den Pixies werden. Also habe ich den aggressivsten, cleversten und kommerziell erfolgreichsten Produzenten kontaktiert, der mir einfiel. Und das war Rick. Dabei ist es eigentlich so: Ich möchte genauso wenig reich werden, wie ich produziert werden möchte. Ich hasse diese ganzen Scharlatane. (lacht) Ich mache kein Produkt, sondern verdammte Kunst. Trotzdem habe ich ernsthaft zu ihm gesagt: „Hör mal, du kannst uns produzieren, wenn du das willst.“ Ich habe es extra nicht als Frage formuliert, weil das etwas anderes ist. Und er hat mir diese klassische Hollywood-Antwort gegeben: „OK, lass uns das machen. Aber: Es muss besser werden, als es jemals war.“ (lacht) Was wirklich eine Menge sagt – in einem einzigen, kleinen Satz. Da habe ich mir gedacht: „Eigentlich finde ich das, was wir gemacht haben, viel besser als etliche der Platten, die du gemacht hast.“ Also definitiv besser als ›Fight For Your Right To Party‹, das ja auf einem alten MC5-Riff und einem blöden Drumcomputer basiert. Wenn mir also Jesus sagen würde: „Du könntest besser sein“, dann würde ich ihm glauben. Aber Rick Rubin? (lacht) Scheiße, Mann. Und was Jack betrifft: Er hat uns zweimal angeboten, das Album zu produzieren, aber ich hatte das Gefühl, dass die Aufnahmen dann zwischen einem Abendessen mit den Rolling Stones und einer Ses­sion mit Bob Dylan stattfinden würden. Es hätte alles so schnell passieren müssen, dass Jack es wahrscheinlich auch noch geschrieben und gesungen hätte. (lacht) Einfach, weil er so ein fixer Junge ist. Aber wir mögen ihn. Er ist ein Freund der Stooges und wir hängen gerne mit ihm ab. Nur: Letztlich haben wir uns halt entschieden, es selbst zu machen – weil das billiger ist und wir genau wissen, was wir wollen. Nämlich richtig geilen Krach… (lacht)

…der ein wenig schmeichelhaftes Bild der USA entwirft – gerade im Hinblick auf Waffengesetze und religiösen Fanatismus.
Das ist ja auch kein Wunder, oder? In diesem Land läuft einfach alles falsch: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Kluft wird größer. Und wer sich mit dem System arrangiert, macht Karriere. Wer ihm kritisch gegenübersteht, wird denunziert und gemobbt. Die Waffenlobby, die Drogendealer und die Regierung stecken alle unter einer Decke – da herrscht keine Freiheit, keine Demokratie. Wir sind im realen „Big Brother“-Container und TV ist unser Opium. Deswegen verstecke ich mich auch hier in Florida, wo ich meine Ruhe habe. Und das kann ich nur allen raten: Duckt euch, wartet auf eure Chance – und dann schlagt zu!

Wie kommt es, dass du weiterhin in den USA lebst?
Oh, ich habe oft daran gedacht, nach Europa zu ziehen, was ja gar nicht so abwegig wäre. Aber momentan habe ich eine wunderbare Beziehung – warum sollte ich die aufgeben? Außerdem habe ich mich über die Jahre systematisch südwärts bewegt. Von Michigan, unweit der kanadischen Grenze, wo es richtig kalt ist, über New York bis nach Miami, was ja nichts mehr mit Amerika zu tun hat. Klar, die Fahne weht noch, aber ansonsten ist es ein anderes Land mit einer anderen Mentalität.

Und derzeit versteckst du dich im Norden von Miami vor deinen Landsleuten?
Scheiße, ja. Die haben mich aus South Beach vertrieben, aus dem New Yorker East Village, sie haben Berlin übernommen und mich aus Hollywood gejagt. Aber ich bin ihnen immer einen Schritt voraus. Zum Glück. Und dabei musste ich feststellen, dass ich es einfach nicht ertrage, unter Leuten mit einem gewissen Reichtum zu leben – obwohl es mir selbst ja auch nicht schlecht geht. Aber die einzigen Menschen, die ich mag, sind eben richtig arm. (lacht) Was ein Problem ist, denn mit so vielen armen Freunden werde ich nie richtig reich – weil sie mir mein ganzes Geld klauen. Und weißt du, was ich gar nicht mag? Leute, die mich nicht in Ruhe lassen. Deswegen fühle ich mich in dieser Nachbarschaft so wohl: Die sind hier viel cooler. Und es ist einfach ein guter Mix – unterschiedliche Rassen, unterschiedliche sexuelle Präferenzen, alles prima.

Iggy Pop @ Xavier Martin (1)

Ist Iggy der mies gelaunte Nachbar, mit dem man sich besser nicht unterhält?
(lacht) Ich bin auf jeden Fall etwas schlechter gelaunt als die anderen. Deswegen bin ich auch der einzige in der ganzen Siedlung, der eine Hecke statt einen Zaun hat. Das sagt dir: Lass mich in Ruhe. Komm mir nicht zu nahe. Und das brauche ich – nach 20 Jahren in New York will ich nur noch relaxen. Deswegen bin ich in den Süden gezogen. Und mir gefällt es hier. Ich schätze, ich verwandle mich langsam in ein Reptil. Ich öffne meinen Mund, und wenn du deinen Fuß rein steckst, halte ich dich für mein Fressen – und beiße zu. (lacht) Es ist mir vollkommen egal, ob das richtig oder falsch ist.

THE STOOGES, FUN HOUSE und RAW POWER – eure ersten Alben – gelten heute als Klassiker. Wie kommt es, dass sie sich trotzdem nie richtig gut verkauft haben?
Das ist relativ. Für mich sind sie zum Beispiel extrem erfolgreich und haben sich durchaus gut verkauft. Ich meine, alles, was ich je war, ist dieser Typ aus einer kleinen Stadt, der tolle Musik machen wollte. Und wenn die ein paar Tausend Leute hören wollten, war das toll – das war fantastisch. Ich denke bis heute nicht in großen Zahlen. Das habe ich nie getan. Klar, irgendwann habe ich gelernt, wie man überlebt, aber ich bin nicht der Mensch, der wirklich reich werden will. (lacht) Das ist nicht mein Ding. Ich kümmere mich nur darum, zu überleben. Und was die Leute übersehen: Obwohl die Platten damals nur schlecht gelaufen sind, haben sie sich doch immer weiter verkauft, und das tun sie bis heute. Die Zahl steigt und steigt, Tag für Tag. In anderen Worten: Wir sind das genaue Gegenteil von diesen Deppen, die man bei „American Idol“ erlebt und die irgendeinen banalen Scheiß auf den Markt werfen, der sich ganz schnell milliardenfach verkauft. Aber fünf Jahre später, wo sind sie dann? Und wo ist ihr Kunstwerk? Und wen kümmert es? Die haben vielleicht ein Platinalbum an der Wand, können aber ihre Miete nicht bezahlen. Von daher sind das Geld und die Zahlen ein gefährliches Spiel. Und unsere Zahlen wachsen ständig.

Die frühen Stooges waren ein ziemlich übler Haufen aus Drogendealern und Kleinkriminellen. Versteht ihr euch mit Mitte 60 immer noch als klassische Underdogs?
Eigentlich hat sich keiner in der Band radikal verändert. Alle sind noch genau wie früher. Aber mittlerweile sind wir halt ein bisschen cooler und ruhiger geworden, was ganz normal ist. Wir hatten zum Beispiel wirklich üble Drogenprobleme und wir sind immer noch nicht explizit gegen Drogen, aber doch definitiv vernünftiger. Wir arbeiten nicht mehr, wenn wir high sind. Das ist eine Sache, die diese neue Gruppe auszeichnet. Wir hatten 37 Jahre, um darüber nachzudenken, was wir besser machen können. Und dazu zählt eben, niemals high zu arbeiten. Wenn wir etwas machen, sind wir komplett nüchtern.

Waren es die Drogen, die diese Band zerstört haben?
Das war eine der Sachen, die sie ruiniert haben. Definitiv. Aber auch unser Versagen, miteinander zu kommunizieren und uns an simple Absprachen zu halten. Ich würde sagen, es war zu 50 Prozent unsere Schuld und zu 50 Prozent die unserer Umgebung. Wir haben definitiv das Beste gemacht, was wir konnten. Und ich muss ehrlich sagen: Ich habe es jahrelang gehasst, ständig und überall zu hören, dass wir unserer Zeit voraus waren. Aber jetzt gebe ich auf: Wir waren unserer Zeit wirklich voraus. (lacht) Denn in den nächsten 30 Jahren habe ich bei meinen eigenen Shows festgestellt, dass die Leute immer besser auf die alten Sachen reagieren, dass sie dabei total ausflippen. Das war früher nicht der Fall. Da war das Publikum eher geschockt – und zwar richtig. (lacht) Die Leute standen da und haben sich nicht im Geringsten bewegt – oder sie waren sogar richtig feindselig. Es pendelte immer irgendwo dazwischen.

Aber der Bühnencharakter Iggy Pop wollte doch schockieren, oder?
Nicht unbedingt. Ich habe nur versucht, einen möglichst guten Job zu erledigen – in einer jungen, weißen, aufgeklärten Band aus Ann Arbor, die halt im Rock’n’Roll-Format agierte. Aber dann haben wir diese komischen Reaktionen bekommen und das hat mich ziemlich irritiert. Also fing die Scheiße irgendwann an, zu fliegen, wenn du weißt, was ich meine. Und der Umgang zwischen Teilen des Publikums und mir wurde ein bisschen heftig. Aber die grundlegende Idee war dieselbe wie bei James Brown, Miles Davis, Coltrane oder den etwas besseren englischen Gruppen wie den Stones und The Who – es waren der Groove und das Entertainment. Eben Sachen, die eine unglaubliche Energie besitzen und eine spontane Reaktion auslösen.

Was, wenn ihr nach RAW POWER weitergemacht hättet – wären die Stooges vielleicht doch noch groß rausgekommen?
Da bin ich mir ziemlich sicher. Wenn wir andere Menschen gewesen wären, andere Ziele gehabt hätten und wenn die Welt bereit für uns gewesen wäre, hätten wir bestimmt beachtlichen kommerziellen Erfolg haben können. Obwohl: vielleicht auch nicht. Einfach, weil ich zu der Zeit ja keine wirklich kommerzielle Stimme hatte, und die habe ich immer noch nicht. Aber sie ist schon ein bisschen eingängiger. Und die Definition von Kommerzialität hat sich ja auch verändert. Wir hätten bestimmt noch ein paar gute Sachen machen können. Und die Ansätze hörst du auf den Bootlegs, die im Umlauf sind – auf ›Kill City‹, ›Heavy Liquid‹, ›Head On The Curve‹, ›Johanna‹. Das war die Richtung, in die wir uns bewegten. Es wurde alles ein bisschen anspruchsvoller und reifer. Und ich selbst habe versucht, ein bisschen mehr Melodie über meinen Gesang einfließen zu lassen. Wir haben uns also wirklich nach vorne entwickelt. Und das ist der Unterschied zu vielen anderen Gruppen, die nur ein nettes kleines Konzept haben und es bis zum letzten Tropfen melken, sich aber kaum verändern. Das gilt insbesondere für diejenigen, die sich ganz ungeniert bei uns bedient haben und daraus das kreiert haben, was heute als Punk-Musik gilt. Wie die Sex Pistols oder die Ramones, deren Repertoire ja sehr statisch war. Wir dagegen haben versucht, auch mal etwas anderes zu machen und in eine andere Richtung zu gehen.

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