Werkschau: Lou Reed/Velvet Underground

lou reed promoOb mit The Velvet Underground oder solo: Lou Reed hat bis heute jede neue Musikergeneration beeinflusst.

Als der legendäre US-Rockkritiker Lester Bangs Lou Reed einst als „komplett verkommenen Perversen und bemitleidenswerten Todeszwerg…einen Lügner, ein verschwendetes Talent, einen sich stets im Wandel befindenden Künstler, der sein eigenes Fleisch pfundweise verhökert“, bezeichnete, beschrieb er einen Helden. Nur wenige Figuren in der Geschichte des Rock’n’Roll sind so rätselhaft oder haben ein so einflussreiches, chaotisches und kontroverses Gesamtwerk erschaffen wie er, zunächst mit der bahnbrechenden Artrock-Band The Velvet Underground und dann als Solokünstler.

Geboren am 2. März 1942 als Lewis Allen Reed in Brooklyn, New York, war er immer ein Außenseiter. Als Teenager wurde er einer Elektroschocktherapie unterzogen, um seine Homosexualität zu „heilen“. In seinen frühen 20ern verließ er die Universität, um als Songwriter bei Pickwick Records zu arbeiten. Dort schrieb er poppige Spaßhits, was in krassem Gegensatz zu seiner Liebe für experimentellem Jazz stand.

Bei Pickwick lernte Reed den klassisch ausgebildeten Musiker John Cale aus Wales kennen. Sie gründeten eine Band namens The Warlocks, die 1965 zu The Velvet Underground mutiert war, mit Reed an Gitarre und Mikro, Cale an Bass, Bratsche und Orgel, Sterling Morrison an der zweiten Gitarre und Maureen „Moe“ Tucker am Schlagzeug.

Die Velvets waren eine Band außerhalb der Zeit. Ihr Debütalbum von 1967 war die komplette Antithese zum Hippie-Idealismus des so genannten Summer Of Love. Mit ihrem Lo-Fi-Klang und Reeds düsteren Texten erwiesen sie sich als viel zu kompromisslos für den Massenkonsum, doch ihr Einfluss sollte ganze Generation überdauern, von Bowie zum Punk und darüber hinaus. David Bowie war es dann auch, der Reed zum Durchbruch als Solokünstler verhalf, als er TRANSFORMER von 1972 koproduzierte. Darauf finden sich zwei von Reeds besten Songs überhaupt: ›Walk On The Wild Side‹ und ›Perfect Day‹.

Mit dem Popstardasein konnte er allerdings überhaupt nichts anfangen und versuchte 1975 mit METAL MACHINE MUSIC kommerziellen Selbstmord zu begehen – mit einer Platte, die aus nichts anderem als Gitarrenfeedback bestand. Eine rebellische Haltung, die sich grundsätzlich durch seine gesamte Karriere zog, wie auch sein letztes Album belegt, das Ambient-Elektronik-Werk HUDSON RIVER WIND MEDITATIONS aus dem Jahr 2007.

Doch es war immer mit einer Gitarre in der Hand, wenn Lou Reed seine ultimative Musik als klassischer Antiheld des Rock’n’Roll ablieferte: der Außenseiter in schwarzem Leder und Sonnenbrille, der Original-Posterboy für den sogenannten „Heroin chic“, der sarkastische Hofdichter von New York City, der nie ein Blatt vor den Mund nahm.

Unverzichtbar

THE VELVET UNDERGROUND & NICO (VERVE, 1967)
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Das Debüt der Velvets war ein Flop und wurde von der Mainstream-Rockpresse abgetan oder – noch schlimmer – gänzlich ignoriert. Bald fünf Jahrzehnte später wird es als eine der innovativsten und wichtigsten Rockplatten aller Zeiten verehrt. Reed als Chefarchitekt schrieb die meisten Songs allein. Und obwohl drei davon von Nico gesungen wurden (die Cale als „tontaub“ bezeichnete), war es doch Reed, der die dunkle Ästhetik der Band mit seinem rauen Gitarrenstil, ausdruckslosen Vocals und abartigen Texten definierte, perfekt illustriert in dem Liebesbrief namens ›Heroin‹. Ein Meisterwerk des Avantgarde-Rock’n’Roll.

Lou Reed – TRANSFORMER (RCA, 1972)
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Auf Reeds selbstbetiteltem Solodebüt fanden sich diverse Reste von Velvet Underground und bizarrerweise Steve Howe sowie Rick Wakeman von Yes. Kaum überraschend also, dass es sich genauso schlecht wie die Velvet-Alben verkaufte. Erst sein Zweitling, der nur sechs Monate später erschien, machte ihn zum Superstar. TRANSFORMER, produziert von David Bowie und dessen Gitarristen Mick Ronson, fing mit Mick Rocks Covermotiv des androgynen Reed und einigen Popklassikern – u.a. ›Satellite Of Love‹ und ›Perfect Day‹ – perfekt die Stimmung der Glam-Rock-Ära ein. Mit ›Walk On The Wild Side‹ gelang ihm, trotz gelangweilter Bezüge auf Drogen und Oralsex, sogar ein Top-10-Hit.

Wunderbar

Lou Reed – NEW YORK (SIRE, 1989)
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Den euphorischen Swing von Sinatras ›Theme From New York New York‹ oder die Romantik von Woody Allens ›Manhattan‹ durfte man von Reed nicht erwarten: Sein Porträt seiner Heimatstadt basierte auf dem harten Straßenleben seiner Junkie-Jahre. NEW YORK ist im Prinzip ein Konzeptalbum. Der Meister höchstpersönlich forderte, man solle es „am Stück durchhören“. Beißende Satire dominiert, man höre nur das brutal lustige ›Dirty Blvd.‹. Dieses Stück ist auch ein toller Rock’n’Roll-Song, und NEW YORK ist voll davon. Der Klassiker in seinem Spätwerks.

Lou Reed – BERLIN (RCA, 1973)
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Der „Rolling Stone“ bezeichnete Reeds dritte Soloplatte als „das SGT. PEPPER der 70er“. Seither haben es viele als das „Deprimierendste Album aller Zeiten“ betitelt. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. BERLIN ist zweifellos das hochtrabendste Statement, das Reed je abgab. Die ausladende Produktion und das Allstar-Ensemble mit machten es zu einer Mischung aus Konzeptalbum und Rockoper: die Geschichte einer dem Untergang geweihten, drogenschwangeren Liebe, erzählt von Reed im Stil eines stark berauschten Schnulzensängers.

The Velvet Underground – LOADED (ATLANTIC, 1970)

Der Titel des vierten VU-Studioalbums war weniger eine Referenz an ihren Ruf als Drogensüchtige, sondern eine listige Spitze gegen ihr neues Label Atlantic. Das verlangte ein Album, „vollgepackt [loaded] mit Hits“. In gewisser Weise kam Reed dem auch nach: LOADED ist das radiofreundlichste Werk von VU und ›Sweet Jane‹ der eingängigste Rock’n’Roll-Song, den er je schrieb. Einen Monat vor dem Erscheinen stieg Reed aus, zwei Jahre später waren Velvet Underground Geschichte.

Lou Reed – CONEY ISLAND BABY (RCA, 1976)
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Nach dem Desaster von METAL MACHINE MUSIC stand Lou mit dem Rücken zur Wand. „Ich hatte kein Geld und keine Gitarren“, gestand er. Er musste seinem Label versprechen, dass er kein weiteres Experiment wagen würde, und er stand dazu. CONEY ISLAND BABY ist klassischer Reed und wurde vom „Rolling Stone“ als „zeitloser, hervorragender Rock’n’Roll“ beschrieben. Einen schöneren Song als das Titelstück hat Reed nie verfasst. Das bittersüße Klagelied endet mit dem versöhnlichen Mantra: „The glory of love might see you through“.

Anhörbar

Lou Reed – ROCK’N’ROLL ANIMAL (RCA, 1974)

Das beste seiner elf Live-Alben war teilweise eine Reaktion auf die harsche Kritik und die schwachen US-Verkäufe des ambitionierten BERLIN. Wie der Titel schon andeutete, ging Lou Reed zu seinen Wurzeln zurück, spielte Velvet-Songs und bestätigte sein Image als Ober-Junkie. Dabei stand ihm eine fünfköpfige Band mit den Gitarristen Dick Wagner und Steve Hunter bei. Ihre pompösen Riffs verwandelten ›Sweet Jane‹ und ›Rock’n’Roll‹ in breitbeinige Stadionhymnen, während das Schlüsselstück, eine benommene, 13-minütige Version von ›Heroin‹, Reeds Lieblinsgdroge glorifizierte.

The Velvet Underground – WHITE LIGHT/WHITE HEAT (POLYDOR, 1968)
white light
Die Entstehung des zweiten Velvet-Albums begann und endete mit einem Machtkampf. Zuerst wurde Andy Warhol als Manager gefeuert, und mit ihm ging auch Nico. Schädlicher war hingegen die Kluft, die sich zwischen Reed und Cale entwickelte, und die in dessen Weggang gipfelte. Trotzdem war WHITE LIGHT/WHITE HEAT eine starke Platte. Fokussiert durch ihre neue Freiheit, konnten VU das Popelement des Debüts fallenlassen und durch treibenden Lärm ersetzen. Cale beschrieb diesen Ethos als „bewusste Anti-Schönheit“.

Lou Reed – NEW SENSATIONS (RCA, 1984)
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Anfang der 80er hatte Reed dem Alkohol und den Drogen entsagt und seine Glaubwürdigkeit mit zwei Klassikern wiedererlangt: THE BLUE MASK und LEGENDARY HEARTS. Auf diese folgte das zugänglichste Werk seiner Karriere. Schockierenderweise war dies der Klang eines optimistischeren Lou Reed. ›I Love You, Suzanne‹, der fröhlichste Song, den er je schrieb, gab den Ton an, während er auf dem funky Titelstück sogar versprach, er werde „meine negativen Ansichten ausmerzen“. Das Album wurde kein Hit – vielleicht wollte niemand einen glücklichen Lou Reed hören.

Sonderbar

Lou Reed – METAL MACHINE MUSIC (RCA, 1975)
metal machine music
Im Booklet zu METAL MACHI-NE MUSIC sagte Reed: „Den meisten von euch wird das nicht gefallen. Und das kann ich euch nicht verübeln.“ Wenn je ein Rockstar Kunst um der Kunst willen erschuf, dann Reed mit dieser Platte. Er nahm sie allein auf: 64 Minuten Lärm, aufgeteilt in vier unerträgliche Teile. Die einzige positive Kritik, von Lester Bangs im Magazin „Creem“, bezeichnete es als „bestes Album aller Zeiten“. Sein Einfluss hat die elektronische Musik und den Post-Rock erreicht. Sich das ganze Werk anzuhören, ist die reine Folter. Reed gab zu: „Es wurde ungewöhnlich oft umgetauscht.“