Steve Hackett: Der Ex-Genesis-Gitarrist im Interview mit CLASSIC ROCK

steve hackett 2017Steve Hackett über Protestsongs, Dinge, die ihn wütend machen, zukünftige Aktivitäten mit Genesis und Telepathie mit Wölfen.

Interview: Fraser Lewry

Nach einem Vierteljahrhundert, in dem er zahl­­reiche Soloalben ver­­öffentlicht hat, könn­­te man erwarten, dass Steve Hackett zumindest mit dem Gedanken spielt, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Doch davon will er gar nichts wissen. Sein neuestes Werk THE NIGHT SIREN zeigt ihn in bestechender Form und befasst sich in den Texten mit Extremismus und Intoleranz, während es musikalisch erneut die Grenzen auslotet. Das Instrumentarium umfasst Exotisches wie keltische Uilleann Pipes (ein irischer Du­­delsack) oder das peruanische Charango (eine Laute aus den Anden), stilistisch ist von Flamenco bis Symphonic Rock alles dabei und am Mikrofon wechseln sich Sänger aus allerlei Bereichen des musikalischen Spektrums ab. Wir trafen Steve Hackett bei den Proben zu seiner anstehenden Tournee „Genesis Revisited With Classic Hackett“, die im April auch in Deutschland Station machen wird.

Seit deinem Ausstieg bei Genesis hast du 25 Soloalben gemacht. Hast du je daran gedacht, mal kürzer zu treten?
Ich habe vor, den John Wayne Award zu bekommen. Wie viele Filme hat er gemacht? Ich habe noch eine Weile und ein paar mehr Alben in mir. Ich denke einfach, dass ich, statt älter und langsamer zu werden, lieber älter und schneller werden sollte.

Wie bist du an die Aufnahmen zu THE NIGHT SIREN herangegangen?
Ich habe mit einem Gitarrensolo angefangen. Der ganze Prozess des Songwritings und der Aufnahmen bedeutet, dass die Gitarrenparts oft ganz am Ende auf der Liste stehen. Doch diesmal dachte ich mir, scheiß drauf – wieso fangen wir nicht mit ein paar Akkorden und einem lockeren Solo an? Also begann ich mit dem Ende eines der Songs, ›Anything But Love‹. Ich weiß, dass das alles auf den Kopf stellt, aber so habe ich mit der Glasur auf dem Kuchen angefangen statt mit dem Kuchen selbst. Dabei habe ich festgestellt, dass das für mich so am besten funktioniert. Dadurch komme ich immer frisch zur Sache, tue das, wofür ich am bekanntesten bin, und die Musik leidet nicht unter mangelnder Energie.
Außerdem sammle ich Daten. Als ich etwa 2015 in Ungarn WOLFLIGHT aufnahm, hatten wir da sehr interessante Sachen – eine Kombination aus Didgeridoo und einer Trompete mit Dämpfer – und mir lief die Zeit davon. Also haben wir das auf dem neuen Album für ›50 Miles From The North Pole‹ verwendet. Diesmal nahm ich mit einigen Musikern in Sardinien auf, unter dem Einverständnis, dass alles, was bei diesen Sessions herauskam, von jedem von uns in jeglicher Form verwendet werden könnte. Das waren Daten für sie und Daten für mich.
Man muss einfach alle Hindernisse überwinden, die so aufkommen, wenn man sogenannte Solosachen macht. Die Wahrheit ist natürlich, dass es ein Team ist, doch als Solokünstler trägt man eben die Verantwortung. Man be­­kommt den ganzen Ruhm, aber auch die ganze Schuld.

Gibt es Fälle, in denen du solche unterschiedlichen Elemente zu­­sammenbringst und es einfach nicht funktioniert?
Natürlich. Das Wichtigste beim Experimentieren ist, etwas aufzugeben, sobald man begriffen hat, dass es nicht klappt. Wir hatten da einen kompletten Song, der ein bisschen scherz­­haft gemeint war und ein bisschen düster, aber er funktionierte einfach nicht und alle, die lang und hart daran gearbeitet hatten, mussten es widerwillig eingestehen. Also nahm ich nur ein paar Elemente davon, die woanders besser passten. Man muss wissen, wann man etwas in die Tonne treten muss.

Wie unterscheidet sich THE NIGHT SIREN von WOLFLIGHT?
Wir arbeiten mit den Vereinten Nationen der Musiker aus aller Herren Ländern, nicht nur mit meinen Prog-Nachbarn – also mit Leuten aus Island, Aserbaidschan, Israel, Palästina, Ungarn usw. Das habe ich nicht so geplant, aber das Er­­gebnis ist ein völlig anderes Album. Letztendlich ist es mir egal, woher das kommt. Und es ist nicht so, als hätte ich mich hingesetzt und be­­schlossen, eine Weltmusik-Platte zu produzieren. Ich wollte ein Rock­­album, doch alle diese Elemente machten etwas ganz anderes daraus, das weit von der vertrauten Quelle entfernt war. Der andere Un­­terschied sind die Texte. Uns wurde klar, dass zwei der Songs eine Friedensbotschaft hatten, also stellten wir sie an den Anfang und das Ende der Tracklist.

Sind das Protestsongs?
Der Protestsong an sich ist aus der Mode gekommen. Es gibt zwar ein paar Beispiele davon auf dem Album, aber das ist eben meine Version davon, nicht nur ein Mann, der sich mit einer Akustikgitarre hinstellt.

Einige der Tracks wie ›Behind The Smoke‹ und ›El Niño‹ klingen sehr finster. Ist das ein Ausdruck deiner Weltsicht?
Ja, absolut. So ziemlich jeder Journalist, mit dem ich mich unterhalte, scheint Angst zu haben, vor allem in den USA, und das zu Recht. Der Subtext der Platte ist Einigkeit, der Gedanke, dass wir alle zusammenarbeiten können, und die uralten Konzepte des Friedens und der Liebe. Die Botschaft ist sehr wichtig, aber diese Molltöne sind auch Teil meiner DNS. Ich fand düstere Musik schon immer gut. Mit dem Surround-Sound-Mix von ›El Niño‹ wollte ich das Gefühl erzeugen, sich im Auge des Sturms zu befinden, während alles um einen herum passiert. Von Anfang an wird man attackiert.