AC/DC: Ohne Tempo-Limit


Genau wie Atlantic es erwartet hatte, sorgte HIGHWAY TO HELL für Empörung bei der sogenannten „moralischen Mehrheit“ des Landes, nicht nur wegen des Titels, sondern auch wegen des Fotos auf dem Cover. Das Gruppenbild zeigte Angus mit Teufelshörnern und, für einen zusätzlichen Schockeffekt, auch noch mit einem Teufelsschwanz. Angus erinnerte sich lachend: „In Amerika protestierten vor den Hallen Leute in Bettlaken mit Plakaten, auf denen Gebete standen. Ich fragte: ‚Für wen sind die hier?‘ Und sie sagten: ‚Für euch!‘ Es gab diese Geschichten, dass man satanische Botschaften hören könne, wenn man die Platte rückwärts abspielte. Verdammt, wieso sollte man das tun? Es steht doch direkt vorne drauf: HIGHWAY TO HELL!“ Gene Simmons hörte auf dem Album eine Band, die ihren Zenit erreicht hatte: „Ich liebte die Songs, und ich liebte den Vibe“.

AC/DC Highway To Hell
Während das Album in Amerika endlich ein großes Publikum erreichte, wurden AC/DC in Großbritannien noch bekannter, als sie am 18. August im Vorprogramm von The Who im Wembley Stadium der Hauptband die Show stahlen. Unter den 60.000 Zuschauern war auch Danny Bowes – damals ein 19-jähriger Teppichleger, der in einer Londoner Rockband namens Nuthin’ Fancy sang, und heute Frontmann von Thunder ist. „Ich ging hin, um The Who zu sehen“, so Bowes, „und kam als AC/DC-Fan nach Hause. Bon Scott ging sehr direkt mit dem Publikum um – ,euer Arsch gehört mir!‘ Und The Who hatten keine Chance. AC/DC bliesen sie einfach von der Bühne.“

Bald folgte ein weiterer Triumph. Am 5. September, als sie wieder in den USA auf Tour waren, erzielten sie einen wichtigen Erfolg: HIGHWAY TO HELL wurde das erste Album der Band, das dort Goldstatus für eine halbe Million Verkäufe erreichte. „Das war das erste Zeichen dafür, dass die Dinge für uns richtig ins Rollen kamen“, sagte Cliff Williams.

Am 26. Oktober, nur fünf Tage nach dem letzten Konzert in den USA, starteten AC/DC ihre nächste UK-Tournee im Newcastle Mayfair. Als Vorgruppe hatten sie eine junge britische Band gebucht, die Peter Mensch ebenfalls bald co-managen sollte: Def Leppard. Für deren Frontmann Joe Elliott, gerade 20 geworden, sollte diese Tour eine Erfahrung werden, die er nie mehr vergessen würde.

Am zweiten Abend im Glasgow Apollo, dem Ort also, an dem IF YOU WANT BLOOD YOU’VE GOT IT aufgezeichnet worden war, ging er auf den Balkon, um eine gute Sicht auf AC/DC zu bekommen. Stattdessen bekam er eine Nahtoderfahrung. „Als sie mit ›Live Wire‹ anfingen und der Bass pumpte, schwöre ich, dass sich dieser Balkon um 30 cm bewegte“, erinnerte er sich später. „Das war wie ein Erdbeben. Die Leute drehten so durch, dass ich glaubte, der Balkon würde einstürzen.“

An jedem zweiten Abend auf dieser Tour sahen sich Elliott und die anderen Mitglieder von Def Leppard die Konzerte von AC/DC vom Bühnenrand aus an. „Wir lernten so viel von ihnen. Die Präsentation, die hohe Energie und die Kommunikation mit dem Publikum. Bon war ein Meister darin. Nach drei Songs zog er sich das Hemd aus, er schwitzte viel, und er hatte diese kontrollierte Aggression in der Stimme. Und es sah nicht aus, als müsste er sich darum bemühen. Er war wie ein Wasserhahn – man drehte ihn einfach auf. Er war geboren, um das zu tun.“

In Elliotts Erinnerung war Bon abseits der Bühne nicht minder beeindruckend. „Seine Helden zu treffen, kann eine Enttäuschung sein, aber nicht bei Bon. Er war großartig zu uns. Er war kein aufgeblasenes Arschloch, sondern ein Naturtalent. Und er hatte immer dieses Funkeln in den Augen und dieses breite Grinsen im Gesicht. Er war an jenem Punkt in seinem Leben, wo alle Ampeln auf Grün standen. Eines Abends kam er in seiner abgeschnittenen Jeansjacke in eine Bar und sah, dass wir kein Geld hatten, also steckte er mir zehn Pfund in die Hand und sagte: ‚Hier, kauft euch was zu trinken. Gebt es mir später zurück. Wir sehen uns unterwegs‘. Und das war keine Prahlerei. Bon war nicht wie Keith Moon, der an Kronleuchtern durch den Raum segelte. Er trank gerne, aber war nicht nur ein wilder Kerl.“

Leppard-Schlagzeuger Rick Allen erinnert sich ebenfalls gerne an diese Tour, und vor allem an Bon. Als sie am 1. November im Londoner Hammersmith Odeon spielten, feierte Allen seinen 16. Geburtstag. Und sein zartes Alter spiegelte sich in dem Geschenk wider, das er von Scott bekam. „Er kam in unsere Garderobe, sang ‚Happy Birthday‘ in dieser seltsamen australisch-glasgower Stimme und schenkte mir eine große Schüssel voller Smarties. Das war seine lustige Art, mir seine Liebe zu zeigen.“

Am 11. November ging es in Europa weiter, diesmal mit Judas Priest statt Def Leppard als Vorgruppe. Die Show im Pavilion de Paris in der französischen Hauptstadt am 9. Dezember wurde für den Film „AC/DC: Let There Be Rock“ aufgenommen, der 1980 erscheinen sollte. Doch gegen Ende der Tour erlitt Scott eine Verletzung, als er sich besoffen bei einem Spaßkampf mit einem Roadie nach einem Auftritt in Nizza einen Muskel in seinem Bein zerrte. Kurz vor Weihnachten schaffte er noch drei weitere Gigs in England, doch zwei andere mussten verschoben werden.

Bon flog alleine nach Australien zurück, um Weihnachten in der Sonne zu genießen, seine Eltern zu sehen und ein paar alte Freunde aufzusuchen. HIGHWAY TO HELL hatte sich zu diesem Zeitpunkt fast eine Million Mal verkauft. Für Bon war diese Reise zurück an den Ort, wo sein Weg zum Rock’n’Roll-Star begonnen hatte, mit gemischten Gefühlen verbunden. Selbst in diesem Moment des Triumphes wohnte ihm eine Traurigkeit inne.

Schon 1976 hatte er mit der Liedzeile „I’m a rocker, roller, right-out-of-controller“ seinen eigenen Mythos erschaffen. Er war bekannt als Satansbraten und Frauenheld. Klar, auch ein Charmeur, aber einer, der seine Fäuste bei Bedarf einzusetzen wusste. Doch bei allem Machismo war er ein höchst komplexer Mann – ein Gegensatz, der in den ersten beiden Blues-Songs sichtbar wurde, die AC/DC je aufnahmen.

In ›The Jack‹ von 1975 hatte Bon über die Krankheiten gesungen, die er sich durch seine Bettgeschichten eingefangen hatte. Als selbsterklärter „toilet-wall graffitist“ fielen ihm diese Worte nicht schwer. Doch auf ›Ride On‹ von 1976 sang er über die Einsamkeit auf Tour, die Kehrseite des Rock’n’Roll-Lebens. In einem Interview von 1978 sagte er: „Ich bin seit 13 Jahren unterwegs. Flugzeuge, Hotels, Groupies, Saufen, Menschen, Städte, sie alle kratzen etwas von dir ab.“

Als er in den letzten Tagen des Jahres 1979 in Australien war, besuchte er auch seine Ex-Frau Irene, die im sechsten Monat schwanger war. Egal, wie erfolgreich er mit AC/DC war und wie sehr er sich mit Alkohol betäubte, hier fand er eine Vision davon, wie sein Leben hätte sein können, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten.

Kurz nach seiner Rückkehr nach England im Januar 1980 endete die HIGHWAY TO HELL-Tournee mit acht Konzerten in Frankreich und zwei in Großbritannien. Die letzte Single des Albums, ›Touch Too Much‹, erschien am 25. Januar im UK. Sie war kein großer Hit und erreichte nur Platz 29. Doch für Joe Elliott, der mit Def Leppard seine größten Alben mit Mutt Lange machen würde, war der Song perfekt. „Es ist schon lustig“, sagt Elliott, „denn wie Mutt später zu mir sagte, konnten AC/DC ›Touch Too Much‹ nicht ausstehen. Sie fanden es zu poppig. Aber für mich war es der beste Song auf dem Album.“

Die finale Show am 27. Januar 1980 im Gaumont Theatre in Southampton sollte Bon Scotts letzter Bühnenauftritt werden. Was er mit HIGHWAY TO HELL, seinem Testament, hinterließ, war eines der größten Rockalben aller Zeiten. Und ebenso wie Malcolm Young gewusst hatte, dass sie etwas Großartiges im Köcher hatten, als er dieses Riff hörte, das herausragte wie Hundeklöten, hatte es auch Bon schon geahnt.

Am 4. August 1979, eine Woche nach Erscheinen von HIGHWAY TO HELL, waren AC/DC als Vorgruppe von Ted Nugent zum ersten Mal im New Yorker Madison Square Garden aufgetreten. An jenem Abend, wie an den meisten anderen auch, stand das Publikum vom ersten Moment an auf den Stühlen. Backstage nach der Show hatte Bon vor „Hit Parader“-Reporter Andy Secher geprahlt: „Dies wird eine der größten Bands, die der Rock je gesehen hat. Gib uns ein oder zwei Jahre, und wir werden diesen Laden hier selber ausverkaufen.“ Bon sollte Recht behalten. Nur leider lebte er nicht lange genug, um sich bestätigt zu sehen.

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