Roger Waters: „Sonst geht die Scheiße hoch“

roger watersDer Pink-Floyd-Gott hat sich mit Mitte 70 noch einmal aufgerafft und das prächtige neue Rockalbum IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? erschaffen.

Wie wird er wohl drauf sein? Vor Ro­­ger Waters, 73, wird bisweilen gewarnt, ein griesgrämiger Grantler sei er, schnell auf ungute Weise zu erregen. Waters, ge­­bürtiger Brite, lebt seit vielen Jahren in New York. Also begeben wir uns an einem strömend verregneten Donnerstag Ende April zu ihm, genauer: In die „Headroom Studios“ mitten in Manhattan, wo der einstige Pink-Floyd-Sänger und -Bassist, der federführend war bei THE WALL und der im Dauer­zoff mit Mastermind-Rivale David Gilmour 1985 der Band den Rücken kehrte, die Weltpresse zu Gesprächen über IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? eingeladen hat, sein erstes Rockalbum seit AMUSED TO DEATH vor 25 Jahren.

Als Waters – sehr schlank, bequeme Jeans und Poloshirt, Reicher-Rentner-Look – den Raum betritt, fängt es so­­gleich an zu knistern. Aber nicht vor Spannung, sondern weil das Hörgerät der Rocklegende nicht so will wie er selbst. „Nach fünfzig Jahren Rock‘n‘Roll muss ich diese Hörhilfe tragen“, kommentiert er, während er am Ohr herumnestelt. „Ich kann keine hohen Töne mehr hören, niemand kann das in meinem Job. Ansonsten bereue ich keine Sekunde.“

Nein, nicht mal ein Anflug von schlechter Laune liegt in der gefilterten Studioluft, Roger Waters hat richtig Bock, sich und seine neue, mit dem Radiohead-Produzenten Nigel Godrich aufgenommene Platte zu erklären. Spannend ist das Werk tatsächlich. IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? steckt voller sehr großer, aber auch sehr kleiner Songs. ›Picture That‹ oder ›Smell The Roses‹ sind hart, lang, aggressiv, ›The Last Refugee‹ wunderschön sanft und furchtbar traurig, der Titelsong und ›Broken Bones‹ vereinen harsche Kraftausdrücke mit Folk, Walzer und musikalischer Hochintensität.

In den Texten setzt sich Waters, der 2005 beim „Live 8“-Konzert in London erstmals wieder mit Pink Floyd auftrat, mit den ganz großen Themen der Menschheit, die stets auch seine waren, auseinander: der Liebe und dem Hass. Dass Waters kein Anhänger von Donald Trump ist, steht außer Zweifel – Trump soll übrigens bei Waters‘ „The Wall“-Konzert vor einigen Jahren im Madison Square Garden zugegen, aber nach der Hälfte gegangen sein. Er sah also mutmaßlich, wie die Mauer gebaut, aber nicht wie sie eingestürzt wurde. In letzter Minute hat Waters ein paar Trump-Zitate eingebaut, und bei einem Konzert in Mexico City 2016 projizierte er während ›Pigs (Three Different Ones)‹ vom Floyd-Album ANIMALS Sprüche wie „Trump Eres Un Pendejo.“ („Trump, Du bist ein Arschloch.“) auf die Bühne.

Roger, du giltst als sehr kritisch auch gegenüber deiner eigenen Musik. Was hältst du also selbst vom neuen Werk IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT?
Ich mag das Album richtig gern. Ich finde, es ist sehr gut geworden, und bin echt sehr erfreut, wie positiv die Leute auf die neuen Songs reagieren. Gerade habe ich ein paar der neuen Nummern einstudiert, habe zum Beispiel am Piano gesessen und ›The Last Refugee‹ geübt, das hat Spaß gemacht. Auf der anderen Seite habe ich ein Lied wie ›Most Beautiful Girl‹ seit Wochen nicht mehr gehört, glaube mich aber zu erinnern, dass es ziemlich gelungen ist (lacht).

Wer ist denn das besungene schönste Mädchen der Welt?
Das ist ganz konkret und sehr traurig ein kleines Mädchen, das bei einem US-Raketenangriff auf sein Dorf im Süden des Jemen getötet worden ist, und zwar noch während der Amtszeit von Obama. Das war eine der Attacken, die das Thema des von Jeremy Scahill produzierten Dokumentarfilms „Dirty Wars“ sind. Dieses unglaublich hübsche Mädchen war eines der vielen, vielen zivilen, unschuldigen Opfer.

Siehst du einen Film wie diesen und denkst „Darüber muss ich einen Song schreiben“?
Nein, aber ihr Bild blieb mir im Kopf. Und ich werde ein Foto ihres Gesichts auch in meiner Live-Show bei der kommenden „Us+ Them“-Tournee verwenden. Ich habe Jeremy Scahill auch gebeten, zu uns zu kommen und mehr zu ihrer Geschichte zu erzählen, aber, obwohl er irgendwo in Brooklyn lebt, habe ich ihn nicht überreden können. Andere habe ich erfolgreich bequatscht, ihre Ideen beizutragen, etwa Sonia Kennebeck, von der die wunderbare Dokumentation „National Bird“ stammt. Das ist ein Film über traumatisierte Soldaten, die im Drohnenkrieg die Knöpfe drücken. Diese zwei Frauen und ein Mann sitzen also irgendwo in der Wüste von Nevada, gucken auf einen TV-Bildschirm, sie sind die sogenannten „Beobachter“, und müssen mit dem Trauma leben, dass sie Menschen töten, die sie nie zu Gesicht bekommen. Die psychologischen Konsequenzen dieser Arbeit sind fürchterlich, und davon handelt dieser Film.

Dein Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, dein Opa im Ersten Weltkrieg, du bist Pazifist und Anti-Kriegs-Aktivist, praktisch seitdem du Musik machst.
Ja, das stimmt. Leider gewöhnt sich die Menschheit einfach nicht ab, Kriege ohne ersichtlichen Grund zu führen. Obwohl, das ist falsch. Es gibt sehr wohl einen Grund.

Welchen?
Geldmacherei. Mit militärischen Auseinandersetzungen lässt sich so viel Geld verdienen, dass es für viele Staaten ein ökonomisches Desaster wäre, darauf zu verzichten. Viele reiche Menschen werden noch reicher, wenn Menschen ir­­gendwo weit weg gewaltsam sterben. Und die Rüstungsindustrie verdient so viel Geld, sie ist so gut geölt und so tief mit den Regierungen verquickt, dass niemand das geringste Verlangen hat, dieses Interessenknäuel zu entwirren. Krieg ist einfach ein zu gutes Geschäft. Weißhäutige Menschen verdienen ein abartiges Geld damit, braunhäutige Menschen in aller Welt zu töten.

Dabei gäbe es viel sinnvollere Projekte, die den Menschen wirklich etwas bringen würden. Im Silicon Valley wird daran getüftelt, den Tod als solchen zu eliminieren und das ewige Leben zu ermöglichen. Wärst du gern unsterblich?
Ich glaube nicht. Nein. Obwohl, ich muss noch überlegen, ich will mich nicht festlegen. Es hängt viel davon ab, in welchem Zustand du unsterblich gemacht wirst. Das ist ja ein wenig so wie in Aldous Huxleys Roman „Brave New World“. Wenn du dort am Ende die Erde verlässt, bist du überhaupt nicht gealtert, sie geben dir ein Jugend-Elixir, so dass du scheinbar jung bleibst, aber dann erreichst du ein bestimmtes Alter und stirbst einfach weg, und sie sorgen am Schluss dafür, dass deine Lieblingsplatte gespielt wird (lacht). Also, ich kann mir mit einiger Phantasie schon vorstellen, dass es Forschern gelingen wird, uns potenziell tausend Jahre alt werden zu lassen. Nur: Was haben wir davon? Wir werden den Planeten in un­­gefähr dreißig Jahren zerstört haben, also, das ist müßig.

Wie würdest du denn gern die Erde verlassen?
So wie jeder, der die Wahl hat. Möglichst spät und möglichst gesund. So wie die meisten, die dazu die Chance haben, versuche ich, fit zu bleiben. Indem ich es zum Beispiel vermeide, fett zu werden. Und indem ich Sport treibe, Übungen, mit denen ich beweglich bleibe. Nicht wie ein Besessener, aber schon recht akribisch. Ich will auch weiterhin Sachen machen, wendig bleiben, und das geht nur, wenn du in Schwung bleibst. Sonst fällst du eines Tages hin, brichst dir die Hüfte, und das war es dann, und du sitzt nur noch im Stuhl und stirbst. Bloß nicht! (lacht). Ich genieße es, aktiv zu sein, und ich genieße es auch überaus, weiterhin zu arbeiten. Daher mache ich weiter, so lange ich kann.

Du siehst auch echt top in Form aus. Gehst du Laufen?
Ich spiele Tennis und gehe an die Geräte, damit ich ein paar Muskeln behalte.

Fortsetzung auf Seite 2…