Rampenlicht: Bon Jovi

__Bandbild Bon JoviBON JOVI
Köln, Müngersdorfer Stadion

30 Jahre perfektionierter Stadionrock

Was haben Bon Jovi im Classic Rock zu suchen? Diese Frage spaltete die Leserschaft wie lange keine Titel-Story auf den Leserbriefseiten. Hierzu später mehr. Unter den im Anreise-Stau zum Kölner Stadion steckenden Bon-Jovi-Jüngern war die am häufigsten gestellte bange Frage: „Wie werden Bon Jovi ohne Richie Sambora funktionieren?“ Der immer noch reichlich nebulöse Rausschmiss des Gitarristen schlug in der proppevollen Bahn hohe Wellen und sorgte für angeregte Diskussionen. Eine Bombenentschärfung, eine Demo und der Shopping-Samstags-Termin sorgten dafür, dass wir Christina Stürmer und Band als Support-Act verpassten. Die Reaktionen sollen laut Augenzeugen überraschend positiv ausgefallen sein. Wie man ein volles Fussballstadion trotz der herrschenden Skepsis im Sturm erobert, zeigten die New Jersey Boys im Anschluss: ein überdimensionaler Straßenkreuzer als Bühne, unzählige verfahrbare Leinwände und der Einstieg mit einem Status Quo-Medley – Köln hatte direkt Spaß in den Backen. Die Stimmung wurde mühelos gehalten, alte Gassenhauer a la ›You Give Love A Bad Name‹, ›Keep The Faith‹ oder ›Have A Nice Day‹ wurden gekonnt mit Stücken vom aktuellen Album WHAT ABOUT NOW vermischt. Und wo waren die Balladen? Es gab keine! In Köln wurde gerockt, was der Backkatalog hergab – Classic Rock-Kompatibilität garantiert! Erst im Zugabenblock hatten Bon Jovi ein Erbarmen mit den anwesenden Mädels und drosselten mit dem selten gespielten ›This Ain’t A Love Song‹ das Tempo. Und wie schlug sich bei alledem Phil X, der Sambora-Vertreter an der Sechssaitigen? Professionell hielt er sich dezent im Hintergrund und spulte seine Licks und Riffs herunter. Technisch einwandfrei, aber gerade bei den Talkbox-Attacken in ›It’s My Life‹ und ›Livin‘ On A Prayer‹ fehlte das Sambora-Flair. Bei ›Wanted Dead Or Alive‹ wurde dann auch der letzten verklärten Mittfünfzigerin klar, dass Bon Jovi als Band eben doch viel mehr sind, als ein hervorragend bei Stimme befindlicher Jon Bon Jovi. Dieser legte sich voll ins Zeug, wirkte aber ohne seinen Sidekick Sambora doch recht verloren an der Bühenfront. Insgesamt 26 Songs wurden den Anwesenden mit voller Energie dargeboten, viel mehr als auf der „offiziellen“ Setlist auf der Bühne zu erspähen waren. Summa summarum ein absolut gelungener Tag, der einmal mehr bewiesen hat, dass Bon Jovi nach wie vor für Überraschungen im Set (›Wild Is The Wind‹, ›Bad Medicine + Pretty Wo-man‹, kein ›Always‹ oder ›Bed Of Roses‹) gut sind und es nicht jedem Recht machen wollen. Auf der Rückreise murmelten Männer mit pergamentartigen Bon Jovi-Tourshirts von 1988 Sätze wie „mit Sambora wäre es legendär gewesen“ vor sich hin und erklärten der Dame neben sich bei einem warmen Piccolo, warum weniger Herzschmerz beim Fünfer aus New Jersey manchmal einfach mehr ist … because they can!

Alex Stauf

Joe Satriani
Berlin, Columbia Halle

Grandioses Saitenspiel

Originellerweise eröffnete ein Schlagzeugsolo das Konzert des kahlköpfigen Flitzfingers. Dann setzten die übrigen drei Musiker ein, um ein paar Satriani-Klassiker wie ›Cool #9‹ und ›Flying In A Blue Dream‹ zu zelebrieren. Angesichts der Klasse des schmächtigen Saitensurfers aus Kalifornien versteht es sich von selbst, dass seine Band auf ähnlichem Niveau agiert. Keyboarder und Co-Gitarrist Mike Keneally liefert sich gelegentlich hitzige Griffbrettduelle mit Satch. Am Bass vervollständigte Chris Chany den stets dynamischen Vierer. Fehlerlos meisterte dieser alle Kurven, Geraden, Steigungen, Abfahrten und das gelegentliche Kopfsteinpflaster, wenn Satriani sich etwa auf Fusion-Terrain begab. Dann wurde es Zeit, neues Material von UNSTOPPABLE MOMENTUM vorzustellen. Dem griffigen Titelsong folgte das klassisch angehauchte ›The Weight Of The World‹. Spätestens jetzt griffen etliche der Besucher zur Luftgitarre. Illuminiert von fantastischen farbigen Videoprojektionen steuerte der quirlige Saitenheld seine Band zurück zu Klassikern wie ›Satch Boogie‹ und ›Surfing With An Alien‹. Joe Satriani gehört zu den wenigen Gitarristen der Szene, die aus einem reinen Instrumental-Konzert eine höchst unterhaltsame Show machen können. Als die Töne vom Schlusspunkt ›Rubina‹ verklungen waren, wusste wohl jeder, ganz großes Gitarren-Kino erlebt zu haben.

Henning Richter

ZZ TOP
München, Tollwood Musik-Arena

Ritt in den Sonnenuntergang

Knapp 4.000 Fans ließen sich von ZZ Top an diesem Sommerabend aus der Sonne in das riesige Zelt auf dem Tollwood-Gelände locken. Und irgendwie passt das Klima in der Musik-Arena zum Thema, denn die texanisch anmutende Hitze vermittelt ein Wüstengefühl, das um ein Weiteres verstärkt wird, als das Intro startet und auf den Video-Wänden die Protagonisten des Abends Billy F. Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard in einem Road Movie-artigen Filmvorspann vorgestellt werden. Die Hauptrolle bei ZZ Top hat aber noch immer ihr unverwechselbar rumpeliger und grober Bluesrock. Mit ›Got Me Under Pressure‹ eröffnen ZZ Top eine etwa 75-minütige Demonstration ihrer „Coolness“ – im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihre gesamten Auftritt bestreiten Billy und Dusty in Jacke, Mütze, Hut und natürlich hinter dicker Gesichtswolle, ohne einen Tropfen Schweiß zu verlieren. Nur Frank scheint schwer an seine Grenzen zu kommen. Einige Songs dauert es, bis ihre Bemühungen bei den überhitzten Fans ankommen. Dann aber grooven sich ZZ Top auf einzigartige Weise durch insgesamt 18 Songs inklusive vier Zugaben und verabschieden das Publikum nach ihrer Hitparade mit einer Coverversion von ›Jailhouse Rock‹. Danach dürfen die Münchner wieder in die Sonne, die um 21:15 auch noch nicht untergegangen ist.

Paul Schmitz

SAXON
Aschaffenburg, Colos-Saal

Solider Gig inklusive Gehörschaden

Saxon gehören zu den langlebigsten Metal Bands der Szene und stehen wie Motörhead für einen unverwechselbaren Sound und eine lange Liste Klassiker. Dass der Colos-Saal Club binnen weniger Tage für die Saxon-Show ausverkauft war, ist daher nicht verwunderlich. Die Herren um Frontsirene und markantem Aushängeschild der Briten, Biff Byford, fallen unter die Kategorie Arbeitstiere. Zwischen großen Festivalauftritten absolvierte die NWOBHM-Legende einige Clubshows und lies verbrannte Erde hinter sich. Bevor einem die Ohren durch eine unangenehme Überlautstärke von Saxon abfaulten, heizten AC Angry den Club amtlich auf. Der Mix aus Power Rock, Heavy Metal und AC/DC-lastigen Riffs war simpel aber effizient. Das Gebräu kam gut an, zumal die Herren auch eine bewegungsfreudige Performance im Kontext zu ihren Powerhymnen ablieferten. Saxon waren sich ihres Status bewusst und stiegen erst einmal mit neuem Material vom aktuellen Album SACRIFICE ein um den Spannungsbogen bis zu den gewünschten Klassikern zu erhöhen. Routiniert und vor allem mörderisch laut lieferte man Hit auf Hit. Kollektives ausrasten war dann bei ›Power & The Glory‹, ›Dallas 1 Pm‹, ›Strong Arm Of The Law‹, ›Wheels Of Steel‹ oder ›To Hell An Back Again‹ angesagt, bevor ein Drumsolo aus dem Hause Nigel Glockler die Stimmung etwas abbremste. Byford ist ein perfekter Frontmann, der 62-Jährige weiß, wie man die Fans bei der Stange hält und scheute sich auch nicht, immer mal wieder zu bangen! Man erinnere sich an das Alter! Die abendschließende Triple-Attack in Form von ›Crusader‹, ›Denim & Leather‹ sowie ›Princess Of The Night‹ rundeten einen schweißtreibenden und gehörschädigenden Abend ab. Kritisieren kann man eigentlich nur, dass die Band bei diesem Club-Gig Songs spielte, die nicht dem klassischen Best-of Festival Programm entsprechen.

Henning Richter

RUSH
Köln, Lanxess Arena

Rausch der Sinne

Die kanadischen Prog-Götter um Sänger und Bassist Geddy Lee, Gitarrenikone Alex Lifeson und dem Ausnahme-Schlagzeuger Neil Peart hatten für den 4. Juni ihre Erscheinung in der Kölner Lanxess-Arena angekündigt und ihre Fans reisten zahlreich aus ganz Europa an. Und Rush bewiesen wieder einmal ihre absolute Meisterklasse. Eingerahmt von einer opulenten Lichtshow mit modernster LED-Technik samt einer gigantischen Leinwand im Hintergrund. Es gibt wohl keine andere Band, die ein so intensives, technisch hoch anspruchsvolles und dabei ungemein unterhaltsames Brett abliefert, wie Rush. Was die drei Musiker hier in den dreieinhalb Stunden Netto-Spielzeit abfeuerten, ist schlichtweg atemberaubend und einzigartig. Das Konzeptalbum CLOCKWORK ANGELS wurde in perfekter Optik in Szene gesetzt. Mit kinotauglichen Einspielsequenzen, überraschenden Flammensäulen und perfekt choreografierten Live-Bildern auf der Leinwand konnte man das nur begeistert genießen. Unterteilt in zwei Akte, spielten Rush im ersten Teil unter anderem Stücke wie ›The Big Money‹, ›Grand Designs‹ und ›Far Cry‹, bevor es nach einer kurzen Verschnaufpause und unterstützt vom kraftvollen Clockwork Angels Streicher-Quartett mit ›Caravan‹, dem Titeltrack ›Clockwork Angels‹ und ›YYZ‹ imposant weiter ging. Mit der Zugabe in Form von ›Tom Sawyer‹ sowie den einzelnen „2112“- Kapiteln ›Overture‹, ›The Temples Of Syrinx‹ und dem ›Grand Finale‹ machten Rush endgültig kurzen Prozess mit ihren Fans. So ein ekstatisches Raunen und Jubeln erlebt man sonst nur bei großen Fußball-Endspielen.

Torsten Wohlgemuth

BETH HART & JOE BONAMASSA
Amsterdam, Theater Carré
High Heels N‘ Blues Licks

Die Luft knistert an der Amstel: Fans jeglicher Couleur, von Mitgliedern der Hell‘s Angels über altgediente Bluesrocker bis hin zur Amsterdamer High Society, warten am Eingang des berühmten Theater Carré auf den Einlass. Einen derart breitgefächerten Mix an Charakteren trifft der geneigte Konzertgänger sonst wahrscheinlich nur bei Mainstream Acts wie etwa Bon Jovi, The Rolling Stones oder Bruce Springsteen. So vielfältig wie das Publikum ist auch die heutige Liveband von Joe und Beth, bei der unter anderem Blondie Chaplin („The 5th Rolling Stone“) an der Rhythmusgitarre und Drummer Anton Fig (die Studiovertretung für Peter „Catman“ Criss auf den KISS Alben UNMASKED und DYNASTY) mit von der Party sind. Bevor es jedoch auf der Bühne los geht, ist erstmal ein ausführlicher Lichttest angesagt, denn die beiden Gastspiele im Carré werden für die erste Hart/Bonamassa Live Blue-Ray festgehalten. Als um kurz nach 20.00 Uhr die inzwischen perfekt abgestimmte Beleuchtung gedimmt wird und Joe plus Backing Band inkl. Blechbläserensemble das Theaterrund betritt, sind die Reaktionen so vielfältig wie die Konzertbesucher – von euphorischen Standing Ovations bis zu höflichem Beifall ist alles zu vernehmen. Joe Bonamassa steht heute in der zweiten Reihe und mimt den Bandleader, der Beth Hart für ihre Performance gut die halbe Bühne überlässt. Nach einem kurzen Instrumental Jam stürmt Beth die Bretter und erinnert dabei an eine Symbiose aus Tina Turner und ein Aufziehmännchen. Harts positive Aura verbreitet sich innerhalb von Sekunden im Saal. Ihre einzigartige Stimme, ihr Blick und ihre Bewegungen strahlen eine derartige Coolness aus, dass man in manchen Momenten ganz vergisst, dass hinter ihr einer der bedeutendsten Gitarristen des neuen Jahrtausends an der Sechssaitigen herrliche Riffs und Licks aus seinen Gibson Les Paul, Fender Tele- sowie Stratocaster-Modellen zaubert. Inspiriert von der ausgelassenen Stimmung im Auditorium, klettert Beth kurzerhand in den schmalen Bühnengraben und rockt von dort aus weiter. Leider zwingt sie eine garstige Rückkopplung zur zwanghaften Rückkehr nach oben. Angesichts der Leistung, die Hart im Carré an den Tag legt, ist es nicht verwunderlich, dass sie zur Halbzeit Bonamassa für ›Someday After A While‹ – einer grandios vorgetragenen Version des Eric Clapton Songs – das Publikum überlässt. Die zweite Hälfte des Sets ist ebenso perfekt und kurzweilig zusammengestellt, dass man, als die immer noch tadellos eingestellten Lichter im Theater wieder voll erstrahlen, noch einen dritten Akt des explosiven Duos sehen möchte.

Chris Franzkowiak

Queens Of The Stone Age & Masters Of Reality
Berlin, Zitadelle

Neuland für den Rock

Auf dem Weg zur Zitadelle fallen einem parkende Autos aus allen Ecken der Republik auf. Von überall her sind Fans zusammen geströmt, um den einzigen QOTSA-Auftritt außerhalb von Festivals zu erleben. Die äußeren Bedingungen sind ideal, die Sonne strahlt am blauen Himmel, die altertümliche Festung bietet eine malerische Kulisse, die gekühlten Getränke rinnen süffig die Kehle herunter. Chris Goss, Kopf der Masters Of Reality, und QOTSA-Chef Josh Homme haben immer wieder eng zusammen gearbeitet. Wer also die eine Band mag, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die andere mögen. „It’s a rock show“, stellt Goss gleich zu Anfang klar, seine MOR ziehen alle Register: Sie intonieren Rock’n’Roll alter Schule, stampfende Kracher mit wuchtigem Groove und fein gewobenen Psychedelic. Goss, der Vater des Desert Rock, also von Bands wie Kyuss und QOTSA, hat illustre Musiker versammelt wie seinen Langzeittrommler John Leamy, den bärtigen Dave Catching an der Gitarre, den Berliner Mathias Schneeberger an den Tasten und Paul Powell am Bass. Neun Alben haben MOR veröffentlicht, besonders die rockigen Nummern werden präsentiert, sogar vom Debüt BLUE DARDEN (1988) spielen sie Material. Die Stimmung in der Zitadelle, mit mehreren tausend Besuchern nahezu ausverkauft, ist blendend. Die Leute rocken definitiv auf der gleichen Wellenlänge wie Chris Goss und seine formidable Band.

Kurz nach Erscheinen von … LIKE CLOCKWORK, ihrem ersten Studioalbum seit sechs Jahren, brachen Queens Of The Stone Age zu ihrer Europa-Tournee auf. Mit den neuen Songs versucht der ambitionierte Josh Homme einmal mehr, die Grenzen des Genres Rock zu erweitern, ein Versuch, der bei Kritikern gelegentlich ein zwiespältiges Echo findet. ›Keep Your Eyes Peeled‹ startet den Reigen von kantigen Krachern, deren Beats Kraft und Klang von Gewitterdonner besitzen. Natürlich werden die alten Hits vom Überalbum SONGS FOR THE DEAF (2002) mit gigantischem Jubel begrüßt, darunter der Titelsong sowie ›First It Giveth‹ und ›No One Knows‹. Dann probieren sich Homme & seine Musiker, viele davon neu in der Band, an schrägen Songs, die bohren, feilen und sägen. Es geht dem großen Rotblonden um nichts Geringeres als Neuland für den Rock, während es dem Publikum in der Hauptsache um Party geht. Das passt nicht immer zusammen, hin und wieder sackt die Stimmung ab. Doch dann folgt die Rettung in Form eines Fußstampfers wie etwa ›Little Sister‹ von 2005 und alle stehen Kopf. Inzwischen ist der Mond aufgegangen, das Ende kündigt sich an. Mit ›A Song For The Dead‹ (2002) setzen QOTSA den Schlusspunkt eines furiosen Konzerts, in dem Josh Homme das Publikum forderte, aber zum Glück nicht überforderte.

Henning Richter