The Pogues – 30 Jahre Abfahrt

Zu behaupten, die irischen Folk-Punk-Veteranen The Pogues würden dieser Tage 30 Jahre alt, ist nur bedingt korrekt – immerhin gab es Ende der 90er eine fünfjährige Komplettauszeit. Seit 2001 tingelt der Tross aber wieder in Originalbesetzung durch die Lande und feierte Mitte September mit zwei Konzerten in Paris das große Jubiläum.

Sie sind zweifellos eine Macht, wie sie da zu acht auf der Bühne stehen und, kaum dass die Musik erklingt, wie eine in den Jungbrunnen gefallene Folkrock-Truppe wirken. Die Energie und Leidenschaft, ihre Überzeugungskraft, die superschmissigen Tunes, die sich stets ebenso an traditioneller Musik orientieren, wie sie um einen punkigen Zeitgeist bemüht sind: alles noch immer da. Und darum gehe es auch, sagt Akkordeon- und Mandolinenspieler James Fearnley im Interview: „Unser zentrales Interesse gilt dem Wunsch, auch mit Ende 50, Anfang 60 nicht wie eine abgehalfterte Rentnerband zu wirken, sondern die Intensität der frühen Tage wieder aufleben zu lassen. Wir wollen noch immer unsere Zähne zeigen, und damit meine ich nicht die paar komischen Krater in Shanes Mund.“ Und schon biegt er sich vor Lachen über seinen eigenen Witz.

Es sei ohnehin der Hauptgrund für ihre Wiederzusammenkunft gewesen, als sich die Urmitglieder 2001 an einen Tisch setzten und beschlossen, nach der Auszeit doch wieder auf Tour zu gehen: „Damals gab es Dutzende The Pogues-Coverbands, die wenigsten davon waren gut. Wir wollten ihnen zeigen, wie man so eine Covertruppe richtig aufzieht“, grinst er. Und erklärt damit en passant, warum es die Iren in nunmehr elf Jahren erneuter Zusammenkunft zu keinem neuen Album brachten: „Unsere Studioaufnahmen sind ohnehin recht überschaubar, denn wir waren nie eine Band der Konserve. The Pogues zu verstehen heißt, sie live zu sehen. Das ist unser Beritt, unsere Motivation. Platten aufnehmen war immer nur ein notwendiges Übel.“

Es gibt zwar Gerüchte, dass der durch jahrzehntelangen Alkoholkonsum etwas zerfressen wirkende Frontmann Shane MacGowan wieder an neuen Songs schreibe, doch bestätigen will Fearnley nichts: „Ja, sagt man so. Gehört habe ich aber seit Jahren nichts.“ Stattdessen gehen die meisten Pogues-Musiker auf der Suche nach neuem Output eigene Wege. So auch Fearnley, der Anfang des Jahres seine erste Solosingle veröffentlichte, produziert von der ziemlich hippen Dust Brothers-Hälfte John King, dessen Kinder dieselbe Schule in Los Angeles besuchen wie seine eigenen. „Er sprach mich einfach an und – zack – waren wir im Studio.“ Ein Album von ihm soll 2013 folgen.
Betrachtet man diese ergrauten, alternativ glatzköpfigen Herren auf der Bühne, wird einem eines deutlich: Echter Punk kennt kein Alter, die eruptive Kraft dieser Musik funktioniert auch noch kurz vor dem Renteneintrittsalter. Denn so sieht auch Fearnley die Band: „Wir wurden häufig als Folkband wahrgenommen, die ein bisschen ruppig ist. In unserem Selbstverständnis sind wir aber eine Punkband, die sich gewisser Folk-Elementen bedient.“ Sieht, spürt, hört man. Gerade auch in den politischen Texten MacGowans, die inhaltlich heute zwar zuweilen etwas überholt wirken – wenn es etwa um den IRA-Konflikt der 80er geht –, in ihrer Dringlichkeit und sprachlichen Präzision indes nichts von ihrer Qualität verloren haben.

So stellen sich die beiden Abende in Paris als angemessen würdevolle Jubiläums-Events dar. Für alle, die das verpassen mussten, gibt es seit dem 12. November ein schickes DVD-Set, das die Ereignisse rund um den Geburtstag sowie die beiden Shows auf stimmige Weise zusammenfasst.