Nachruf: Alvin Lee – Going Home 1944-2013

Alvin Lee

 

Als Ende der 60er Jahre das Zeitalter der Gitarrengötter anbrach, erspielte er sich einen wohlverdienten Platz im Olymp: Der in Nottingham geborene Graham Alvin Barnes, so sein bürgerlicher Name, startete seine Profikarriere 1962 mit den Jaybirds, die auch im Hamburger Star Club gastierten. Doch erst mit den 1967 gegründeten Ten Years After ging es wirklich bergauf – auf den ersten Blick ein typisches Kind des britischen Blues-Booms jener Jahre, avancierte die Band zu einer Plattform für ausgefeilte, genreübergreifende Improvisationen. Denn Lee, der mit wahrhaft atemberaubender Geschwindigkeit solieren konnte, war weit mehr als nur ein technisch versierter Schnellspieler, er inkorporierte Jazz, Rockabilly, Folk und war auch dem psychedelischen Experiment nicht abgeneigt. Das ganz große Publikum erreichte die Band allerdings erst mit dem Konzertfilm „Woodstock“. Ten Years Afters rasantes ›I’m Going Home‹, über zehn Minuten lang und verfeinert mit Lees Scat-Gesang sowie Reminiszenzen an die Rockabilly-Ära, wurde quasi zur Erkennungsmelodie des virtuosen Quartetts. In den frühen 70ern gelang Ten Years After das Kunststück, sowohl Blues-Fans zu begeistern, die sich an Stücken wie ›I Can’t Keep From Crying, Some­times‹ und ›Help Me‹ delektierten, als auch progressiver gesinnte Hörer anzusprechen, die den technisch anspruchsvollen Improvisationsrock der Band goutierten.

1974 trennten sich Ten Years After, Lee hatte bereits ein Jahr zuvor mit Freunden wie Mylon LeFevre, George Harrison und Steve Winwood das Album ON THE ROAD TO FREEDOM aufgenommen. Mit seinen neuen Formationen Alvin Lee & Company und Ten Years Later veröffentlichte er jeweils zwei Alben und blieb dem Bluesrock auch in den folgenden Jahren treu. 1989 entstand mit Ten Years After das Reunion-Album ABOUT TIME, ein Kindheitstraum wurde für Lee dann im Jahre 2004 wahr: Mit Gitarrist Scotty Moore und Schlagzeuger D.J. Fontana, Mitgliedern von Elvis Presleys erster Begleitband, nahm er das Album IN TENNESSEE auf – Ende der 50er war Lee nur deshalb in den Elvis-Fanclub eingetreten, um an Fotos seines Idols Scotty Moore zu kommen. Noch im vergangenen Herbst erschien sein letztes Album STILL ON THE ROAD TO FREEDOM.

Völlig unerwartet verstarb Alvin Lee am 6. März in Spanien an den Folgen einer „Routine-OP“, wie seine Familie verlauten ließ. Er wurde 68 Jahre alt. Seine legendäre Gibson ES-335 in Cherry Red, verziert mit einem Peace-Aufkleber und allerlei weiteren Stickern, wird nun für immer schweigen.