Werkschau: The Rolling Stones

rolling stones promoIn einem knappen halben Jahrhundert hat sich so manches angesammelt. Geniestreiche, Mittelmäßiges, Kuriositäten und Durchhänger. Wir nennen sie beim Namen.

Auch, wenn die Rolling Stones grundsätzlich eine bluesbasierte Rockband sind, ließen sie sich stets vom jeweils herrschenden Zeitgeist inspirieren. Was bisweilen Großes hervorbrachte, manchmal aber auch in die Hose ging. Ein Verdienst ist ihnen natürlich gar nicht hoch genug anzurechnen: Sie waren es, die aus den Urzutaten Blues, R&B, Rock’n’Roll, Country und Beat das noch heute gültige Grundrezept einer modernen Rockmusik kreierten, die über das Ausdrucksspektrum von Muddy Waters und Chuck Berry weit hinausging.

Unverzichtbar

Beggar’s Banquet
DECCA, 1968

rolling stones beggars
Ein Meilenstein, der nach der R&B-Frühzeit und psychedelischem Zwischenspiel den Stones-Sound völlig neu definierte: Rock und Blues hatten sie zwar schon vorher im Angebot, Mehrwert bedeutete jedoch die starke Country-Färbung in akustischen Glanzstücken wie ›Dear Doctor‹, ›Factory Girl‹ und ›Prodigal Son‹ – immer schön ruppig in Szene gesetzt. Brian Jones brilliert bei ›No Expectations‹ an der Slide-Gitarre, Keith Richards‘ Solo in ›Sympathy For The Devil‹ markiert einen der explosivsten Momente der Rockgeschichte, und mit dem ›Stray Cat Blues‹ werden die Stones ihrem Böse-Buben-Image gerecht.

Let It Bleed
DECCA, 1969


Die standesgemäße Fortsetzung von BEGGAR’S BANQUET, dank des nackten Realismus von ›Gimme Shelter‹ und der düsteren Mörderstory ›Midnight Rambler‹ ein drastischer Abgesang auf die naiven Flower-Power-Träume der Sechziger. Allein das dynamische Intro der sarkastischen Heroinmoritat ›Monkey Man‹ lohnt die Anschaffung, mit dem großartigen ›Love In Vain‹ huldigen die Stones dem klassischen Blues, der ›Country Honk‹ lässt den Bluegrass hochleben. Das letzte Stones-Album, auf dem Brian Jones zu hören ist – wenn auch nur in winzigen Nebenrollen. Mick Taylor ist jetzt da. Die Siebziger können kommen…

Get Yer Ya-Ya’s Out!
DECCA, 1970


Das beste Live-Album der Stones, aufgenommen während der legendären US-Tournee 1969, die leider in der Katastrophe von Altamont mündete, als ein Zuschauer von Hell’s Angels-Ordnern erstochen wurde. Das im Studio dezent nachbearbeitete Album erschien nicht zuletzt deshalb, um den seinerzeit blühenden Handel mit Konzert-Bootlegs zu unterbinden, und präsentiert die erneuerten Stones in ihrer ganzen Pracht: Taylors virtuose Solos verabreichen dem Band-Sound eine ganz neue Qualität, der Rest der Gang rockt sich gewohnt erdverbunden durch Klassiker wie ›Jumpin’ Jack Flash‹ und ›Honky Tonk Women‹.

Exile On Main St.
ATLANTIC, 1972


Zehn Jahre Rolling Stones – und die Zeiten könnten besser sein: Auf der Flucht vor dem Finanzamt Ihrer Majestät entsteht EXILE ON MAIN ST. größtenteils in Keith Richards’ südfranzösischem Landhaus. Besser gesagt: in dessen Keller. Mit ihrem ersten Doppelalbum sind sie spät dran, auch die Absenz von eindeutigem Single-Material – ›Tumbling Dice‹ einmal ausgenommen – birgt ein gewisses Risiko. Doch die Stones kreieren ein vitales, energiegeladenes Rock’n’Roll-Statement, klug zusammengestellt und dank seiner R&B-, Blues- und Gospel-Untertöne durchweg abwechslungsreich. Wächst mit jedem Durchlauf.

Wunderbar

The Rolling Stones No. 2
DECCA, 1965


Die „Britische Invasion“ ist Anfang 1965 auf dem Höhepunkt, wer in der Popwelt punkten will, sollte möglichst englisch klingen. Die Stones beweisen, dass es auch anders geht: Ihr zweites Album liefert uramerikanischen Soul, Blues, R&B und Rock’n’Roll – darunter Perlen wie das druckvolle ›Down The Road Apiece‹, das sogar Chuck Berrys Version in den Schatten stellt. Jagger versucht sich bisweilen am Südstaaten-Slang (›Down Home Girl‹), brilliert an anderer Stelle als Soulbrother (›Time Is On My Side‹, ›Pain In My Heart‹). Aufgenommen in London, Hollywood und dem legendären Chess-Studio in Chicago.

Out Of Our Heads (UK-Version)
DECCA, 1965


Okay, auf der US-Version ist ›Satisfaction‹ mit drauf, doch die UK-Fassung erfreut mit dem programmatischen ›I’m Free‹ und dem formidablen Garagenrocker ›She Said Yeah‹. In den USA war es seinerzeit Brauch, zwanghaft einen Single-Hit draufzupacken, doch die von den Stones gewünschte Songsammlung ist definitiv die britische. Erstaunlich poppig: ›Gotta Get Away‹. Richtig soulig: die Eigenkomposition ›Heart Of Stone‹ und der schwermütige Herzensbrecher ›That’s How Strong My Love Is‹. Grandios: das Remake von Don Covays ›Mercy, Mercy‹. Doch die Zeit der Coverversionen neigt sich dem Ende zu…

Aftermath
(UK-Version)
DECCA, 1966


…und zwar genau: jetzt. Das Kompositionsteam Jagger/Richards kann selbst für adäquaten Nachschub sorgen, und zwar abwechslungsreich und auf hohem Niveau. ›High And Dry‹ und ›Flight 505‹ orientieren sich noch immer an Blues und Boogie, doch Stücke wie ›Mother’s Little Helper‹, ›Lady Jane‹ und ›Under My Thumb‹ offenbaren eine ganz neue, dem zeitgenössischen Pop zugewandte Seite. Erheblichen Anteil daran hat Freigeist Brian Jones, der die Songs mit exotischen Dulcimer- und Marimbaphon-Klängen verfeinert. Experimentell in der Ausführung, aber im Kern konventionell ist die Elfminuten-Sause ›Goin’ Home‹.

Between The Buttons
(UK-Version)
DECCA, 1967


Kritiker, die die Stones vor allem als R&B-Band sehen möchten, haben mit diesem Album traditionell Probleme, dennoch ist BETWEEN THE BUTTONS ein feines Britpop-Werk – mit dezent psychedelischen Anflügen. Wenn beim Bo Diddley-mäßigen ›Please Go Home‹ das Echogerät oszilliert, bei ›All Sold Out‹ ein Richards-Riff mit Jones’ Flöte kollidiert, die Orgel bei ›She Smiled Sweetly‹ angenehme Wärme ausstrahlt und das ›Back Street Girl‹ den Valse-Musette tanzt, dann hat das zweifellos Charme. Komisch, aber wahr: 1967, als San Francisco London als neue Popmetropole ablöst, klingen die Stones englischer denn je.

Sticky Fingers
ATLANTIC, 1971


Andy Warhols höchst kontroverses Coverartwork mit dem echten Reißverschluss hat Designgeschichte geschrieben, doch auch die Songs dahinter sind nicht zu verachten: ›Brown Sugar‹ etwa animiert manche Zeitgenossen noch immer zum – whooo! – Mitsingen, dazu gesellen sich die elegante Country-Rock-Melancholie von ›Wild Horses‹, das düstere ›Sister Morphine‹ sowie Großtaten der Sorte ›Can’t You Hear Me Knocking‹ und ›Moonlight Mile‹. Die Rolling Stones in bestechender Form, sei es kompositorisch oder spielerisch. Wunderbar ist das allemal. Sogar mit einer deutlichen Tendenz zum Unverzichtbaren.

Goat’s Head Soup
ATLANTIC, 1973

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Und noch ein Album, das – siehe BETWEEN THE BUTTONS – bei manchen Kritikern nicht allzu hoch im Kurs steht. Warum? Wegen ›Angie‹. Denn die Stones haben gefälligst zu rocken. Jungsmusik! Balladen sind für Mädchen. Okay: Gerade aus deutscher Sicht hat der Überhit dank klebriger Parteitagseinsätze mittlerweile vielleicht doch ein wenig gelitten, aber die Ziegenkopfsuppe hat ja noch andere Zutaten. Etwa ›Doo Doo Doo Doo Doo (Heartbreaker)‹, mitreißender Funk samt Wah-Wah-Gitarre. Oder das schlichtweg schöne ›100 Years Ago‹. Und ›Star Star‹, ursprünglich ›Starfucker‹, macht ebenfalls Laune.

Black And Blue
ATLANTIC, 1976


Da waren’s nur noch vier: Mick Taylor hatte seiner Gesundheit zuliebe die Band verlassen, die Stones probierten allerlei Ersatzmänner: Wayne Perkins, Sessiongitarrist im Muscle Shoals-Studio, erwies sich bei ›Fool To Cry‹ und ›Hand Of Fate‹ als großartiger Soul-Stilist, Harvey Mandel injizierte ›Hot Stuff‹ den nötigen Funk und beide zusammen brillierten bei ›Memory Motel‹. Dennoch erhielt Ron Wood den Job, vermutlich eher aus persönlichen denn musikalischen Gründen. Soul, R&B, ein bisschen Reggae – BLACK AND BLUE trägt seinen Namen zu Recht. Das „schwärzeste“ Stones-Album der siebziger Jahre.

Some Girls
ATLANTIC, 1978

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Ihr kommerziell erfolgreichstes Werk der Siebziger, vor allem in den USA lief SOME GIRLS wie geschnitten Brot. Fans der ersten Stunde wurden von der dazugehörigen Single ›Miss You‹ zwar gehörig irritiert, denn Discomusik galt aufrechten Rockern als allerschlimmstes Teufelszeug, doch die weiteren Auskopplungen versöhnten auch die Traditionalisten: der melodische R&B-Schleicher ›Beast Of Burden‹ ebenso wie der Uptempo-Rocker ›Respectable‹, laut Jagger ein Fingerzeig in Richtung der Punk-Generation. Großartig: das aufwendige Coverartwork mit seinen Schiebebildchen, kreiert von Peter Corriston.

Anhörbar

The Rolling Stones
DECCA, 1964


Das Debütalbum, und schon deshalb von musikhistorischer Relevanz. Die Stones ignorierten den zeitgenössischen Merseybeat und setzten voll auf amerikanisches Material der Gattungen Blues, Soul und R&B. ›I Just Want To Make Love To You‹, bei Muddy Waters ein eleganter Slow-Blues, mutiert zum wild gewordenen Rocker, ebenso der Bigband-Klassiker ›Route 66‹. Ein paar Albumfüller sind allerdings auch mit an Bord und die archaische Produktion hat zwar einen gewissen Charme, klingt aber deutlich angestaubter als der Nachfolger THE ROLLING STONES NO. 2. Was in Anbetracht des Alters jedoch in Ordnung geht.

It’s Only Rock’n’Roll
ATLANTIC, 1974


Mitte der siebziger Jahre waren die Stones eine der lukrativsten Stadion-Bands, Jagger umgab sich mit den Reichen und Schönen dieser Welt, Richards laborierte zunehmend hohlwangig an seinem Heroinproblem und Mick Taylor wurde alles zu viel. Da hatten eine gewisse Dekadenz und Saturiertheit Einzug gehalten, die das großspurige Coverartwork exakt widerspiegelt. Der Titeltrack, ›Dance Little Sister‹, ›Ain’t Too Proud To Beg‹ und ›Time Waits For No One‹ sind routinierte Arbeiten auf gutem Niveau, doch über die gesamte Albumlänge will der Funke dann doch nicht überspringen. Mittelmaß, mehr nicht.

Love You Live
ATLANTIC, 1977


FRAMPTON COMES ALIVE! war gerade zum Megaseller avanciert, Konzertmitschnitte standen seinerzeit ohnehin hoch im Kurs – weshalb sich auch die Stones dazu entschlossen, mal wieder die Bandgeräte mitlaufen zu lassen. Aufgenommen zwischen 1975 und 1977 und von Andy Warhol angemessen ex­travagant verpackt, bot das Doppelalbum eine Reise durch das Stones-Repertoire der Frühphase (›Around And Around‹) bis zur Jetztzeit (›Hot Stuff‹). Schön: die charmant holprige Reggae-Version von Bo Diddleys ›Crackin’ Up‹. Die druckvolle Intensität von GET YER YA-YA’S OUT! erreicht LOVE YOU LIVE aber nur selten.

Tattoo You
ATLANTIC, 1981

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Nach EMOTIONAL RESCUE waren die Rolling Stones vor allem für die langjährigen Fans ein erledigter Fall – man erwartete nicht mehr allzu viel von ihnen. Da kam TATTOO YOU gerade recht, das Gegenteil zu beweisen. ›Start Me Up‹ gehört zweifelsfrei in den Kanon der brillanten Stones-Singles, markierte die Rückkehr zu den Wurzeln, ohne dabei jedoch allzu gestrig zu klingen. ›Waiting On A Friend‹ thematisierte Micks und Keiths nicht immer sonniges Verhältnis, der dazugehörige Videoclip lief ausdauernd beim damals brandneuen Sender MTV. Fraglos das beste Stones-Album der achtziger Jahre.

Voodoo Lounge
VIRGIN, 1994


Nach den schwachen Alben der späten achtziger Jahre, nach Jaggers und Richards’ Solo­exkursen sowie dem Ausstieg von Bassist Bill Wyman rissen sich die Stones mal wieder zusammen. Leiharbeiter Darryl Jones übernahm Wymans Job. Die erhoffte Neuorientierung fand aber nur zum Teil statt, denn dafür war die VOODOO LOUNGE mit zu vielen Selbstzitaten angefüllt. Die mangelnde Stringenz hinterließ zwar einen etwas halbgaren Eindruck, doch das Werk hat zweifellos seine schönen Momente. Zumindest zeigte die Formkurve jetzt wieder nach oben, woran auch Don Was’ kompetente Produktion ihren Anteil hatte.

A Bigger Bang
VIRGIN, 2005


Soul, Blues, Rock’n’Roll, R&B: Die Stones sind wieder bei sich selbst angekommen, präsentieren trotz des selbstbewussten Albumtitels zwar nicht das ganz große Spektakel, aber eben doch ein reifes, solides Spätwerk. Einen Song wie den Opener ›Rough Justice‹ kriegt auf der Welt nur eine Band hin, soviel ist sicher. Schielen auf den musikalischen Zeitgeist hat bei den Stones Tradition, A BIGGER BANG macht da auch keine Ausnahme – nur steht ihnen der garagenmäßige Alternative-Rock-Ethos der nuller Jahre eben richtig gut zu Gesicht. Und plötzlich sind Vergangenheit und Gegenwart kaum zu unterscheiden.

Sonderbar

Got Live If You Want It!
DECCA, 1966


Für dieses Album ist das Wort „sonderbar“ vermutlich erst erfunden worden: Grundsätzlich ist es ein Live-Album, aufgenommen im Herbst 1966 in der Royal Albert Hall. Doch da die Fans allzu hysterisch kreischten, auch gerne mal die Bühne stürmten und unsere Helden an der Ausübung ihrer Arbeit hinderten, wurde im Studio kräftig nachbearbeitet. Will heißen: Die Instrumente kommen meistens live, Jaggers Gesang indes ist ein Overdub. Nicht immer, aber fast. Ordentliche PA-Verstärker waren 1966 noch Science Fiction, und das hört man auch. Als Zeitdokument ganz witzig, mehr aber auch nicht.

Their Satanic Majesties Request
DECCA, 1967


Das Album wird gerne als psychedelische Verirrung abgetan. Stimmt ja auch: ›Sing This All Together‹ ist großer Mist, ebenso der zweite Teil mit dem Zusatz ›See What Happens‹ – da passiert nämlich nicht viel außer ödem Kiffergedudel. Aber: ›Citadel‹ rockt kernig, ›She’s A Rainbow‹ und ›On With The Show‹ sind durchaus unterhaltsam, und mit ›2000 Light Years From Home‹ ist ein wahrer Klassiker des Psychedelic-Rock dabei. Also doch kein Totalausfall. Aber eben nicht ansatzweise so gelungen wie SGT. PEPPER… – und das war damals eben der Maßstab.

Emotional Rescue
ATLANTIC, 1980


Mittelalte Rockstars sehen im Zeitalter von Punk und Disco ihre Felle davon schwimmen – und reagieren denkbar falsch. Erstens, weil Anbiederung an den Disco-Zeitgeist ein immenses Glaubwürdigkeitsproblem darstellt, zweitens, weil der große „Saturday Night Fever“-Hype im Jahre 1980 auch schon wieder gut abgehangen ist und drittens, weil Jagger als falsettstimmiger Bruder Gibb nicht wirklich sexy klingt. Erstaunlich, dass dieses Album kommerziell betrachtet dennoch ein Erfolg war. Aber immerhin: ›All About You‹ ist ein feiner Song, der allerdings ein würdigeres Umfeld verdient gehabt hätte.