Steven Van Zandt: Vom Rocker zum Mafioso

little stevenEr hat einen Körper wie ein Boxer, spielt seit vier Jahrzehnten Gitarre in Bruce Springsteens E Street Band und macht auch als Mafioso in „Die Sopranos“ und „Lilyhammer“ eine glaubhafte Figur. Die Rede ist natürlich von Little Steven alias Steven van Zandt, dem Mitbegründer des Jersey Shore, einer Mixtur aus Rhythm‘n‘Blues, Soul und Rock‘n‘Roll. In seinem ersten Soloalbum seit 18 Jahren lässt der inzwischen 66-jährige Sänger und Gitarrist Soul-Bläser auf elektrifizierten Rock‘n‘Roll treffen. Wir sprachen mit Little Steven über seinen Kumpel Bruce und die Ge­­schichte des Rock‘n‘Roll.

Text: Olaf Neumann

Mit den Disciples Of Soul spielst du nach langer Zeit erstmals wieder in Deutschland. Freust du dich darauf?
Ich habe in den späten 70ern und frühen 80er Jahren zwei oder drei Rockpalast-Shows in Deutschland und einige Clubkonzerte gespielt. Ich freue mich darauf, zurückzukehren. Ich glaube, es ist genau der richtige Zeitpunkt und wird sicher abenteuerlich werden.

Wie ist es, mit 15 Musikern auf Tournee zu gehen?
Nun ja, ein bisschen kompliziert. Mit dieser Tournee kehre ich zurück zum Sound meines ersten Albums mit Southside Johnny & The Asbury Jukes. Dafür braucht es einfach solch eine große Band. Packen wir’s an!

Dein Comebackalbum SOULFIRE enthält Neufassungen von Songs, die du im Lauf deiner Karriere für andere Künstler geschrieben, arrangiert oder produziert hast.
Genau, ich covere Songs, die ich ursprünglich für befreundete Künstler geschrieben habe. Ich bin meinen Karriereweg noch einmal zurückgegangen, indem ich Titel herausgepickt habe, die mir persönlich etwas bedeuten. Es war eine schöne Reise zurück zu meinen Wurzeln. Es fühlte sich an wie eine Wiedergeburt, weil diese Platte dort ansetzt, wo ich vor etwa 20 Jahren aufgehört habe, als ich mit der Schauspielerei begann.

›Love On The Wrong Side Of Town‹ ist eine Zusammenarbeit mit Bruce Springsteen und erschien ursprünglich 1977 auf dem ersten Southside-Johnny-Album THIS TIME IT‘S FOR REAL. Wie kam es dazu?
Nun, Bruce hatte die Idee zu dem Eröffungs-Riff, ich griff sie auf und entwickelte daraus einen kompletten Song. Ich wünschte, wir hätten mehr zusammen geschrieben. Damals schickte man noch keine Soundfiles hin und her, alles, was auf meiner Platte zu hören ist, ist in Echtzeit in ein- und dem selben Raum entstanden.

Du kennst Bruce Springsteen wahrscheinlich länger als jeder andere. Was ist das Ge­­heimnis eurer Freundschaft?
Alles, an das wir glauben, hat etwas mit Rock‘n‘Roll zu tun. Rock‘n‘Roll ist unsere Religion. Das war sie schon immer. Wir stammen beide aus einer Zeit, als der Rock‘n‘Roll noch keine Industrie war. Er war in den Sixties noch nicht mal ein Business. Wir waren damals Freaks, Sonderlinge, Außenseiter. Aber wir waren hartnäckig und glaubten an uns. Wir hatten auch gar keine andere Wahl, mit 15 wollte ich nichts anderes als Rock‘n‘Roll spielen. Das hatte ich mit Bruce gemein. Es war schön, einen Kumpel zu haben, der genauso tickte wie ich. Wir haben uns immer gegenseitig bestärkt und sind bis heute Freunde geblieben. Wir kennen uns sehr, sehr gut. Wenn wir nicht gerade zu­­sammen auf Tour sind, sehen wir uns vielleicht einmal im Monat.

Hast du für dein Album auch gänzlich neues Material geschrieben?
Nicht so viel. Meine bisherigen Platten waren Konzeptalben mit sehr spezifischen Themen. Diesmal entschied ich mich, mich selbst zum Konzept einer Platte zu machen. Auf SOULFIRE stelle ich mich mir selbst und jenen Leuten vor, die mich aus dem Fernsehen, von meinen alten Scheiben oder von meinen Radiosendungen kennen. Mir war lange nicht bewusst, dass ich mein eigenes Genre kreiert habe: Rock meets Soul. Dieser Sound begann mit Southside Johnny & The Asbury Jukes und fand seine Fortsetzung auf meinen ersten Soloalben. Später habe ich mich mit meinem Solo-Stoff in verschiedene Richtungen entwickelt. Aber das, was mich am meisten ausmacht, ist eben Rock meets Soul. Auf dem Album sind auch zwei gänzlich neue Songs und zwei Cover-Versionen von Etta James und James Brown drauf.

›Down And Out In New York City‹ ist ein Song, der ursprünglich auf James Browns Album BLACK CESAR erschienen ist. Was interessiert dich als weißen Sänger an dieser schwarze Hymne?
(lacht) Meine komplette Karriere ist durchsetzt von schwarzer Musik. James Brown ist für mich ein zentraler Einfluss gewesen neben einem Dutzend weiterer schwarzer Künstler wie Smokey Robinson oder Marvin Gaye. Ich liebe Blaxploitation. Das ist ein Film-Genre: billige B-Movies mit schwarzen Helden während der Black-Power-Ära. In den 70er Jahren wurden et­­wa 50 solcher Streifen gedreht, einige von ihnen hatten fantastische Titelsongs. Zum Beispiel Marvin Gays ›Troubleman‹, Isaac Hayes‘ ›Shaft‹ oder Bobby Womacks ›Across 110th Street‹. ›Down And Out In New York City‹ von James Brown war immer mein Lieblingssong aus dieser Ära. Ich mag das Arrangement so sehr, dass ich ihn jetzt aufgenommen habe.

1985 hast du das Hilfsprojekt Action United Against Apartheid zugunsten politischer Gefangener in Südafrika gegründet. Unterstützt du heute die US-Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter?
Ich engagiere mich politisch nicht mehr so stark wie früher. Ich stecke meine Energie heute hauptsächlich in Projekte zur Bewahrung des echten Rock‘n‘Rolls. Ich habe ein Archiv ge­­gründet und betreibe seit 15 Jahren eine Radioshow zu diesem Thema. Ich möchte sicherstellen, dass die jungen Menschen von heute uneingeschränkten Zugang haben zu der Musik der 50er und 60er Jahre. Mir ist sehr wichtig, diese großartige, starke und emotionale Musik als Quelle der Inspiration lebendig zu halten.

Die Geschichte des Rock steht im Mittelpunkt deiner Rock‘n‘Roll-Forever-Stifung. Sollte dieses Wissen zur Allgemeinbildung ge­­hören?
Ja, auf jeden Fall. Es wird auch heute noch großartige Rockmusik gemacht, aber die Musik, die auch in Zukunft noch Bedeutung haben wird, ist in den 20 Jahren zwischen 1951 und 1971 entstanden. Ich bin mir absolut sicher, dass sie auch zukünftige Generationen noch inspirieren wird. Für mich ist die Musik dieser Ära Klassik, gemacht für die Ewigkeit. Die Kids sollten sich lieber an dem wahren Echten orientieren als an dem mediokren Kram, der die Mainstreamkultur von heute dominiert.

Du hast persönlich miterlebt, wie der Rock‘n‘Roll in den 60er Jahren die Kultur komplett verändert hat. Wie erinnerst du dich daran?
Eine Zeitlang wurde die Mainstreamkultur von cooler Gitarrenmusik dominiert. Das kommt einem rückblickend ein bisschen seltsam vor, aber die 60er Jahre bilden die Grundlage der heutigen Kultur.