Live: Nick Cave

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Nick Cave And The Bad Seeds
Berlin, Admiralspalas

Eine Show in zwei Hälften

Bei der Vorstellung ihres 15. Studioalbums in der verruchten Hauptstadt europäischer Dekadenz, in der sie einst wohnten, sind der Hofdichter des wilden Verlangens und seine wucherbärtigen Schergen (inklusive des zurückgekehrten Barry Adamson) als die Good Seeds wiedergeboren. Verstärkt durch ein Kammerorchester und einen Kinderchor, zeigen sich die Stücke von PUSH THE SKY AWAY unter dem jazzigen Spiel des Schlagzeugers Jim Sclavunos als getragene Midtempo-Stimmungsbilder, durchsetzt von verspieltem Humor. Was ja alles sehr angenehm sein mag, aber irgendetwas fehlt. Vielleicht ist ein fröhliches Nick-Cave-Album einfach ein Widerspruch zu weit.
Als besagtes Album komplett gespielt ist, entlässt Cave die Kinder höflich und schickt sie zu Bett, denn die nachfolgende Darbietung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet. Die Zeit ist gekommen für eine belebende Ladung des harten Stoffs. Der Sänger entfesselt ein wahres Gewitter des aufgestauten Wahnsinns und schaltet mit dem aufheulenden, malmenden, peitschenden Strudel psychosexueller Besessenheit namens ›From Here To Eternity‹ in den Diabolischer-Serienmörder-Bluesman-Modus.

Cave wirbelt und krümmt sich über die Bühne wie eine Junkie-Punk-Version von John Cleese und lässt in ›Jack The Ripper‹ und dem brüllenden Zombie-Soul-Stampfer ›Deanna‹ noch mehr seiner Dämonen freien Lauf. Doch auch zarte Schönheit lässt sich finden, vor allem bei streicherlastigen Interpretationen von ›The Ship Song‹ und ›Love Letter‹, seiner bislang größten romantischen Leistung.

Unterm Strich also ein Konzert in zwei Hälften: erst die feine Soirée mit Dr. Jekyll, dann die frenetische Stunde im Bann eines schäumenden, dauer-erigierten, blutrünstigen Mr. Hyde.

Stephen Dalton