Allman Brothers: Tragödie & Triumph

Drei weitere Songs nehmen im Criteria Studio Gestalt an, nämlich Dickey Betts’ neunminütige Instrumentalabfahrt ›Les Brers In A Minor‹ sowie zwei Stücke aus Gregg Allmans Feder: ›Ain’t Wasting Time No More‹ und ›Melissa‹. Ersteres, ein bo-denständiger Rocker mit leichtem Gospel-Einschlag und optimistischem Text, entsteht im An-gesicht von Duanes Tod. „Der Song half mir damals, wieder auf die Beine zu kommen“, erinnert sich Gregg Allman, „er floss beinahe aus mir heraus und war nach wenigen Tagen im Kasten.“

›Melissa‹ indes erweist sich als schwere Geburt. Geschrieben anno 1967 – also zwei Jahre vor der Gründung der Band – fehlt dem Refrain der passende Name. Gregg Allman: „Mir fiel einfach keiner ein. Barbara? Ethel? Als ich in einem Lebensmittelladen Kaffee kaufte, war da plötzlich diese dunkelhaarige Dame mit ihrer kleinen Tochter, die in den Gängen auf und ab rannte. Als sie auf einmal außer Sichtweite geriet, rief ihre Mutter, ‚Melissa, komm jetzt her!’ Als ich das hörte, hätte ich sie am liebsten geküsst: Melissa! Das war’s!“

Allman Brothers

Sechs Songs sind also fertig, genug für ein Album, doch so kurz nach Duanes Tod will die Band ihrem Gitarristen ein Denkmal setzen. Lediglich drei Songs mit Duanes Beteiligung sind einfach zu wenig. Im Archiv schlummern allerdings noch allerlei unveröffentlichte Aufnahmen aus dem „Fillmore East“, darunter ›One Way Out‹, ein Klassiker aus dem Repertoire des legendären Slide-Gitarristen Elmore James, sowie Mud-dy Waters’ ›Trouble No More‹. Als optimale Ab-rundung empfindet die Band das Improvisationsstück ›Mountain Jam‹, basierend auf Donovans ›There Is A Mountain‹ und bisheriger Höhepunkt ihrer Live-Shows.

Doch es gibt ein Problem. „Die einzige Aufnahme, die klangtechnisch gut genug für eine Veröffentlichung war“, so Butch Trucks, „zeigte uns spielerisch nicht gerade von der besten Seite. Doch weil Duane darauf zu hören war, kam sie mit auf die Platte. Wenn Duane noch gelebt hätte, wäre EAT A PEACH aber vermutlich kein Doppelalbum geworden.“ Noch ein weiteres, technisches Problem gilt es zu lösen: Da sich ein Song mit einer Spielzeit von 33 Minuten nur unter enormen Klangeinbußen auf eine LP-Seite pressen lässt, verteilt man die ›Mountain Jam‹ auf zwei Seiten, die Fortsetzung heißt folgerichtig ›Mountain Jam Continued‹. Seit Einführung der CD ist das natürlich kein Thema mehr, hier gibt’s den Song am Stück.

Auch wenn Butch Trucks mit der instrumentalen Leistung nicht vollends zufrieden ist: ›Mountain Jam‹ ist ein gutes Beispiel für das traumwandlerische Zusammenspiel der Allman Brothers Band, für die Fähigkeit der beteiligten Musiker, nicht nur großartig zu spielen, sondern auch zuzuhören. Von Jazzern darf man das seit Jahrzehnten erwarten, doch in der Rockmusik gelten damals noch andere Gesetze: Hier wird fein zwischen Solist und Sideman unterschieden, die Längen der Alleingänge stehen meist fest und während des Schlagzeugsolos lässt sich der Gitarrist hinter der Bühne den Rücken oder sonst was massieren und der Sänger kippt mal eben ein Bier. Acts wie Cream und die Jimi Hendrix Experience haben den Grundstein zum Improvisationsrock gelegt, die Allman Brothers Band – personell immerhin doppelt so stark – bringt ihn zur Perfektion. Den Grateful Dead gelingt das an guten Tagen zwar auch, doch das „southern flavour“ der Allmänner ist dennoch konkurrenzlos.

Am Ende der ›Mountain Jam‹ hört man Duane Allman: „Berry Oakley, Dickey Betts, Butch Trucks, Jai Johanny Johanson, Gregg Allman – and I’m Duane Allman. Thank you!“ Dass dieser Satz beim Erscheinen des Albums das Ende einer Ära beschreiben würde, konnte er nicht ahnen.

Auch, wenn die Legende besagt, der Albumtitel EAT A PEACH sei eine Anspielung darauf, dass Duane Allman mit einem Pfirsich-Laster kollidierte – es war definitiv ein Holztransporter. Weshalb auch Eric Claptons Tribute-Song ›Peaches And Diesel‹ vom 1977er-Album SLOWHAND das Thema leicht verfehlt. Angeblich soll EAT A PEACH zunächst „This Is How We Grow ’Em In Dixie“ heißen, denn so lautet die Bildunterschrift jener altertümlichen Postkarte, die der Grafiker W. David Powell in einer Drogerie in Athens, Georgia, gefunden hat und die nun – leicht überarbeitet – das Artwork ziert. Eine Verpackung, die inzwischen zu den Cover-Ikonen der siebziger Jahre zählt: schlicht, aber wirkungsvoll. Die Band mag den Lastwagen mit dem Riesen-Pfirsich, doch der Titel erscheint allen Beteiligten zu umständlich. Die knackigere Phrase „eat a peach“ stammt aus einem Interview mit Duane Allman. Als ihn ein Journalist fragte, was er zur anstehenden Revolution – man schrieb die frühen Siebziger! – beitrage, antwortete er: „Es wird keine Revolution geben, nur Evolution. Aber immer wenn ich in Georgia bin, esse ich einen Pfirsich für den Frieden.“

Als EAT A PEACH im Februar 1972 erscheint, ist die Resonanz übergreifend positiv. Selbst der amerikanische „Rolling Stone“, der die Band 1971 in einer Tournee-Reportage noch als koksnasige Diven mit allzu breitem Südstaaten-Akzent verunglimpft hatte, zeigt sich jetzt versöhnlich: Die Allman Brothers sind plötzlich die „verdammt noch mal beste Band im Lande“, das Album „gleichermaßen tragischer Endpunkt wie hoffnungsvoller Neubeginn“. Auch das Publikum goutiert das hübsch verpackte Doppelalbum, im März 1972 erreicht EAT A PEACH Platz 4 der US-Charts. Die Allman Brothers Band, so scheint es, hat sich gefangen und eine glänzende Zukunft vor sich. Der weise Satz, dass sich die Geschichte niemals wiederholt, erweist sich im Zusammenhang mit den Allman Brothers allerdings als heiße Luft.

Am 11. November 1972, also etwas über ein Jahr nach Duane Allmans Ableben, kollidiert Bassist Berry Oakley auf seinem Motorrad mit einem städtischen Bus – lediglich drei Blöcke entfernt von Duanes Unfallstelle. Oakley scheint zunächst unverletzt, er lehnt medizinische Hilfe ab und fährt nach Hause. Als er später unter Benommenheit und Kopfschmerz leidet, wird er ins Krankenhaus verfrachtet, wo man einen Schädelbruch diagnostiziert. Berry Oakley, 24 Jahre alt, stirbt noch in der selben Nacht an einer Gehirnblutung.

Und wieder macht die Band weiter, und wieder gelingt ihr ein großer Erfolg: Das Album BROTHERS AND SISTERS mit dem legendären Instrumentalstück ›Jessica‹ erreicht 1973 Platz 1 der US-Charts, markiert für Butch Trucks allerdings auch den Anfang vom Ende. „Der Erfolg hat uns umgebracht. Wir verloren die Orientierung, wussten nicht mehr, warum wir taten, was wir taten. Wir wurden Rockstars. Wäre Duane noch am Leben gewesen, hätte er uns allen kräftig in den Hintern getreten. Er wäre klug genug gewesen, um zu bemerken, was da mittlerweile ablief.“ Allerlei Seltsames nämlich. Dickey Betts und Gregg Allman entwickeln allzu starke Neigungen zu Koks und Heroin, die wohl zwangsläufig folgenden Egoprobleme – und diverse Soloprojekte – lassen den Zusammenhalt der Band schwinden. Und Gregg Allman präsentiert sich der Öffentlichkeit auch noch als Witzfigur: Er heiratet die Sängerin Cher, die sich nach sage und schreibe neun Tagen wieder von ihm trennt. Das Paar findet wieder zusammen, nimmt ein unter-irdisches Album auf und trennt sich erneut. Dazu gesellen sich gerichtliche Auseinandersetzungen mit Mitgliedern der Band-Crew sowie Probleme mit der Plattenfirma. Das ganze Programm.

1976 ist erst einmal Schluss, 1978 folgt zwar eine kurze Reunion, doch bereits vier Jahre später wird die Allman Brothers Band erneut aufgelöst. Erst 1989 findet man wieder zusammen. „Ich frage mich oft“, so Gregg Allman, „was wohl passiert wäre, wenn Duane überlebt hätte. Ich glaube nicht, dass wir noch gemeinsam musizieren würden, zumindest hätte sich die Band zwei- oder dreimal aufgelöst, was sie ja ohnehin tat. Man muss wissen, dass Duane extrem impulsiv war, er wäre vermutlich irgendwann seine eigenen Wege gegangen. Aber weil ihm der Gesang seines kleinen Bruders so gut gefiel, wäre er vielleicht auch wieder zurückgekehrt.“

So wie EAT A PEACH, das momentan seiner Wiedererweckung auf der Bühne entgegenblickt. 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung wird die Allman Brothers Band das Werk im März 2012 noch einmal aufführen, die Shows im New Yorker „Beacon Theatre“ sind bereits bestätigt. Das Schlusswort gebührt Gregg Allman: „Das Schwerste bei der Produktion eines Albums ist die richtige Reihenfolge der Songs. Man braucht Hügel und Täler, denn sonst wird es schnell langweilig, und genau das passiert auch, wenn man zwei falsche Songs kombiniert. Ich glaube, dass EAT A PEACH in dieser Hinsicht genau richtig ist, ich liebe dieses Album wirklich und bin froh darüber, dass es damals als Doppelalbum erschien. EAT A PEACH und AT FILLMORE EAST sind definitiv die Wurzeln von allem, was die Allman Brothers Band ausmacht.“

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