Review: Wilco – SCHMILCO

wilco schmilcoBrillanter, fokussierter Folk(-rock): Auf Jeff Tweedy und Co. ist Verlass.

„Oh, as if I have answers“, konstatiert Jeff Tweedy am Ende von SCHMILCO. Der Grund für diese Ratlosigkeit könnte sein, dass er mit seinen Kollegen seit je zugleich die schlauesten Fragen stellt und simplen Antworten aus dem Weg geht. Für letztere ist das Leben auch einfach zu kompliziert. Dem zehnten Wilco-Album jedenfalls ist eine pessimistische, grüblerische Stimmung eigen. In düsteren, komplexen Texten erzählt Tweedy von Einsamkeit, Entfremdung, Hass und Liebe, von den Tücken des Ruhms und von Depression. Er kehrt zurück in seine Kindheit neben all die „normal American kids“, die er zugleich verachtet und verstohlen beneidet. Er reist ans Grab seiner Mutter, die ihren Körper der Wissenschaft gespendet hat, „so I’m not sure what’s in her place, maybe roses or Tanqueray“. Er erzählt von Liebesleid und davon, ganze Nächte lang zu weinen. Davon, wie es ist, verzweifelt zu sein und doch irgendwie weitermachen zu müssen. Die Songs sind kurz, nicht selten unter drei Minuten, und frei von Elektronik. Stattdessen gibt’s Folk(-rock) mit einzelnen experimentellen Passagen, der mal spröde ist und karg (›Common Sense‹), dann wieder von fast naiver Schönheit (›We Aren’t The World‹), mal schleppend (›Happiness‹), um dann das Tempo anzuziehen (›Cry All Day‹). Langweilig wird’s so nicht, auch nicht in musikalisch relativ eng gesteckten Grenzen. Das liegt neben der Brillanz der einzelnen Musiker an ihrem scheinbar mühelosen Zusammenspiel, das bei aller Qualität nie abgeklärt oder manieriert klingt. Ach ja: Was den Titel betrifft, haben sich die Mannen aus Chicago natürlich von Harry Nilssons Album NILSSON SCHMILSSON inspirieren lassen.

9/10

Wilco
SCHMILCO
ANTI/INDIGO