Meat Loaf – Der letzte Vohang

Meat-Loaf-@-Martin-Hausler-8

Mit 65 Jahren ist Schluss. Endgültig. Sagt zumindest Marvin Lee Aday, das schwergewichtige Berufsunikum und ewige Stehaufmännchen des Rock‘n‘Roll. Nicht, weil der Mann aus Dallas nicht mehr mag, sondern weil er nicht mehr kann. Wehleidig und leise fällt der Abschied mit sechs Deutschland-Konzerten aber nicht aus. Im Gegenteil: Es gibt noch einmal Drama, Pathos und die geballte Dosis BAT OUT OF HELL.

Der füllige Herr mit den kurzen, grauen Haaren, der in einer Suite des Londoner Landmark Hotels empfängt, wirkt angespannt. Kein Wunder: Nach sechs Dekaden Showbiz, in denen er mal ganz oben und dann wieder ganz unten war, muss Meat Loaf seinen Rückzug von den Brettern, die die Welt bedeuten, erklären. Ein Schritt, der ihm keineswegs leicht fällt. Deshalb sitzt er stocksteif in einem plüschigen Sessel, fixiert seinen Gesprächspartner mit großen, weit aufgerissenen Augen und erklärt in hastigen, oft endlos langen Sätzen, bei denen er ständig den Faden verliert, das Wieso, Weshalb, Warum. Wobei er eins überdeutlich macht: Es gibt ein Leben nach dem Abschied. Und davon hat er ganz konkrete Vorstellungen.

Viele deiner Kollegen verabschieden sich in schöner Regelmäßigkeit von der Bühne, werden aber stets rückfällig. Wie steht es mit dir?
Bei mir gibt es kein Zurück. Und der Grund ist: Ich habe gerade ein neues, linkes Knie bekommen und befinde mich immer noch in der Physiotherapie. Was man auf der Bühne allerdings kaum merken wird – weil ich das nicht zulasse. Aber ich muss demnächst noch das rechte Knie machen lassen und dann ist es endgültig vorbei. Außerdem hatte ich in den letzten Jahren 18 Gehirnerschütterungen, was dafür sorgt, dass ich regelmäßig mein Gleichgewicht verliere. Ich spüre dann ein Schwindelgefühl, stolpere vor mich hin und bewege mich seltsam. Worauf die Leute meinen: „Der ist doch betrunken.“ Was ich ihnen nicht verübeln kann. Denn wie oft hört man, dass Rockstars betrunken auf die Bühne gehen oder dort nicht Herr ihrer Sinne sind? Ich meine, ich war selbst schon mal in der allerersten Reihe bei einer Show und wurde von meinem Lieblingssänger angekotzt. Was ekelig war. Nur: Das gilt eben nicht für mich. Ich bin nicht betrunken und ich kotze niemanden an. Ich habe echte Probleme.

Warum gehst du dann noch einmal auf große Tournee?
Wie heißt es so schön: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. (lacht) Hinzu kommt, dass ich keine Lust mehr aufs Reisen habe. Weshalb ich ernsthaft darüber nachdenke, ein festes Engagement in Las Vegas anzunehmen. Wir spielen da dieses Jahr vier Wochen, und reden über etwas Langfristiges ab 2014. Was auch keine klassischen Rockkonzerte wären, sondern eine Mischform aus Musik, Geschichten aus meiner Karriere und richtiger Stand-up-Comedy. Das würde unter dem Titel „Rocktales & Cocktails“ laufen und ich hätte großen Spaß daran. Einfach, weil ich frei improvisieren könnte und direkten Kontakt zum Publikum hätte.

Wir reden also nicht von Ruhestand?
Nicht wirklich. Ich habe nicht vor, mit den Filmen aufzuhören. Und mit der Musik schon gar nicht. Schließlich habe ich bereits vier Songs für mein nächstes Album BRAVE AND CRAZY fertig. Und sobald die Tour vorbei ist, werde ich daran weiterarbeiten. Vielleicht sogar mit Jim Steinman, mit dem ich schon über zwei oder drei Stücke gesprochen habe.

Demnach ist es wahrscheinlicher, dass du im Studio als auf der Bühne stirbst, was du ja immer als Motto ausgegeben hast?
Ich bin mir noch nicht sicher, wo das passieren wird. Aber es wird garantiert nicht im Flugzeug sein. Und auch nicht in einem Krankenhaus. Denn das wäre einfach schlimm. Also das Letzte, was ich jemandem wünschen würde, weil es wahnsinnig deprimierend ist. Man sollte besser irgendwo sterben, wo es aufregend ist.

Ein Abgang mit Stil?
Ganz genau… Was ja eigentlich im Rahmen der Abschiedstournee wäre. Aber: Beschreien wir es nicht! (lacht)

Wenn schon kein Exitus: Was erwartet uns bei „Last At Bat“?
BAT OUT OF HELL in derselben Reihenfolge wie auf Platte. Was mir mein Manager vorgeschlagen hat und was ich für eine großartige Idee hielt – bis die Tickets in den Vorverkauf gingen, und ich es mit der Angst zu tun bekam. Eben: „Oh mein Gott, was habe ich getan? Kriege ich das überhaupt hin?“ Doch die Proben waren ein Riesenspaß. Was nicht zuletzt daran lag, dass wir einen unglaublichen Soundmann haben, der BAT OUT OF HELL scheinbar bis ins letzte Detail studiert hat. Insofern ist der Klang der pure Wahnsinn. Ich meine, er lässt einen komplexen Song wie ›You Took The Words Right Out Of My Mouth‹ fast genauso klingen wie auf dem Album – was vor ihm noch keiner geschafft hat. Und auch ›Paradise‹, ›Crying Out Loud‹ und ›Two Out Of Three‹ sind wirklich toll.

Also reden wir von den größten Hits plus dem BAT-Album?
Es sind nicht alle Hits. Ansonsten wäre die Show viereinhalb Stunden lang geworden. Was nicht machbar ist. Von daher mussten wir das Ganze zusammen stutzen – den ersten Teil von über zwei Stunden auf vielleicht 55 Minuten. Was ein gutes Mischverhältnis zu BAT OUT OF HELL ergibt.

Das Album hat sich 45 Millionen Mal verkauft und findet pro Jahr 200.000 Abnehmer. Wie erklärst du dir den anhaltenden Erfolg? Wie konnten Jim Steinman und du Mitte der 70er einen solchen Klassiker schaffen?
Ganz einfach: Jim ist wie Samuel Beckett. Er ist ein Meister in der Darstellung des menschlichen Befindens. Und er hat die Fähigkeit, diese starken, klaren Bilder zu erschaffen, die man beim Hören sofort vor seinem geistigen Auge sieht. Zudem ist er sehr scharfsinnig und humorvoll – in allem was er tut. Er ist kein typischer Pop-Komponist, aber auch kein Broadway-Schreiber. Er ist einfach anders. Und er hat mich z.B. dahingehend motiviert, viel zu lesen – und nicht einfach einer dieser Idioten zu sein, die keine Ahnung haben, was in der Welt geschieht und die einen Präsidenten nur deshalb wählen, weil sie sein Gesicht mögen. Ich habe mich immer für Politik interessiert, genau verfolgt, was da passiert. Als ich am College war, habe ich u.a. einen Kurs in Verfassungslehre besucht. Denn ich wollte Geschichtslehrer werden.

Wie bitte?
Das war mein Berufsziel. Und deshalb musste ich mich auch mit der Verfassung der USA auskennen. Was ja dasselbe ist, was Barack Obama an der Uni gelernt hat. Deshalb würde ich mich auch gerne mal mit ihm hinsetzen und darüber diskutieren.

Und was machst du den ganzen Tag vor einer Show bzw. in den freien Tagen dazwischen, von denen du ja einige hast?
Ich beschäftige mich mit meinen Auftritten. Das ist alles, worum meine Gedanken kreisen: Es geht nur um die Show, bei der ich täglich etwas verändere, was mir nicht gefällt oder von dem ich glaube, dass man es besser machen könnte. Ich meine, ich nehme jedes einzelne Konzert auf und höre es mir noch einmal von Anfang bis Ende an, um herauszufinden, was vielleicht nicht so toll war. Das sind zwar oft nur Kleinigkeiten, die das Publikum vielleicht gar nicht mitbekommt. Aber ich sage meiner Band nach jeder Show, was ich geändert haben möchte. Eben mehr Melodie hier, ein anderes Schlagzeug-Fill da. Was für drastische Veränderungen in der Präsentation eines Songs sorgt. Und wozu ich mir jede Nacht seitenweise Notizen mache.

Wie ein Trainer, der ein Spiel analysiert?
Das ist es: Es ist wie eine Spielanalyse. Und mein Problem ist, dass ich nie abschalten kann. Was auch bedeutet, dass ich selten vor vier Uhr morgens einschlafe, weil ich die gesamte Show noch einmal in meinem Kopf durchspiele. Wenn ich dann aufwache, schreibe ich E-Mails an meinen Tourmanager und die Band und sage ihnen was mir vorschwebt. Bin ich damit durch, muss ich noch einmal acht Stunden schlafen, weil ich sonst keine Energie habe.

Wenn die Tour vorbei und das nächste Album im Kasten ist, wie geht es bei dir weiter?
Ich werde mich aufs Schauspielen verlegen. Meine Töchter Amanda, Pearl, ihr Ehemann Scott Ian und ich haben einen Vertrag beim Sci Fi-Channel unterschrieben. Und zwar für unsere Show „Paranormal“, die keine dieser üblichen Reality-TV-Serien ist, sondern eher etwas von einer Studie hat. Es ist nicht dieser übliche Quatsch von wegen: „An diesem Ort spukt es, da muss ein Geist sein.“ Sondern wir besuchen diese Orte als Ungläubige, als Zweifler. Und wenn da tatsächlich etwas passiert, lassen wir uns gerne vom Gegenteil überzeugen. Wobei ich mir sicher bin, dass es definitiv Orte gibt, an denen es spukt.

Schlägst du den Geist dann singend in die Flucht?
Nein, aber vielleicht spielt Scott ja ein bisschen Gitarre. Einfach, weil er so gut darin ist. Ansonsten wirke ich noch in einem Film namens „Polish Bar“ mit, der gerade in den USA angelaufen ist und sehr gute Kritiken bekommt. Ich agiere an der Seite von Judd Hirsch, Richard Belzer, Vincent Piazza und James Badge Dale.

Welche Rolle spielst du da?
Einen richtig fiesen Kerl. (lacht) Was eine tolle Rolle ist. Ich meine, es ist nicht die Hauptfigur, aber doch eine gute Nebenrolle. Und ich bin einmal mehr als Charakterdarsteller gefragt, wofür ich ja bekannt bin. Das liegt mir und da kann ich mich immer sehr reinsteigern. Und im Grunde habe ich auch gar keine Lust auf richtig große Parts bzw. auf TV-Serien. Das ist mir zu viel Arbeit. Aber eine Nebenrolle in einem richtig guten Film, dafür bin ich immer zu haben.

Welche elementaren Erkenntnisse hast du in fast 50 Jahren Showbiz sonst noch gewonnen?
Verleihe niemals – und ich meine unter gar keinen Umständen – dein Equipment.

Inwiefern?
1968 habe ich mit Floating Circus die Grateful Dead im Grande Ballroom in Detroit supportet. Das Problem war, dass ihr Equipment im Schnee stecken geblieben war. Also fragten sie mich, ob sie sich unser Schlagzeug und die Verstärker borgen könnten. Ich dachte: „Kein Problem. Wahrscheinlich spielen sie nur eine Stunde oder anderthalb.“ Doch was passiert? Die haben da viereinhalb Stunden abgerissen. Wobei sie um elf Uhr nachts angefangen haben, und als sie um drei Uhr morgens endlich zum Ende kamen, waren da noch die Band, der Hausmeister, ich und 50 von ihren Hardcore-Fans. Das wars. Und natürlich war ich sauer – weil sie meine Gutmütigkeit ausgenutzt haben. Mehr noch: Sie sind einfach abgehauen, ohne mir beim Abbauen zu helfen. Was bedeutete, dass ich bis fünf Uhr geschuftet habe, um alles zu verladen. Insofern kann ich nur sagen: Macht niemals den Fehler, den ich an diesem Abend begangen habe. Auch, wenn man euch für geizig oder was auch immer hält.

Marcel Anders