Live: Gary Clark Jr. – Atomic Café, München

Gerry Clark Junior _4Manic Expression & Communication Breakdown

Ein bisschen verstrahlt ist er ja!“ Stimmt, was die Nachbarin anmerkt. Gary Clark Jr., 29 Jahre alt und heiß gehandelt als „neuer Hendrix“ (New York Times), erscheint einigermaßen unbeholfen. Zumindest bei den wenigen Versuchen, im bis auf den letzten Winkel vollgestopften Münchener Atomic Café mit dem Publikum zu kommunizieren. Jedes Mal wenn er ans Mikro tritt, ist allenfalls ein leises Murmeln zu vernehmen, die Silben scheinen im dichten Gestrüpp seines Vollbarts hängen zu bleiben, wobei er verlegen an seiner Wollmütze zupft und linkisch grinst.

Macht aber nichts, denn auch wenn der schlaksige Bursche aus Austin, Texas, kein Entertainer ist, ein grandioser Musiker ist er allemal. Gleich zu Beginn packt er mit ›When My Train Pulls In‹ einen der zentralen Bluesrockstampfer seines Major-Debüts BLAK AND BLU aus, zehn Minuten manic expression zum schwer durch die Lärmwogen rollenden Gitarrenriff. Gefolgt vom drängenden Shuffle ›Don’t Owe You A Thing‹.

Interessant: Als hauptsächliches Handwerkszeug bevorzugt Clark eine Gitarre, die Hendrix keines Blickes gewürdigt hätte. Die halbakustische Epiphone Casino war zuletzt in den Händen der Beatles während der Bravo-Blitztournee 1966 populär. Clark, der die Gitarre mit einem museumsreifen Fender-Amp verstärkt, schätzt, so ließ er ein Fachmagazin wissen, den holzigen, warmen und dynamischen Ton des Instruments. Was ihm bei seinen manisch emotionalen, auf der Kante zu quietschenden Feedbackabgründen balancierenden Soli zugute kommt. Mit unendlichen Triolen-Ketten schafft er eine fast mit den Händen zu greifende Intensität, die das Publikum immer wieder zu Szenenapplaus hinreißt.

Deutlich rauer, energetischer und kraftvoller klingt all das als auf Clarks sorgsam für ein Massenpublikum geschminktem Album, Songs wie ›Numb‹, ›Ain’t Messin’ Around‹, ›If You Love Me Like You Say‹ mit dem eingearbeiteten Hendrix-Thema ›Third Stone From The Sun‹ sowie ›Travis County‹ kommen dem rustikalen Spiel der Band ebenso entgegen wie der außergewöhnlich warmen Soulstimme von Clark. Dennoch will die Party nicht recht zünden. Der Mann aus Austin schafft es nicht, das Publikum wirklich zu berühren – auch wenn er mit einer meditativen Lesung von ›Blak And Blu‹ demonstriert, dass der Song deutlich mehr Tiefe hat als die Neo-R’n’B-Schunkel-Version auf dem Album vermuten lässt, und das Ganze zum Abschied mit einem dröhnenden ›Bright Lights‹-Finale krönt. Nach 100 Minuten schlurfen Clark und seine drei Begleiter von der Bühne. Ohne Zugabe.

Ernst Hofacker