Review: Chuck Berry – CHUCK

chuckAbschiedsgruß eines Giganten: Rock‘n‘Roll, Rock‘n‘Roll und nochmal Rock‘n‘Roll.

Als Berry im Oktober vergangenen Jahres seinen 90. Geburtstag feierte, wurde dieses Album angekündigt – sein erstes Werk mit vornehmlich neuem Ma­­­­terial seit 1979. Der Argwohn, sinistre Kräfte würden nach Berrys Ableben im März mal eben eine Cash-Cow melken wollen, ist demnach komplett unbegründet, auch die Be­­fürchtung, dass womöglich an halbfertigen Tracks posthum herumgebastelt wurde, bestätigt sich nicht. CHUCK wurde rechtzeitig fertig und ist genau das Album, mit dem sich dieser Rock‘n‘Roll-Gigant verabschieden wollte.

Es kommt aber noch viel besser: Diese zehn Songs, die in Summe die klassische LP-Spielzeit von 35 Minuten ergeben, klingen beileibe nicht wie das Werk eines 90-jährigen Greises, der zum Abschied müde und mit angezogener Hand­bremse seine Pflicht erfüllt, sondern un­­glaublich vital und auf den Punkt. Nett, dass mit Sohnemann Charles Berry Junior, mit Gary Clark, Tom Morello und Nathaniel Rateliff vier Gastgitarristen mit von der Partie sind, die beiden letztgenannten bei der Single-Auskopplung ›Big Boys‹ – doch wirklich nötig wäre das nicht gewesen. Denn wenn dieser unverkennbare Berry-Senior-Sound erklingt, ob voller Wärme und flüssig-elegant oder eher drahtig-perkussiv, ist CHUCK eigentlich am besten. Den be­­währten Sto­ryteller-Modus (›Dutchman‹) hat er auch immer noch drauf, seinem Hang zu rhythmisch exotischen Humoresken folgt er bei ›3/4 Time (Enchiladas)‹ und ›Jamaica Moon‹. So weit, so gut.

Dass ein Mann dieses reiferen Al­­ters nicht mehr ganz so gut bei Stimme ist, wäre sicher verzeihlich gewesen, doch auch in dieser Hinsicht gibt sich Berry kei­­nerlei Blöße. Man will meinen: Wer mit 90 Jahren noch so klingt, hätte eigentlich auch die 110 schaffen können. Leider kam es anders. Aber wenn die Phrase vom „würdigen Ab­­schied“ jemals ge­­rechtfertigt war, dann genau an dieser Stelle.

8/10

Chuck Berry
CHUCK
DECCA/UNIVERSAL