David Crosby: Himmlischer Stinkstiefel

Davis CrosbyMan darf sich David Crosby nach vielen schweren Jahren heute als glücklichen Menschen vorstellen. Was ihn nicht daran hindert, freundlich zu sprechen – aber die Kollegen auf die Palme zu bringen. Sein größter Gegner ist Donald Trump: „Lieber Kanadier als Amerikaner unter diesem Präsidenten.“

Manchmal denkt man, es müsse zwei David Crosbys geben. Da ist einmal der alte Herr am Telefon, der knapp, aber freundlich mit ungewöhnlich hoher Stimme Fragen beantwortet: Ja, er habe Glück gehabt, dass die Drogen zwar großen Schaden angerichtet, ihn aber am Leben gelassen haben. Wenn auch nur knapp und nur mit einer neuen Leber, die Phil Collins für ihn bezahlt hatte – eine der bizarrsten Gesundheitsstorys der Rockwelt. Crosby redet über diese Dinge, unaufgeregt und reflektiert. Ein netter Typ.

Dass es einen anderen Crosby gibt, davon berichtet sein alter Kumpel Graham Nash. Immer wieder geraten die beiden, die so wunderbar zusammen singen und Songs schreiben können, aneinander. Einem niederländischen Magazin sagte Nash im Frühjahr über Crosby: „Ich habe ihm 45 Jahre lang den Arsch gerettet, und er behandelte mich wie ein Stück Scheiße. Wenn er mir weiterhin solche schlimmen Mails schreibt, dann bin ich fertig mit ihm. Fuck you!“ Harter Tobak. Für Nashs These spricht, dass David Crosby ein für einen 75-Jährigen erstaunlich lebhaftes Internetverhalten zeigt. Der Kalifornier erlaubt sich den Spaß, via Twitter Fragen von Fans zu beantworten, manchmal Dutzende am Tag – darunter selten dämliche. Crosby antwortet nie unfreundlich, aber manchmal gönnerhaft. Es zeigt sich dann, dass David Crosby sich für einen Songwriter hält, der das Niveau seiner Kollegen locker übertrifft.

Dass er damit durchaus richtig liegt, kann man auf seinem neuen Album LIGHTHOUSE nachhören. Crosby spielt darauf vom Jazz beseelte Folksongs, wunderbar arrangiert, herrlich gesungen. Mit dem soliden Handwerk anderer Songwriter hat das wenig zu tun. „Ich suche immer nach der Harmonie, die sonst keiner nutzt. Manchmal klingt das Resultat seltsam, dann lege ich die Akkordfolge zur Seite. Klingt es gut, arbeite ich so lange an den Nuancen, bis es himmlisch wird.“ LIGHTHOUSE ist nach CROZ das zweite Album innerhalb von zwei Jahren. Eine dritte Platte, aufgenommen zusammen mit seinem Sohn, ist so gut wie fertig. „Ich habe einen Lauf, das empfinde ich selber als ungewöhnlich“, sagt er. Abseits seiner Karriere als Gründungsmitglied der Byrds sowie als Teil von Crosby, Stills, Nash (und beizeiten auch Young), trat er nur sporadisch in Erscheinung. Sein Solodebüt IF ONLY I COULD REMEMBER MY NAME… (1971) geriet wunderbar, die beiden aus den 80ern und 90ern eher schwach. Crosby kämpfte damals gegen die Drogensucht, im Rausch oder im Entzug tat er vieles, das er lieber nicht getan hätte. „Alles war Teil meiner Entwicklung. Schade ist jedoch, dass ich dadurch so unglaublich viel Zeit vergeudet habe. Das versuche ich nun wieder aufzuholen.“ Heute lebt David Crosby abstinent und umgibt sich mit genügend kreativen Leuten, um seine „glücklichen Jahre“, wie er sie nennt, voll auszukosten. „Ich halte nicht viel von der These, ein Künstler sei dann besonders kreativ, wenn er schlecht drauf ist. Meine Biografie ist der Beleg dafür, dass das Quatsch ist.“

So sehr der Mann mit sich im Einklang ist: Sein politisches Engagement zeigt, dass noch immer jede Menge Wut in ihm steckt. „Ich bin Demokrat“, sagt er. „Erst hielt ich zu Bernie Sanders, jetzt zu Hillary Clinton.“ Dann folgt das Aber: „Die politische Gesinnung darf nichts damit zu tun haben, Trump mit voller Kraft abzulehnen. Dieser Mann verkörpert einfach alles, wogegen wir in den 60er Jahren in Kalifornien auf die Straße gegangen sind. Er ist die Rache der Konservativen, die damals gegen unsere Bürgerbewegung gekämpft haben.“ Trump als Präsident? „Ich würde auswandern. Nach Kanada.“ Schon heute sage er manchmal, er sei Kanadier. „Amerikaner zu sein, ist mir im Beisein intelligenter Menschen aus aller Welt einfach zu peinlich.“