Review: Fairport Convention – COME ALL YE – THE FIRST TEN YEARS

fairport conventionKarrierequerschnitt der ersten Jahre, live, im Studio und mit hörenswerten Raritäten.

Man kann eine Karteikarte zur Hand nehmen, „Brit-Folk“ drauf schreiben und sie gemeinsam mit der ge­­schmackvoll illustrierten, dank Begleit­büchlein informativ ausgestatteten 7-CD-Box im Plattenregal platzieren – womit man es sich eindeutig zu leicht macht. Zum einen, weil Fairport Convention in der Frühphase mit Sängerin Judy Dyble offenkundig in Richtung San Francisco blickten, zum anderen, weil sie sich auch mit Nach­folgerin Sandy Denny niemals nur auf die zwischen den Orkneys und Jersey populären Folk-Traditionen beschränkten. Anders gesagt: Diese Briten-Folkies waren stets Transatlantiker, die auch Rock’n’Roll, Blues und Country stattfinden ließen – und sogar eine denkwürdige Version von Leonard Cohens ›Suzanne‹ aufnahmen.

Wer es puristischer schätzt, kommt beim grandiosen Alternativ-Take von ›A Sailor’s Life‹ auf seine Kosten, im Original aus dem 17. Jahrhundert – nur eben gespielt von einer Rockband der späten 60er-Jahre, die mit Richard Thompson einen standesgemäß virtuosen Gitarrenhelden in ihren Reihen zählte. Was einen direkt zum faszinierendsten Aspekt dieser Band führt: ihrer professionellen Ernsthaftigkeit. Hier waren keine Bullshitter am Werk, die sich unangepasst gaben, aber insgeheim eben doch auf einen glamourösen Auftritt bei „Top Of The Pops“ hinarbeiteten, sondern wahre Überzeugungstäter. Woran auch Dylans ›If You Gotta Go, Go Now‹ nichts Wesentliches änderte, von Fairport Convention ins Französische übersetzt und als Cajun-Schunkler ›Si Tu Dois Partir‹ ihr einziger Single-Hit.

COME ALL YE transportiert aber auch die Rastlosigkeit, von der die Band beizeiten profitierte, unter der sie mitunter aber auch litt. Musi­ker kamen und gingen, darunter auch Schlüsselfiguren wie Denny, Thompson und Gründungsmitglied Simon Nicol. Bereits im Jahr 1971 waren Fairport Convention eine komplett runderneuerte Band, deren Output fortan durchaus qualitativen Schwankungen unterlag. Neben zahlreichen erstmals erhältlichen Alternativ-Takes, BBC- und Konzert-Mitschnitten enthält COME ALL YE auch zwei komplette Bühnenshows, „Live At Fairfield Halls“ von 1973 war bislang unveröffentlicht.

In Zahlen ausgedrückt: Von den insgesamt 121 Songs hört man 56 zum ersten Mal, was für Raritäten-Fans zweifellos eine prima Quote darstellt. Klar sollte aber auch sein: Die kreativen Bestleistungen stammen zumeist aus den Jahren 1968/69, als Sandy Denny erstmals zum Line-Up gehörte. Das ist gewiss keine Einschätzung, mit der man als Rezensent Originalitäts­punkte sammeln kann. Der Wahrheit entspricht sie dennoch.

8/10

Fairport Convention
COME ALL YE – THE FIRST TEN YEARS
UMC